Es ist sehr viel Zeit vergangen bevor die Entscheidung gefallen ist, dieses Manuskript der Öffentlichkeit vorzustellen. Aber nicht vergangen ist das Gefühl, all den Menschen zu danken, die auf vielfältiger Art und Weise für den Erfolg der Aufgabe beigetragen haben, den Versuch zu starten, körperbehinderten Kindern und Jugendlichen ein Ferienerlebnis zu bieten, in einer gesellschaftlichen Zeit, die es nicht einfach machte solch einen Vorhaben zu verwirklichen.
Mein besonderer Dank gilt immer wieder unseren Partnerinnen und Partnern, die in jeder Situation Verständnis für die Begeisterung der hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern des Hilfszuges des Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes der DDR aufbrachten. Eine Einrichtung, die den gesellschaftlichen Umschwung leider nicht überstanden hat. Der Einsatz, ein Ferienlager für körperbehinderte Kinder und Jugendliche durchzuführen, war ein offizieller Beitrag unserer Organisation zum UNO-Jahr der Behinderten 1981.
Diesem Beitrag folgten bis zur gesellschaftlichen Wende jährliche gleichartige Ferienlager des DRK der DDR. Immer mit den Wunsch, behinderten Kindern und Jugendlichen, die meist ganzjährig in sozialen Einrichtungen lebten und dort eine gesellschaftlich gleichwertige, qualifizierte Betreuung und schulische Entwicklung erhielten, Ferienerlebnisse zu bieten, die sie wegen den körperlichen Einschränkungen sonst kaum erleben konnten.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit, diesen Bericht zu lesen !
Geschafft!
Der letzte Wagen mit Mitgliedern des Jugend-Rotkreuzes hat 1980 das Zeltlager in Euba Richtung Bahnhof Karl-Marx-Stadt (jetzt heißt die Stadt wieder Chemnitz) verlassen. Es kehrt wieder Ruhe im Zeltlager ein.
250 jugendliche Gesundheitshelfer haben vier Tage in unserem Lager gelebt. Tagsüber waren die Kameradinnen und Kameraden bei einer Vielzahl von Veranstaltungen im Rahmen des V. Festivals der Freundschaft als Gesundheitshelfer im Einsatz. Wie immer zu solchen Jugendtreffen, waren einige tausend Jugendliche eingeladen, ein Freundschaftstreffen mit sowjetischen Gästen zu feiern.
Alles natürlich im großen Rahmen, anders kannten wir es eigentlich auch nicht, Eröffnungsfest, Demonstration durch die ganze Innenstadt, vorbei am „Nischel“, dem Karl-Marx-Monument, vielen kleine Veranstaltungen und dem großes Abschluss-Festival im Stadion – alle diese Veranstaltungen mussten auch seitens der gesundheitlichen Betreuung aller Teilnehmer abgesichert werden. Also wurden neben den DRK-Kräften der Bezirksorganisation weitere 250 Mitglieder des Jugend-Rotkreuzes aus den benachbarten Bezirken über die Kreisorganisationen eingeladen, nach Karl-Marx-Stadt zu kommen und dort als Gesundheitshelfer mitzuwirken. So ein Einsatz macht meist richtig Spaß. Die Jugendlichen sind vier Tage von zu Hause weg, sind unter Gleichaltrigen und erfüllen doch eine sehr wichtige Betreuungsaufgabe. Selbstverständlich gibt es da auch viel zu lachen und Unterhaltung, besonders abends im Lager.
Für uns, die Mitarbeiter des Hilfszuges des DRK, ist so ein Lager zwar eine aufwendige Aufgabe, aber nicht außergewöhnlich. Wir haben solche Aktionen schon oft erlebt und dabei schon eine gewisse Routine erreicht. Aber trotzdem, ein neuer Standort bringt neue Hindernisse, die überwunden werden wollen. Schließlich hat am Eröffnungstag das Zeltlager in einem Zustand zu sein, dass sich unsere Gäste wohl fühlen. Also sind wir Tage vorher mit großem Tross hier eingetroffen. Der Sportplatz der Gemeinde Euba war als Lagerplatz zugewiesen und wir hatten mit den Bedingungen fertig zu werden. Nur gut, dass das Wetter uns wohl gesonnen war. Die Sonne hat uns an allen Tagen verwöhnt, so dass wir in den Zelten keine Heizungen einrichten mussten.
Der Aufbau des Lagers ging zügig vonstatten. Unterstützung hatten wir durch unsere Hilfszug-Staffelkräfte. Die Kameraden der Staffeln West (Erfurt) und Mitte (Magdeburg) sind mit jeweils vier Unterkunftzelten angerückt, einschließlich Zeltbeleuchtung, der Ausstattung mit Camping-liegen, Schlafsäcken, Decken, Tischen und Stühlen. Sie waren auch für den Aufbau dieser Zelte zuständig.
Von der Zentrale des Hilfszuges kam die Spezialtechnik. Mit zwei Küchenzügen, Kraftstromaggregaten, Wasserwagen, Duschzug, Nachrichtenzug, weiteren Unterkunftzelten für unsere Gäste und für die eigenen Kräfte, Waschzelte, bis hin zum Toilettenpapier, alles wurde mitgebracht. Das waren schon ein paar LKWs voller Material.
Die Zelte, in denen die Mädels untergebracht werden sollten, wurden mit Betten, Bettwäsche, Tische, Stühle ausgestattet. Die Zelte der Jungen wurden mit Campingliegen, Bettwäsche und Decken oder Schlafsäcken ausgestattet.
Zu jedem Bett ein Stuhl als Ablage sowie Tische und Stühle, wenn man sich in den Zelten aufhalten wollte. Aber wir hatten auch ein 21-Meter-Zelt als Speise- und Aufenthaltszelt aufgebaut. Die Tische mit Tischdecken und kleinen Blumengrüßen versehen, Fernseher für die Kameradinnen und Kameraden, die Freizeit hatten und sich unterhalten lassen wollten, war da. Der Rhythmus der Einsätze war so abgestimmt, dass ein kleiner Teil der Einsatzkräfte vormittags unterwegs war. Der zweite Teil der Einsatzkräfte hatte vormittags frei, konnte im Lager Mittagessen einnehmen und wurde dann an die verschiedenen Einsatzpunkte in der Stadt gebracht. Dazu hatten wir drei Manschaftstransporter-LKWs und drei B1000-Kleinbusse (je 8 Sitzplätze) im Einsatz. Diese Transporte wurden abgestimmt auf die Einsatzaufgaben, das heißt, hatte eine Gruppe den Auftrag bei einer bestimmten Veranstaltung die Erste-Hilfe-Versorgung abzusichern, wurde diese Gruppe direkt zum Einsatzort gefahren und zu einer vereinbarten Zeit wieder abgeholt. Zusätzlich hatten wir in der Innenstadt und am Abzweig nach Euba – direkt gegenüber der Straßenbahnhaltestelle - einen Haltepunkt für unsere Transporter eingerichtet. Da alle Teilnehmer mit ihren Teilnehmerausweisen auch alle öffentlichen Nahverkehrsmittel sowie die Buslinien in das Umland kostenfrei benutzen konnten, war es kein Problem, in die Stadt zu kommen oder von dort wieder in unser Lager. Unsere Transporter fuhren die Haltestellen bei jeder Fahrt in die Stadt an, nahmen unsere Teilnehmer mit zurück, wenn sie nicht die Freizeit in der Stadt zum Bummeln nutzen wollten.
Die Kräfte, die vormittags Dienst hatten und mit zurück gebracht wurden, konnten anschließend hier essen. Gekocht wurde ja durch unsere eigenen Küchenkräfte in unseren Küchenzügen. Eigentlich war ja die Versorgung aller Gäste und Einsatzkräfte zentral geregelt. Das heißt, Früh 6:00 Uhr musste unser Verpflegungsfahrer bereits im zentralen Auslieferungslager sein. Verpflegungsbeutel für unsere Einsatzkräfte und Stammpersonal – also rund 300 gut gefüllte Verpflegungsbeutel in Empfang nehmen. Diese Beutel waren bestückt mit Brötchen für Frühstück, abgepacktes Brot für Abendbrot, ausreichend Butter, Wurstdosen, Käsepackungen, Obst, Süßigkeiten, Kekse, Fruchtsaftabpackung oder Milchecke (ein viertel Liter Milch in einem dreieckigen Tetrapack), Plastbesteck und Papierservietten, alles was man so am Tage gebrauchen kann. Das Mittagessen wurde ebenfalls im Zentrallager ausgeliefert als Halbfertigpackungen. Alles gefrostet, Fleisch fertig gegart, Gemüsebeilage vorgekocht und gefrostet, Kartoffeln vorgeschält und Obst. Für unsere Küchenbesatzung blieb also „nur“ die Zubereitung. Aber auch das war genügend Arbeit, denn zum Frühstück war rechtzeitig für alle Lagerteilnehmer Kaffee, Kräutertee oder Milch im Angebot, In Vorbereitung des Mittagsessens mussten die Kartoffeln nachgeschält werden, die Essenkomponenten zubereitet und gegebenenfalls nachgewürzt werden, alles unter dem Zeitdruck, dass ein Teil der Einsatzkräfte spätestens um 12:00 Uhr essen wollte, der zweite Teil der Einsatzkräfte aber meist erst gegen 13:30 Uhr im Lager ankam. Die wollten, oder sollten aber auch keine zerkochten Kartoffeln serviert bekommen – also zumindest Teile der Mahlzeiten mussten in Etappen zubereitet werden. Dann war der ganze Abwasch zu bewältigen, eine Geschirrspülmaschine gab es nicht, da mussten zwangsläufig einige von unserem Stammpersonal und aus unserem Jugendzug bereit sein. Meist war es Wolfgang, einer unser Küchentechniker, der stillschweigend im Küchenzelt verschwand, dann kam Marianne – unsere ehrenamtliche Köchin - dazu und zwei oder drei Kameraden vom Jugendzug. Ach ja, Horst unser „Wassermann“ (weil er für die Wasserversorgung im Lager zuständig war) und Hebbel – der eigentlich Helmut heißt, aber halt seinen Spitznamen weg hatte (und die meisten kannten ihn nur als „Hebbel“), waren dann auch oft mit beim Abwaschkommando. Das heiße Wasser kam vom Duschzug. Also los, immerhin rund 350 mal Geschirr wollen gespült sein!
Im Speisezelt sorgte meist einer unserer Köche, ein Mädel vom Jugendzug und Erich für die Essenausgabe. Aber Erich war auch der Fahrer von einem unserer B1000-Busse, musste also oft wieder auf Tour. Trotzdem, es klappte alles wie immer, unsere Gäste waren zufrieden und wir auch.
Weil unsere Küchenbesatzung es immer bei solchen Einsätzen so handhabte, gab es meist zum Abendbrot Bratkartoffeln, oder es wurde eine „Salatbar“ aufgebaut. Ist mittags Fleischkomponente übrig geblieben, gab es abends vielleicht Gulaschsuppe., natürlich unter Beachtung hygienischer Vorgaben. Obst war eigentlich den ganzen Tag über im Angebot – unseren Gästen sollte es an nichts fehlen. Die meisten fühlten sich auch bestens versorgt.
Neben diesen Versorgungsaufgaben hatten wir natürlich auch Betreuungsaufgaben zu erfüllen. Alle Lagerteilnehmer konnten mehrere Stunden am Tag unseren Duschzug nutzen – natürlich schön getrennt. Am Duschwagen gab es ja auf jeder Seite ein Umkleidezelt, hier also ein Zelt für Mädchen, die andere Seite für Jungen und dann auch in einem Zeitrhythmus – jeweils zirka eineinhalb Stunden für die einen, dann für die anderen – ganz wie der Andrang war. Die Ansage dazu kam über den Lagerfunk. Das war das Reich von Heinz, unserem Nachrichtentechniker.
Er hat dafür gesorgt, dass im Lagerfunk immer schöne Musik war, die Lagerleitung – besetzt durch Kameraden vom Organisationskomitee - über Lautsprecherdurchsagen einzelne Einsatzgruppen aufrufen konnte und eine ständige Funkverbindung zu ihrer zentralen Einsatzleitung hatte. Zusätzlich bestand eine Telefonverbindung in das öffentliche Netz. Für den technischen Ablauf des Lagerlebens war der Einsatzleiter des Hilfszuges verantwortlich. In diesem Fall war ich das, der Gruppenleiter Med.-Versorgung. Ich hatte also „den Hut“ auf für alles, was sich im und rund um das Lager bewegte.
So sehr hob sich diese Funktion aber nicht von den anderen ab, schon gar nicht, wenn wir in der Aufbau- oder Abbauphase waren und alle einen „Blaumann“ anhatten. Während der Lagerzeit auch nur, weil an meinem Ärmel der Dienstkleidung ein paar Streifen, oder auf den Schulterklappen ein paar Sterne sind. Bei unserer Truppe war jeder ein Kraftfahrer, wenn es darum ging die Technik zu warten oder zu bewegen. Schließlich hatten wir über 100 Fahrzeugeinheiten, waren aber nur 25 Mitarbeiter, die hauptamtlich beim Hilfszug beschäftigt waren, einschließlich der Leitung und unserer kleinen Bürobesatzung, bestehend aus Buchhalterin und Bürokraft. Der Leitung des Hilfszuges steht der Leiter der Dienststelle vor. Dann gab es drei Gruppenleiter - den Gruppenleiter Technik, verantwortlich für den technischen Zustand der Fahrzeuge, den Gruppenleiter Unterkunft, verantwortlich für alles Material, was zur Betreuung notwendig ist und den Gruppenleiter Med.- Versorgung, der zugleich Stellvertreter des Leiters der Dienststelle war, aber hauptsächlich verantwortlich für die umfangreiche medizinische Ausrüstung. Denn der Hilfszug des Präsidiums der DRK der DDR hatte ja als Hauptaufgabe, die ständige Einsatzbereitschaft der umfangreichen speziellen technischen Mittel der Organisation zur Sicherstellung der Versorgungs- und Betreuungsaufgaben bei schweren Havarien oder Katastrophen zu gewährleisten. Das sind Ausrüstungen und Fahrzeuge, um im Einsatzfall für bis zu 1000 Bedürftigen erste medizinische Hilfe, Versorgung und Betreuung leisten zu können. Um diese Mittel aber nutzen zu können, ist eine Vielzahl von zusätzlichen Helfern erforderlich, die mit dieser Technik vertraut und bereit sind, im Bedarfsfall sofort und ohne „Wenn und Aber“ zur Verfügung zu stehen. Einfach Menschen, denen "Helfen" eine Selbstverständlichkeit ist, die bereit sind, Tag und Nacht für diese Aufgabe einzustehen, und das meist auf freiwilliger Basis. Die oft ihren Urlaub dafür opfern, um mit uns zu Einsätzen zu fahren. Einfach für Andere da zu sein. Diese Einsatzbereitschaft zur Hilfeleistung gilt für fast alle Kameradinnen und Kameraden, die ich in den Jahren meiner Tätigkeit beim Hilfszug kennen gelernt habe. Und so eine Einstellung zur Sache formt ganz selbstverständlich ein Kollektiv, das gemeinsam durch dick und dünn geht. Das gilt nicht nur für unsere hauptamtlichen Mitarbeiter, auch für die ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden. Jeder von uns hatte dafür Sorge zu tragen, dass die ihm anvertraute Technik einsatzbereit ist, die Fahrzeuge gepflegt werden – und da hatte jeder hauptamtliche Mitarbeiter mindestens drei bis vier Fahrzeuge zu warten, musste auch die entsprechende Technik beherrschen und zugleich ein Allrounder sein, denn Vielseitigkeit war gefordert, um allen Aufgaben gerecht werden zu können.
So hatte Heinz für die gesamte Nachrichtentechnik die Verantwortung, Hebbel war verantwortlich für die Elektrotechnik, also Aggregate, Beleuchtung, Heizung, kannte sich aber genauso gut auf dem Duschzug aus. Oder Horst, unser Wassermann, fuhr nicht nur den Skoda-Trinkwasser-Tankwagen, sondern war auch dafür zuständig, dass die Trinkwasserqualität stets stimmte.
Roland, unser Autoschlosser, war ein sehr vielseitiger Schlosser, dem man eigentlich jede Aufgabe stellen konnte und der immer eine Lösung bereit hatte, ob das Reparaturen waren, irgend welche Schweißarbeiten oder was sonst noch notwendig war. Er hatte aber auch die Berechtigung zum Personentransport, eine zusätzliche polizeiliche Erlaubnis, um Einsatzkräfte mit einem zum Personentransport zugelassenen LKW zu transportieren.
Manfred, mein Techniker der Med.- Gruppe. anfangs hat er unseren OP-Zug gefahren, einen H6 – Spezialkoffer mit Spezialkoffer-Hänger als OP-Einheit und kleinem Wasserhänger. Das war knapp eine Zug-Einheit, die an das Maß „Überlänge“ reichte. Da musste man schon ein guter Kraftfahrer sein, um alle Kurven ohne Schrammen zu schaffen und die Lenkung des H6 hatte noch keine Hydraulikunterstützung. Mit Beginn der Umrüstung der Med.-Technik Anfang der 80er Jahre auf die hochmodernen Faltkoffer, kamen neue Aufgaben auf ihn zu. Die Faltkoffer, etwa in der Größe eines 20-Fuß-Containers, haben eigene Hebe-Einrichtungen und können somit von jedem Transport-LKW befördert werden und selbständig abgesetzt werden. Wir haben aber für jeden Faltkoffer einen zugehörigen W 50 – Pritsche.
Nach dem Absetzen des Faltkoffers – das geht elektrisch mittels zusätzlichem Stromaggregat oder auch manuell – wird der Faltkoffer entfaltet und ist mit seiner speziellen Ausstattung eine einsatzbereite medizinische Untersuchungseinrichtung mit drei Räumen, in denen Ärzte und medizinisches Personal beste Arbeitsbedingungen haben gegenüber den Versorgungsplätzen in Zelten. Die Faltkoffer haben eine eigene Wasserversorgung, elektrischen Stromanschluss, Heizungs-, und Kühlungsaggregat.
In der weiterführenden Umrüstung der Med. Gruppe kamen später Faltkoffer mit einer besonderen OP-Ausstattung oder als Pharmazeutisches Feldlabor hinzu. Solch eine Medizinische Untersuchungsstation – kurz MUS – hatten wir auch im Zeltlager aufgebaut, um für den Ernstfall gewappnet zu sein. Die Ärztin von der poliklinischen Außenstelle in Niederwiesa war ganz begeistert von dieser Technik und erklärte sich sofort bereit, dass wir sie, egal zu welcher Zeit, rufen könnten, wenn wir sie brauchen.
Gerd, unser Autoelektriker, hatte ein umfangreiches Aufgabengebiet, schließlich gab es genug Fahrzeuge und Aggregate deren Elektrik zu warten war. Nebenberuflich qualifizierte er sich zum Erwerb des Meistertitels weiter.
Jetzt alle Kameraden hier vorzustellen geht nicht, aber unseren Max, der eigentlich Wolfgang heißt, aber einen Wolfgang haben wir schon und es war halt so Usus, dass der dienstältere Kamerad bei seinem Vornamen genannt wurde und bei einer Namensgleichheit der Neue halt einen Spitznamen bekam. So war Wolfgang2 unser „Max“. Und Max war nicht nur der Kraftfahrer mit Leib und Seele, der unbedingt unseren größten LKW – einen SKODA-LKW und einen W50-Auflieger mit langer Ladepritsche fahren wollte, er war auch einer unserer Küchentechniker, hatte zusätzlich Kenntnisse im Brandschutz, weil er früher bei der Freiwilligen Feuerwehr seiner Gemeinde mitgearbeitet hatte und bei uns jetzt nebenbei für das B1000-Löschfahrzeug zuständig war. Natürlich hat jeder Kraftfahrer mindestens einen weiteren Transport-LKW mit dem er die täglichen Arbeitsleistungen erfüllen konnte, denn Transportleistungen für die Organisation waren nun mal unser Tagesgeschäft.
Nicht unerwähnt bleiben können unsere ehrenamtlichen Kräfte, ohne die funktionierte ein Einsatz dieser Art einfach nicht.
Marianne und Ralf, ein Ehepaar, er beruflich Wagenmeister bei der Eisenbahn, sie gelernte Köchin, aber jetzt Hausfrau, Mutter von drei Kindern, eine DRK-Kraft, die zu jeder Gelegenheit vom Kreissekretariat gerufen wurde, um Dienste als Gesundheitshelferin im Theater, im „Haus der heiteren Muse“ oder beim Bahnhofsdienst zu übernehmen. Beide sind beim Hilfszug als ehrenamtliche Köche und ständig dafür einsatzbereit.
Lothar, von Beruf Fleischer war auch bei vielen unserer Einsätze als Koch mit dabei.
Rudi, eigentlich Produktionsleiter in einer Taschen- und Kofferfabrik, war ebenso als ehrenamtlicher Koch oft mit uns im Einsatz.
Günther und „Ecke“ müssen an dieser Stelle aber auch erwähnt werden. Beide arbeiten tagtäglich als Krankentransporteure im Kreisgebiet Wurzen, aber wenn der Hilfszug rief, da waren sie sofort bereit, mit uns in Einsatz zu gehen, auch wenn dieser über Wochen dauerte.
Von unseren Staffelkräften habe ich ja schon erwähnt, dass sie überwiegend als Krankentransporteure in ihren Heimatkreisen tätig waren, die Arbeit in der Hilfszug-Staffel aber zusätzlich in ihrer Freizeit übernommen haben.
Bleiben immer noch Kameraden ungenannt, aber bestimmt nicht vergessen, wie Toni – eigentlich hieß er Anton, aber das war zu altdeutsch, Toni klingt moderner, oder unser Mann im Materiallager, die bei diesem Einsatz nicht mit waren, denn der Betrieb in der Zentrale des Hilfszuges musste ja auch aufrechterhalten werden.
Eine Bemerkung ist noch zu den Kameradinnen und Kameraden des DRK-Jugendzuges Leipzig Süd fällig. Seit Beginn der 70-ziger Jahre haben wir ständig zusammen gearbeitet. Die Jugendlichen wurden durch Karl-Heinz, dem Vorsitzenden der Grundorganisation so für die ehrenamtliche Arbeit im DRK begeistert, dass es wirklich Spaß machte, Teile dieser Truppe mit zu unseren Einsätzen zu nehmen. Karl-Heinz, eigentlich Haustechniker in einem Interhotel ( das sind die Hotels, wo man fast nur gegen Devisen bewirtet wurde), verstand es, die Jugendlichen vom Schüler, der „Junger Sanitäter“ werden wollte, über Jugendliche in dem Alter, wo sie eigentlich schon erwachsen sein wollten, aber doch immer noch Blödsinn wie Kinder machten, bis zu jungen Erwachsenen für die Arbeit im Roten Kreuz zu begeistern. Die Jugendlichen bauten sich einen vorbildlich organisierten Jugendclub auf. Sie waren aber auch in ihrer Freizeit in der „Dr. Georg-Sacke-Klinik“, einem Fachkrankenhaus für Orthopädie, als ehrenamtliche Hilfskräfte tätig, leisteten viele Einsatzstunden bei Veranstaltungen in der Stadt oder im Sportstadion und gingen mit Begeisterung zu Einsätzen des Hilfszuges mit. Gute schulische Leistungen waren eine wichtige Voraussetzung, aber sie lernten so auch den Sinn der Worte Hilfsbereitschaft, Kameradschaft, Einsatzfreude im täglichen Leben kennen und manche von ihnen sind heute Ärzte oder Krankenschwestern – helfen Menschen.
Alle Kameradinnen und Kameraden, ob haupt- oder ehrenamtlich, fanden diese Einsatzbereitschaft als Selbstverständlichkeit. Ich habe in all den Jahren der Zusammenarbeit – und das waren auf den Tag genau 15 Jahre – nie eine Frage nach finanzieller Abgeltung der Einsatztätigkeit oder Abgeltung für angefallene Überstunden gehört. Dabei gab es Einsätze, bei denen wir 5 Wochen unterwegs waren. Egal – „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ – wie es so schön heißt.
Jetzt war es Zeit für „Schnaps“ geworden. Der Auftrag „Lager Euba 1980“ war erfüllt, im Lager war Ruhe eingekehrt, lediglich unsere Jugendlichen durchkämmten noch gewissenhaft jedes Zelt, jede Schlafstelle nach vergessenen Sachen, denn noch hatten wir den Belegungsplan, konnten also nachvollziehen, welche Teilnehmer welcher Gruppe in welchem Zelt geschlafen haben und hätten so vergessene Sachen schnell nachschicken können. Eine Sicherungsmaßnahme, die zum Abschluss jedes Einsatzes dieser Art durchgeführt wurde. Bevor wir uns in unsere „Küchenecke“ zurückgezogen.
Hier war unser Frühstücks- Mittags- und Abendbrotplatz, hier wurde eine Tasse Kaffee getrunken, und wenn die Aufgabe erfüllt war, gab es hier auch das „Feierabendbier“. Marianne hatte gerade angekündigt, dass es abends wahlweise „Bauernfrühstück“, Wurstplatte oder „Salatbar“ - wegen ihr, auch alles zusammen – gibt. Wir hatten ja eigene Lebensmittelvorräte, denn in der Aufbau- und Abbauphase, also vor und nach den Tagen der zentralen Versorgung, waren wir für die Versorgung unserer Einsatzkräfte selbst verantwortlich. Und diese Versorgung war nicht schlecht. Wir waren da einigermaßen verwöhnt von unserer Küchenbesatzung und die hätte sich was anhören können, wenn es nicht schmeckt! (Natürlich alles im erlaubten finanziellen Rahmen, gut wirtschaften musste unsere Küchenbesatzung schon. Wir hatte einen finanziellen Tagessatz, konnten aber selber entscheiden was wir einkauften.)
So nach und nach trudelten alle in der Küchenecke ein. Die Jugend-Truppe hatte ihre eigene Pausen-Ecke, so störte keiner den anderen. Wir machten es uns gemütlich, genehmigten uns ein Bier – natürlich aus unserer Kollektivkasse bezahlt, in die jeder seinen Obolus einzahlte und sich dann auch bedienen durfte. Oder, es hatte einer eine Sache versaubeutelt und zur "Strafe" war ein Kasten Bier zu spendieren. Einen Grund fanden wir bestimmt und alle fanden das selbstverständlich und prima. Also – Prost!
Der Vizepräsident des Präsidiums des DRK der DDR, Kamerad Obermedizinalrat (OMR) Dr. med. Hagemoser – nach dem Präsidenten des DRK unser oberster Chef, denn die Einheit Hilfszug war ihm direkt in der Führungshierarchie unterstellt – war nach dem offiziellen Abschlussappell aller Teilnehmer im Lager geblieben. Er hatte mit den Kameradinnen und Kameraden ein gutes kameradschaftliches Verhältnis. Gelegenheiten, ein persönliches Gespräch zu führen, sich nach Familie und Problemen zu erkundigen – ein freundliches Schwätzchen hier und da. Ich glaube, er fühlt sich immer wohl im Kreis unserer Mannschaft.
Wenn wir auch zu solchen Einsätzen oft zusammen waren, er immer in seiner Funktion als Vizepräsident, wir als Mitglieder der Organisation, gab es für persönliche Gespräche immer eine Möglichkeit. Deshalb kamen wir jetzt beim „Feierabendbier“ schnell von dem dienstlichen „Kamerad Vizepräsident“ und dem „Sie“ zu dem persönlicherem „Du, Kamerad Vize“. Wir saßen zusammen, diskutierten was bei dem Einsatz gut geklappt hat und was wir beim nächsten Einsatz vorher besser abstimmen müssten, diskutierten über die letzten Fußballergebnisse oder über das Wetter. Ein richtiger Feierabendplausch, während wir auf das Abendbrot warteten.
In dieser gemütlichen Runde kam vom Vize ein Gedanke, der mich anfänglich überhaupt nicht berührte:
Der Abend schlenkerte so dahin. Das Wetter war wunderbar, ein richtig goldener Sonntagabend. Das Abendbrot schmeckte wie immer. Eigentlich könnte man die ruhigen Stunden richtig genießen. Wir lassen die vergangenen Tage nochmals in Gesprächen und Gedanken Revue passieren.
Da war der Auftritt der Unterstufenklassen von der Schule Euba, die zum Eröffnungsappell einen kulturellen Beitrag leisteten. Die kleinen Tänzerinnen haben uns einen hübschen Matroschka-Tanz vorgeführt. Oder am Freitagabend, da hatten wir für einige Mitglieder unseres Jugendzuges Karten für die Generalprobe der Abschlussfeier bekommen.
Ein Teil der Teilnehmer unseres Lagers waren als Einsatzkräfte auf den Zugangsstrecken und im Stadion eingesetzt. Die Kameradinnen und Kameraden, die frei hatten, waren teilweise auch mit im Stadion als Zuschauer. Die Eintrittskarten reichten aber nicht für alle. Dafür gab es dann Sonnabend bei uns eine Überraschung.
Angelika Mann, eine bekannte und bei der Jugend beliebte Schlagersängerin, kommt mit ihrer Band nach Euba!
Wie ein Lauffeuer ging diese Nachricht durch das ganze Dorf, und Euba ist zwar nicht sehr groß aber dafür ganz schön lang – ein richtiges Straßendorf. Die Häuser nur rechts und links der Hauptstraße, Seitenstraßen gab es eigentlich nicht im Ort. Am Abend ging ein Knattern von Motorgeräusch die Dorfstraße lang. Die Jugend des Dorfes und der Nachbargemeinden waren mit Mopeds und Motorrädern auf Achse zur Dorfgaststätte. Dort trat Angelika Mann und Band im Saal der Gaststätte für unsere Teilnehmer auf. Da war vielleicht ein Betrieb. Die Jugend des Dorfes stand parat und wollte gemeinsam mit unseren Teilnehmern das Konzert erleben. Der Saal, ein richtig alter Gemeindesaal, war brechend voll und immer noch standen interessierte Jugendliche draußen an und warteten auf Einlass. Nichts ging mehr!
Eine Notlösung musste gefunden werden, also wurden Fenster und Türen vom Saal weit geöffnet und die Tonanlage noch ein wenig weiter aufgedreht, damit die „Zaungäste“ auch was von dem Konzert mitbekamen. Eine tolle Stimmung – drinnen und draußen!
Es gab aber auch ein sehr offizielles Ereignis in diesen Tagen. Unser Präsident, Prof. Dr. Ludwig hatte sich zum Besuch des Lagers angesagt. Er wollte absolut keinen großen Empfang, das war wohl nicht das, was er in unserem Lager erleben wollte, nein, er wollte einfach unter den Teilnehmern sein, ihnen Anerkennung zollen für die Einsatzbereitschaft und "Danke" sagen und er wollte einigen Ehrengästen des DRK, die immer zu solchen großen Festen geladen werden, zeigen, wie der Hilfszug funktioniert, denn solch eine Einrichtung hatten die befreundeten Rot-Kreuz-Organisationen (des Ostblocks) nicht. Deshalb hatte er auch die Gäste dieser Organisationen eingeladen, mit ihm nach Euba zu kommen, um selbst zu sehen, welche technischen Mittel dem DRK der DDR im Havarie- oder Katastrophenfall zur Verfügung stehen.
Natürlich haben wir uns auf diesen Besuch vorbereitet. Keine Technik-Parade, sondern Funktion im Einsatzalltag, das wollten wir beweisen.
Ein Rundgang, viel Erstaunen bei den Gästen, viele Fragen und alles wollten sie sehen, jedes Detail in Funktion, im ganzen Lager.
Unsere Küchenzüge wurden genau inspiziert, denn diese Technik hatte man nicht in anderen Rot-Kreuz-Organisationen der befreundeten Staaten. Dort wird so eine Versorgungsaufgabe oft mit militärischer Technik gelöst.
Der Faltkoffer, die neueste Errungenschaft im Hilfszug, war ebenso eine beeindruckende Technik. Es gab so viele interessante Fragen, dass die Zeit, die für den Rundgang eingeplant war, einfach nicht reichte. So luden wir unsere Besucher in unser Gästezelt ein. Ja wir hatten – eigentlich auch wie immer zu solchen Festen – auch ein Gästezelt. Eines unserer Zelte aus der Med.- Gruppe wurde dafür „zweckentfremdet“, natürlich mit einer weißen Innenhaut, Gästetafel, Blumenschmuck, Wimpelständer.
Unser Uwe, ein Mitglied des Jugendzuges, der in dem größten Leipziger Interhotel eine Ausbildung zum Hotelfachmann absolviert, fungierte hier als „Chef des Hauses“. Er hatte eine besondere Überraschung für die Gäste vorbereitet. Es war ein wunderschöner Sommertag, eigentlich viel zu heiß für lange Rundgänge im Freien, alle schwitzten, keiner wollte es eingestehen, aber alle waren froh ein schattiges Plätzchen zu finden.
Uwe hatte sich in Vorbereitung auf diesen Besuch bei mir neue kleine OP-Tücher ausgeborgt, diese ganz leicht angefeuchtet, geschickt gewickelt und in der Tiefkühltruhe im Küchen-Arbeitshänger eingefroren. Diese Tücher bekamen alle Gäste bei Eintritt in das Gästezelt auf kleinen Tabletts als Erfrischungstücher gereicht.
Prof. Dr. Ludwig war der Erste, der bei dieser Überraschung die Worte
wieder fand, so dass er sofort Uwe ansprach:
Nachdem sich alle Gäste und deren Begleitungen so ein wenig von der Sonneneinwirkung erfrischen konnten, wurde an der Tafel Platz genommen, es wurden Kaffee oder gekühlte Obstsäfte angeboten und die rege Diskussion über Aufgaben und Entwicklung des Hilfszuges der DRK wurde weitergeführt.
Die Mädels vom Jugendzug haben unter Anleitung von Uwe und Hilfe unserer Küche ein kleines Buffet aufgebaut, eher rustikal als exklusiv, aber auch das gefiel unseren Gästen und bald kam der Wunsch auf, auf die Freundschaft der Rot-Kreuz-Organisationen und auf den Hilfszug des DRK anzustoßen. Auch das hatten wir wohlweislich vorbedacht. Allerdings, exponierte Alkoholika gab es bei uns nicht. Aus der „K-Reserve“, (das Konto „Stricke und Bindfaden“ - wie wir es nannten, war unter anderem für die Gästebetreuung vorgesehen, das war üblich in solchen Einsätzen. Die finanziellen Mittel für Betreuung waren für all die Ausgaben vorgesehen, die im Lager ungeplant anfielen, ob das Ersatzteile für notwendige Kleinreparaturen oder Filtertüten für die Kaffeemaschine waren - egal, der laufende Betrieb musste gesichert werden. Natürlich alles fein mit Belegen und Bürokassenbuch, aber eine gewisse Entscheidungsfreiheit über die Verwendung hat man dem jeweiligen Einsatzleiter schon zugestanden).
Also habe ich zwei Flaschen „Altenburger Klarer“ (das war unsere finanzierbare Hausmarke) freigegeben. Uwe hatte sich aus den leeren Konservenbüchsen passende hohe Blechdosen rausgesucht und sich in der benachbarten Kleingartenanlage bei den Kleingärtnern einige Blumen mit möglichst großen Blüten erbeten. Die Schnapsflasche in die Blechdose gestellt, große Blüten zuerst rings um die Flasche drapiert, ganz langsam Wasser aufgegossen und kleinere Blüten immer wieder nachgestreut. Diese „Blechbüchsenfüllung“ wurde dann in der Tiefkühltruhe richtig eingefroren und tiefgefroren im Gefrierfach vom Kühlschrank im Gästezelt zwischengelagert.
Dem Wunsch der Gäste entgegenkommend, holte Uwe die so geeiste Flasche aus dem Kühlschrank, stellte sie in eine Kompottschale und wischte ganz leicht mit der Hand die oberste Eisschicht ab. Hervor kam ein wunderschönes Blumenbukett (das ganz geschickt das Flaschenetikett überdeckte) und es konnte ein herrlich gekühlter Klarer ausgeschenkt werden. Die Gäste staunten mehr über die toll mit gefrorenen Blumen drapierte Flasche, als über die Qualität des Inhalts. Es gab Lob über Lob von allen Seiten, alle Gäste waren von dieser Form der Präsentation angenehm überrascht.
Ein Gast, der ein wenig deutsch sprach, nannte diese Präsentation „Oh, Blumenwässerchen, wunderbar !“
Unser neuer Dienststellenleiter des Hilfszuges wurde innerlich immer größer und größer, was für eine prima Truppe er hier vorstellen konnte! Dabei war er nur mal kurz in das Lager gekommen, eigentlich nur, um bei dem Besuch des Präsidenten anwesend zu sein. Heute hat er dann alle Gäste im Lager herumgeführt, ganz Dienststellenleiter, und über die technischen Mittel und Einsatzerfolge des Hilfszuges berichtet.
Nach dem kleinen Umtrunk auf die Freundschaft haben wohl einige Gäste das Bedürfnis auf eine Zigarette gehabt. Großzügig gab unser Dienstellenleiter die Weisung, Uwe möge doch Aschenbecher eindecken.
Uwe schaute mich etwas hilflos an, darauf war er nun wirklich nicht vorbereitet, denn er kannte doch die strikte Festlegung, dass in den Zelten absolutes Rauchverbot besteht. Wenn auch sonst nicht meine Art, ich hätte in meiner Funktion als Einsatzleiter des Hilfszuges gegenüber jedem Teilnehmer, den ich beim Rauchen im Zelt erwischt hätte, unter Verweis auf meine Dienststellung so die Leviten gelesen, dass ihm die Zigarette von alleine aus dem Mund fällt.
In dieser Situation konnte ich Uwe leider nur noch aufmunternd zunicken und mich überzeugen, dass der Handfeuerlöscher neben dem Eingang steht.
Kamerad Dr. Hagemoser rettete die Situation, indem er nach der ersten Zigarette vorschlug, ob man nicht doch bei diesem herrlichen Sommerabend besser draußen weiter diskutieren sollte, im Zelt wurde langsam die Luft doch ganz schön „dick“. Also zog man raus an die im Grünen zwischenzeitlich vorbereitete Tafel.
Offensichtlich gefiel auch das unseren Gästen, denn der geplante Zeitrahmen war schon lange gesprengt, es war doch so gemütlich und interessant.
Nur der Terminplan des Präsidenten war schuld, dass man sich nach einiger Zeit doch verabschiedete, sich vielmals für die gebotene Gastfreundschaft bedankte und mit dem Eindruck, dass der Hilfszug des DRK der DDR eine sehr wertvolle Einrichtung für die Organisation ist.
So ganz allmählich ging auch dieser Sonntagabend zur Neige, aber so richtig Schluss wollten wir auch nicht machen. Ich hatte telefonisch Bescheid bekommen, dass die Kameraden der Staffeln West und Mitte morgen pünktlich zehn Uhr hier sein werden, um ihre Zelte abzubauen und die Ausstattungen zu verladen. Die Transport-LKWs waren ja sowieso hier geblieben. Die Rückreise nach dem Aufbau und die Anfahrt zum Abbau erfolgt jeweils mit einem B1000-Bus. Nur die beiden Kameraden der Staffeln, die die Mannschaftstransporter gefahren haben, sind hier geblieben. Unsere Jugendtruppe hatte bei der Kontrolle der Zelte gleichzeitig die Bettwäsche abgezogen und pro Zelt sortiert abgelegt, so dass am nächsten Tag das Ausräumen der Zelte schnell vonstatten ging. Es war also alles „im grünen Bereich“, ich brauchte mir keine weiteren Sorgen um den Abbau zu machen.
Uwe kam und erinnerte mich mit einem Augenzwinkern daran, dass noch ein Rest des „Blumenwässerchen“ da ist, die Flasche müsste sowieso abgetaut werden – also? Na gut, unser Vize hatte ja seinen Fahrer mit Dienstwagen dabei – die Gelegenheit war also günstig, den Kameraden einen Schnaps auf den erfolgreichen Einsatz zu spendieren – na dann, „Prost“.
Der Einsatz „Karl-Marx-Stadt 1980“ war für uns eigentlich schon Geschichte. Die Technik war gewartet und stand in den Fahrzeughallen, die Zelte, Tische und Stühle waren wieder im Materiallager einsortiert. Die benutzten Decken kommen erst in der nächsten Woche aus der Chemischen Reinigung und die Bettwäsche ist gerade aus der Wäscherei zurück. Jetzt musste sie sortengerecht verpackt werden. Wir waren sowieso dabei, alle Bettwäsche als Zehnerpackung einzuschweißen. Geeignete Plastsäcke hatten wir beschafft, eine Schweißzange war auch gekauft. So verpackt bleibt die Wäsche sicher länger sauber und frisch. Bisher hatten wir die Wäsche nur in Wäschesäcken aus Zeltstoff gelagert und mussten sie deshalb mindestens zweimal im Jahr in die Wäscherei geben. Ein teurer und unnötiger Aufwand, dazu kam, anschließend alles wieder zu verpacken.
Daher versprachen wir uns von der eingeschweißten Wäsche einen ökonomischen Vorteil. Die Größe der Verpackung war so bemessen, dass wir die Säcke mehrfach verwenden konnten. Der Inhalt wurde pro Pack deklariert, bei Einsätzen also jeweils als Zehnerpackung gut handhabbar.
Das Telefon klingelt, Anruf aus Dresden, Sekretariat des
Vizepräsidenten:
Bruch – jetzt war es passiert, ich hatte die Bemerkung beim „Feierabendbier“ in Euba nicht richtig ernst genommen. Ehrlich gesagt, ich hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht. Also ging mein Gestotter am Telefon weiter. Irgendwelche vagen Ausreden, von wegen Wäsche sortieren und, und, und...
Hätte es zu diesem Zeitpunkt schon Internettelefonie gegeben, hätte der Vizepräsident sehen können, wie mir erst die ganze Gesichtsfarbe verloren ging und ich gleich darauf mit hochrotem Kopf - wie ein Schuljunge, der bei fehlenden Hausaufgaben erwischt wurde – am Schreibtisch saß. Der Lagerplan war dabei eigentlich kein großes Problem, das hätte ich schnell mal schaffen können. Hätte, hätte – aber nicht gemacht!
Die weiteren Bemerkungen meines Vize erspare ich mir, hier
wiederzugeben. Jedenfalls habe ich mir zwei, drei Grundgedanken aus dem
Telefonat auf einen Zettel geschrieben: „15 bis 20 Kinder,
erforderliches medizinisches Personal, drei Wochen Zeltlager, Termin,
heute in 14 Tagen hier vorliegend.
Knack, das Telefonat war beendet, ich saß am Schreibtisch wie ein begossener Pudel und versuchte meine Nervosität in den Griff zu bekommen.
Also, alle anderen Aufgaben waren jetzt zweitrangig. Hauptaufgabe war ein Konzept für ein Ferienlager für Körperbehinderte – und das als Zeltlager, drei Wochen lang!
Eine richtige Ahnung, was alles dazu gehört, habe ich nicht wirklich. Ja, der reine Zeltplan, das ist Klack-Sache. Solche Pläne hatte ich schon des Öfteren zu Papier gebracht. Fangen „wir“ also damit an! Millimeterpapier A3 hervorgesucht, Stifte und Zeichengerät, Schreibtischplatte leer machen – und los geht es (moderne Computertechnik, so wie jetzt, hatten wir ja noch nicht. Da war Bleistift und Radiergummi noch das Handwerkzeug eines Ökonomen.)
Die Grundmaße des Platzes waren uns ja bekannt. Ein „Merkzettel“ dazu, alles was mir zu dem Thema „Lager“ durch den Kopf ging, sofort notieren, könnte ja wichtig sein!
Was für körperbehinderte Kinder sollen da eigentlich betreut werden?
Eine kurze telefonische Rückfrage im Sekretariat des „Vize“
Was will ich noch mehr? Für den Anfang doch schon allerhand.
Wir müssten als erstes die Zustimmung der Gemeinde und des Sportvereins bekommen, den Platz wieder nutzen zu dürfen, aber ich fühle mich da sicher, denn es gab ja letzthin auch keine Beschwerden. Ja, und die Anwohner müssten auch einverstanden sein, denn unmittelbar am Sportplatz standen einige Siedlungshäuser. So richtig idyllisch, jede Familie eine Doppelhaushälfte, einen kleinen Garten hinterm Haus, mit Kaninchenstall und Hühnerauslauf – richtig ländlich gemütlich.
Tatsächlich, ein Anruf bei der Bürgermeisterin der Gemeinde und unser Anliegen, zumindest in groben Zügen vorgetragen – Zustimmung auf der ganzen Linie und eine Einladung zur nächsten Gemeinderatssitzung, da sind alle wichtigen Verantwortlichen auch eingeladen, beziehungsweise gehören dem Gemeinderat an, ob Vorsitzender des Sportvereins, Schulleiterin, Chef der Freiwilligen Feuerwehr, zuständiger Abschnittsbevollmächtigter der Polizei – also der ABV, Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft - kurz LPG-Vorsitzender. - der Parteisekretär der Ortsparteigruppe (wichtig!) - also, kommen und Anliegen in diesem Kreis beraten.
Der Termin wurde notiert - wird selbstverständlich wahrgenommen!
Nach diesem Telefonat hatte ich fast den Eindruck, dass seitens des Vizepräsidenten hier schon eine Vorarbeit geleistet wurde, das klang alles gut abgestimmt. Trotzdem, ich habe den Termin wahrgenommen und alle bis dahin bekannten Schwerpunkte für so ein Lager vorgetragen. Alle gaben ihre Zustimmung und sagten jede mögliche Hilfe zu. Das war ein gutes Ergebnis!
Die Aussprache mit den Anwohnern wollte die Bürgermeisterin übernehmen – auch gut.
Der LPG-Vorsitzende gab seine Zustimmung, dass wir von der Futtermittelmühle, die etwa 200 Meter von Platz entfernt ist, einen Kraftstrom-Anschluss bekommen können – natürlich mit Zustimmung der Energiewirtschaft – und das Kabel müssten wir stellen – kein Problem für uns, das ist da. Der Vorteil eines solchen Stromanschlusses, wir brauchten nicht Tag und Nacht unsere Stromaggregate tuckern lassen.
Der Genosse Parteisekretär stellte sich als ein sehr patenter "Kumpel" dar, der uns helfen konnte, viele Wege zu ebnen. Es ist immer gut, solche Beziehungen richtig zu pflegen. Das hat sich auch dann in der Lagerdurchführung bestens bewährt. Die Bürgermeisterin war von Anfang an unsere beste Stütze, sie kannte alle Bewohner, alle Ecken und Kanten und war immer hilfsbereit.
Eins war mir aber auch von Anfang an klar, wir brauchen auf alle Fälle Toilettenanlagen, die für Behinderte geeignet sind. Die verfügbaren Toiletten in der Turnhalle kannten wir ja von unserem gerade beendeten Einsatz in Euba. Die Turnhalle war nach der erfolgten Rekonstruktion ein zweckentsprechender Bau und die Gemeinde und die Schule waren ganz stolz auf dieses Glanzstück. Wir waren sogar die Ersten, die die Anlage mit nutzen durften. Die dort vorhandenen Toilettenanlagen waren auch ganz prima, aber leider nicht für Körperbehinderte und damit auch nicht für Rollstuhlfahrer geplant und gebaut. Das war also ein sehr wichtiger Schwerpunkt in der Vorbereitung. Wie dieses Problem für uns zu lösen ist, war im Moment noch völlig unklar, aber eine Lösung musste her, davon hängt das ganze Projekt ab.
Um dem Motto des UNO-Jahres gerecht zu werden, haben wir gemeinsam mit Karl-Heinz, dem Vorsitzenden der DRK-Grundorganisation Leipzig – Süd und dem zugehörigen DRK-Jugendzug beraten. Wenn das Motto heißt: „Einander verstehen – miteinander leben“ - dann müssen wir das Motto auch mit Leben erfüllen. Verstehen werden wir „unsere Rolli`s“ - dieser Begriff sollte fast zum Synonym werden – bestimmt und miteinander leben werden wir auch verwirklichen!
Dann die Idee: Wir schlagen dem Kameraden Vizepräsident vor, zu den 20 Rolli-Kindern 20 nicht geschädigte Kinder einzuladen. Sie sollten allerdings wissen, mit wem sie das Lager teilen und sollten hilfsbereit und verständnisvoll sein.
Karl-Heinz hatte da für die möglichen Kandidaten aus dem Bezirk Leipzig sofort eine gute Idee: Wir nehmen „Junge Sanitäter“ und Jugend-Rotkreuzler aus der Grundorganisation Leipzig Süd mit in das Lager. Bewerber haben wir bestimmt wesentlich mehr als wir Plätze zur Verfügung haben. Diese Teilnehmer werden genauso, wie die Rolli-Kinder, keinerlei Kosten tragen und sollen wirklich drei Wochen gemeinsam Ferien machen. Die Kandidaten werden in den Schulungsnachmittagen der Arbeitsgemeinschaft „Junge Sanitäter“ ausgewählt und gut auf ihr Zusammenleben mit behinderten Kindern vorbereitet.
Unsere „Stammtruppe“ vom Jugendzug, die eigentlich schon zum technischen Personal des Hilfszuges gehört, wenn wir zu Großeinsätzen gehen, ist sowieso mit dabei, Karl-Heinz wird sich um eine Freistellung bemühen, seine Kollegen im Bereich Technik des Interhotels kennen das ja schon. Die „Stammtruppe“ des Jugendzuges bekommt noch eine weitere Aufgabe gestellt. Sie machen ja in ihrer Freizeit ehrenamtlich Hilfsdienst in der „Georg-Sacke-Klinik“ in Leipzig. Dieser orthopädischen Fachklinik ist ein Klinikbereich für behinderte Jugendliche angeschlossen, die nach ihrer Operation hier intensiv auf das Leben im Rollstuhl vorbereitet werden.
Der Chefarzt des Krankenhauses, Professor Dr. Uibe, wurde um Hilfe gebeten und er war sofort bereit, dass die Jugend-Rotkreuzler ihre Einsätze in der Georg-Sacke-Klinik auch in diesem Klinikbereich leisten können. Übrigens, seine Tochter war auch Mitglied im Jugendzug und in mehreren Einsätzen des Hilfszuges mit dabei.
Bleibt nur zu klären, dass die Jungen Sanitäter etwa gleichaltrig sind, wie die Rolli-Kinder, beziehungsweise wäre es besser, wir wüssten in etwa vorher, welche Rolli-Kinder kommen und laden dazu passend die „Jungen Sanitäter“ ein. Um diesen Gedanken in allen delegierenden Bezirken umzusetzen, muss uns das Generalsekretariat helfen.
Nächstes Problem: Die Rolli-Kinder sind zwar keine Kranken, es sind – so hoffen wir - quicklebendige Kinder und/oder Jugendliche, die mit ihrer Behinderung zu leben gelernt haben, die uns sogar lehren können, wie man mit einer Behinderung umgeht, aber sie bedürfen doch einer besonderen Betreuung, insbesondere unter den Bedingungen eines Zeltlagers. Wer könnte diese Betreuung übernehmen? Medizinisches Fachpersonal wäre ökonomisch kaum vertretbar, vielleicht eine Krankenschwester, aber sonst?
Wieder eine Idee! Praktikanten, also Fachschülerinnen der Krankenpflege, zweites Ausbildungsjahr, klinisches Berufspraktikum. Davon 3 Wochen im Praxis-Einsatz im Rolli-Lager mit Bewertung der Leistungen im Einsatz und Berücksichtigung dieser Bewertung bei der Gesamt-Leistungsbewertung.
Prima Idee, allerdings wie umsetzen? Aber da fällt Schliebs schon was ein!
So nach und nach wurde das Grundkonzept ein lesbares erstes Konzept und ich traute mir, dieses Material dem Vizepräsidenten vorzulegen (allerdings mit der Anmerkung, dass Änderungen und Ergänzungen durchaus noch nachträglich eingearbeitet werden.)
Antwort: „Dafür ist es ein erstes Konzept, ich habe
keine fertige Abschlussarbeit erwartet. Übrigens, die hier dargelegten
Grundgedanken:
Da war es wieder, das kameradschaftliche „Du“. Ich bin froh darüber, denn jetzt weiß ich, dass wir richtig liegen mit unseren Vorstellungen.
Tage später – wieder ein Anruf vom Sekretariat des Vizepräsidenten:
Noch was, der Chef wird in Abstimmung mit dem Generalsekretär die betreffenden Bezirkssekretäre informieren und Kontakt zum Bezirksarzt von Karl-Marx-Stadt aufnehmen. Sie werden umgehend von den Ergebnissen dieser Gespräche in Kenntnis gesetzt.
Alles Gute, schönen Tag.Es wird also was aus unseren Vorstellungen. Jetzt muss es zur Klärung der Detailfragen gehen. Mein Merkzettel wird immer länger und ich glaube, ich muss ihn mal etwas ordnen, nach meinen Aufgabenschwerpunkten.
Thema: Abstimmung mit der Grundorganisation Leipzig - Süd, sprich Karl-Heinz, dem Vorsitzenden, mit Gerda, seiner Frau, die genauso aktiv im Jugendzug und dessen Jugendclub mitarbeitet und den Jugend-Rotkreuzlern bezüglich der Auswahl der Teilnehmer und der Einsatzkräfte für den vorgesehenen Einsatz „Rollstuhllager“. Es müssen notwendige Freistellungen beantragt werden, eigene Urlaubsplanungen abgestimmt werden, und was sonst noch anfällt, wenn man zirka fünf Wochen unterwegs ist.
Fünf Wochen? Na ja, etwa:
Bei denen, die noch Schüler sind, oder die gerade die letzten großen Ferien vor Beginn der Berufsausbildung haben, ist das kein Thema, die freuen sich einfach darauf, mitfahren zu können.
Es wird vereinbart, dass ich eine Namensliste der Kräfte bekomme, die als Einsatzkräfte des Hilfszuges agieren.
Die Namen der Teilnehmer – also Junge Sanitäter und/oder Jugend-Rotkreuzler werden festgelegt, wenn wir die Zusammensetzung der Rolli–Kinder kennen. Die Vorauswahl und die erforderliche Information der Eltern erfolgte in einem Clubabend. Dort wurde die Besonderheit des Einsatzes erläutert, besprochen, wie wichtig es ist, dass Behinderte keine Menschen „zweiter Ordnung“ sind, sondern dass es richtig und wichtig ist, das Zusammenleben und das Verständnis füreinander rechtzeitig zu wecken. Schließlich wurde die Zustimmung der Eltern erbeten. Auch die Aussage, dass die endgültige Zusage zur Teilnahme erst später erfolgen kann, wurde eindeutig erklärt. Ich muss dazu sagen, viele Eltern haben sich sehr für die Freizeitarbeit ihrer Kinder interessiert, sind bei Clubabenden gern gesehene Gäste und haben sich auch an der Ausstattung des Jugendclubs aktiv beteiligt. Überhaupt war das „Elternaktiv“ (auch so ein DDR-typischer Ausdruck) prima und die Stimmung zu den Clubabenden, wo uns die Jugend-Rotkreuzler bewirteten, war toll. Meist kamen sogar die Ehepaare gemeinsam. Ich denke, wir hatten es auch nicht allzu schwer, die Eltern von unser Lageridee zu überzeugen. Letztlich hatten wir bald die doppelte Zahl an Bewerbern als Plätze zur Verfügung waren.
Das „Thema“ - Betreuer – war ebenfalls bald gelöst. Nach einem entsprechenden Anruf aus dem Generalsekretariat habe ich mich beim Bezirksarzt von Karl-Marx-Stadt angemeldet. Der Herr Bezirksarzt hatte auch die Leiterin der medizinischen Fachschule des Krankenhauses zu diesem Gespräch eingeladen. Wir wollten den Einsatz der Betreuerinnen abstimmen. Der Termin wurde allerdings kurzfristig wegen anderer wichtiger Verpflichtungen abgesagt, aber der Bezirksarzt gab von seiner Seite „grünes Licht“, Wir sollten alle Details direkt in der Fachschule klären.
Ein neuer Termin wurde in der Fachschule festgemacht. Dieses Mal klappte alles wunschgemäß. Die Leitung der Fachschule hatte bereits eine erste Vorauswahl möglicher Kandidatinnen des zweiten Ausbildungs-Jahrgangs getroffen und nach einem kurzen Gespräch mit der Leiterin der Fachschule wurde ich in den Seminarraum eingeladen. Dort saßen mir vielleicht 25 bis 30 aufgeregte Fachschülerinnen gegenüber, die nicht so richtig wussten, was da auf sie zukommt.
Aufregung auf beiden Seiten. Ich musste unser Konzept vorstellen (und mir fehlten selber noch viele Einzelheiten) und die Fachschülerinnen waren neugierig, was von ihnen erwartet wird. Unter einem „Hilfszug“ konnten sich die anwesenden jungen Damen überhaupt nichts vorstellen. Diese Einrichtung des Präsidiums des DRK der DDR konnte ich mittels eines kurzen Dia-Vortrages vorstellen, dazu hatte ich genügend Dias und die Vorführtechnik mit dabei. Bei späteren Veranstaltungen dieser Art hatte ich es leichter, ich hatte jede Menge Dias aus den Lagern der Vorjahre und konnte in einem Dia-Vortrag unser Anliegen ausführlich vorstellen. Für den Rest – und das war der wichtigste Teil - musste ich dieses Mal aber nur mit Worten überzeugend genug sein, um die jungen Damen für den Einsatz zu begeistern. Auf Fragen konnte ich manchmal nur ausweichend antworten, war doch eine Reihe von Problemen noch nicht gelöst (ich denke da nur an das Toiletten-Problem). Aber, als ich ihnen sagte, dass keine weiße Dienstkleidung im Lager erwünscht ist, sondern viel lieber Sommerkleidung und Bikini, hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Weniger erfreulich war, wurde aber letztlich akzeptiert, dass es keine zusätzliche Vergütung für den Einsatz gibt, sondern die Ausbildungsvergütung weitergezahlt wird.
Ob es mir insgesamt gelungen ist, das Thema mit dem notwendigen Ernst den Damen zu erläutern? Wir werden es spätestens im Sommer 1981 sehen.
Im Nachhinein kann ich aber jetzt schon sagen, dass die Betreuerinnen ihre Aufgaben vorbildlich erfüllt haben. Wir konnten allen eine gute bis sehr gute Einschätzung geben.
Bleibt eigentlich nur noch, eine gute Krankenschwester zu finden und die geeigneten Pädagogen für die Lagerleitung. Es hatte sich zu anderen Einsätzen ähnlicher Art als sehr positiv erwiesen, dass die offizielle Lagerleitung entsprechend geschulte Kräfte übernehmen. Sie brauchten sowieso eine offizielle Berechtigung dafür, so eine Art Eignungszeugnis und natürlich die erforderliche parteipolitische Einstellung, denn im Sprachgebrauch dieser Führungsgruppe waren alle Teilnehmer, einschließlich der Betreuerinnen „Jugendfreunde“ der Ausdruck, der in der FDJ üblich war.
Der Einsatzleiter des DRK blieb da lieber so was wie der „Technische Leiter“, andere haben auch spaßeshalber „graue Eminenz“ dazu gesagt, denn die Aktionen außerhalb des Lagers wurden alle durch diesen Einsatzleiter organisiert und sichergestellt.
Eine telefonische Information von der Abteilung Gesundheitswesen des Rates des Kreises Karl-Marx-Stadt klärte diese Frage. Zwei geeignete Pädagoginnen waren ausgewählt. Die nötige Lagerleitungs-Berechtigung hatten sie und ihr Einsatz war von der zuständigen Stelle des Rates des Kreises bestätigt.
Bleibt noch der Einsatz einer Krankenschwester zu klären. Auch da kam bald eine positive Meldung: Schwester Ursel vom DRK Magdeburg steht zur Verfügung.! Sie war lange Zeit im Krankenhaus tätig, arbeitet jetzt im Kreissekretariat des DRK in Magdeburg und ist vielseitig einsetzbar. In dieser Hinsicht habe ich sie immer mit unserer Marianne verglichen. Auch so ein hilfsbereiter Mensch, der überall einspringt, wo die Luft brennt, ob als Einsatzkraft im Theater oder im Bahnhofsdienst des DRK, jetzt als Krankenschwester im Ferienlager für körperbehinderte Kinder.
Ich konnte einen Haken hinter dieser Forderung aus meinem Konzept machen – Problem ist gelöst!
Damit wären eigentlich alle personellen Fragen erfolgreich abgeklärt, denn mit unseren hauptamtlichen Kräften gab es überhaupt keine Diskussion und unsere ehrenamtlichen Kräfte, also Ralf und Marianne als Köche, Lothar als Ablösung für Ralf, falls er nicht so lange von seiner Arbeit freigestellt wird. Für sie war es ebenfalls eine Selbstverständlichkeit dabei zu sein. Durch Ralf und Lothar, die eine Rolle als „Erster Koch“ einnehmen, wurden schon die Lebensmittel geplant. Immerhin waren zirka 90 bis 100 Lagerteilnehmer insgesamt drei Wochen zu verköstigen. Hinzu kommen die Einsatzkräfte zum Auf- und Abbau, auch nochmals insgesamt zirka 14 Verpflegungstage. Aber unsere Köche hatten da langjährige Erfahrung, kannten unsere Küchen genau, wussten was machbar ist – und das war fast alles, wie sich noch beweisen wird – hatten entsprechende Kalkulationsrichtlinien und für die nächste Zeit eine ausreichende „Freizeitbeschäftigung“. Ich erwartete dann nur noch die ersten Bestelllisten für den Großhandel.
Die Berechtigung, um im Großhandel von Karl-Marx-Stadt einzukaufen, habe ich bei der Abteilung Handel und Versorgung des Kreises schriftlich beantragt. Da gibt es dann eine Kunden-Nummer zum Einkauf von Lebensmitteln, Obst und Gemüse, eine Fleischer-Produktionsgenossenschaft wird benannt, der entsprechende zusätzliche Fleischkontingente zugewiesen werden. Um die Lieferung von Backwaren, also Brot und Brötchen täglich frisch, habe ich mich mit Hilfe der Bürgermeisterin von Euba selbst gekümmert. Sie gab mir den Tipp, dass in Niederwiesa, gleich nach dem Ortseingang, eine alteingesessene Bäckerei ist, deren Chef bestimmt bereit ist, uns zu beliefern. Erst zuckte der Meister mit den Schultern. Er habe schon für die Bevölkerung von Niederwiesa genug zu tun, jetzt noch zirka 100 Personen mehr, das sind mindestens 130 bis 150 Doppelbrötchen pro Tag und dann auch noch Brot und am Sonntag, da wird sowieso nicht gebacken – nee, das ist zu viel für seinen Handwerksbetrieb und dann, er habe in der geplanten Lagerzeit überhaupt noch Urlaub.
Die Frau Meister`n kam dazu, wollte wissen, um was es den da ginge.
Also, habe ich mein Verschen nochmals aufgesagt, allerdings mit der
Ergänzung, dass die Lagerteilnehmer behinderte Kinder sind.
Kurze weitere Abstimmung:
(Mein B1000 hatte ja die Farbe eines Krankenwagens)
Hebbel hat sich auch um einen Wasseranschluss gekümmert. Auf der Hauptstraße von Euba ist gleich neben der Einfahrt zum Sportplatz ein Unterflurhydrant, sogar ziemlich am Straßenrand. Dort können wir ein Standrohr anschließen und eine Schlauchleitung bis zum Lager verlegen ohne den Verkehr zu behindern. Die Zustimmung des Bereiches Wasserwirtschaft konnte gleich telefonisch eingeholt werden.
Energie und Wasser waren damit auch geklärt. Bleibt immer noch das Toilettenproblem offen.
Aber, wenn schon vor Ort, haben wir uns bei der Bürgermeisterin erkundigt, wer für das Abpumpen der Sickergruben zuständig ist. Das macht die Stadtwirtschaft Flöha. Adresse, Telefonnummer, Ansprechpartner für die Gemeinde Euba erhielten wir von der Bürgermeisterin. Das Problem-(chen) haben wir telefonisch von Leipzig aus schnell geklärt. Wir brauchen nur zwei, drei Tage vorher telefonisch Bescheid sagen, dann kommt der Fäkalien-Wagen und pumpt die Grube ab.
Noch ein Haken an meiner Liste, Heinz, unser Nachrichtenmann hat mir
die Kontaktdaten zur Deutschen Post Karl-Marx-Stadt gegeben, wegen dem
Telefonanschluss. Die Daten hatten wir ja noch von unserem ersten Lager
in Euba. Ein Anruf, nein nicht so einfach. Da müssen wir einen Antrag
stellen, der muss auf Machbarkeit geprüft werden und dann wird
entschieden. Der Hinweis, dass wir ja schon einen Anschluss hatten,
interessierte den Telefonmann nicht besonders.
So einfach müsste sich alles abklären lassen, dann wäre die Organisation des Lagers ein Spiel. - Aber leider - Es gab noch ein bemerkenswertes Ereignis im Arbeitsalltag. Unsere Buchhalterin kam montags ziemlich aufgewühlt zur Arbeit. Das waren wir von ihr gar nicht gewohnt. Sonst die Ruhe in Person, machte es uns schon neugierig, was am Wochenende passiert sein musste, zumal sie alleinstehend, sonst gerade diese Freizeit mit Wandern oder Stadtbummel verbringt. Nein, sie hatte von einer Freundin ein Buch geborgt bekommen. Nun ist das ja nichts Außergewöhnliches, ein Buch zu lesen. Aber dieses Buch hat unsere Kameradin so aufgewühlt, dass sie es uns unbedingt berichten musste. Sie hatte das Buch auch gleich mitgebracht, weil sie überzeugt war, dass ich es genauso spannend finden würde.
„Rückkehr ins Leben“ Wilhelm und Elfriede Thom, Verlag Neues Leben, Berlin
Der Buchtitel auf dem Deckblatt unterlegt mit der Grafik eines Rollstuhlfahrers, der vor einer Treppe steht.
Der Rücktitel:
„Wilhelm und Elfriede Thom berichten vom Schicksal eines Mannes, der nach einem Unfall für immer an den Rollstuhl gefesselt ist. Der Gelähmte ist der Autor selbst. Minutiös erfahren wir von den Höhen und Tiefen auf dem Weg zurück ins Leben, den Wilhelm Thom an der Seite seiner Frau meisterte. Ein erschütternder Bericht, der Mut macht.“
Rollstuhlfahrer, Mut machen, das war für mich richtig elektrisierend, denn bei mir dreht sich zur Zeit ja fast alles um diesen Punkt. Das wusste auch unsere Buchhalterin und genau aus diesem Wissen um meine Aufgabe, brachte sie mir das Buch mit und borgte es mir weiter zum Lesen. Ihre Freundin hatte sie schon angerufen und um Erlaubnis gebeten.
Ich habe angefangen ein, zwei, drei Seiten zu lesen und war sofort von dieser Erzählung gefesselt. Darf man auf der Arbeit ein Buch lesen? Eindeutig NEIN! Man sollte seine Arbeitsaufgaben erfüllen, lesen kann man in der Freizeit. Na ja, Freizeit ist seit geraumer Zeit für mich ein Fremdwort, denn neben meiner sicher zeitraubenden Arbeitsaufgabe habe ich noch die Vorbereitung auf ein Hochschulstudium aufgenommen. Nachdem ich einen Fachschulabschluss als Ökonom Gesundheitswesen im Fernstudium erreicht hatte, wollte ich jetzt noch einen Hochschulabschluss drauf setzen. Klingt doch schön : „Diplom-Volkswirt, Gesundheitswesen“, Nur, da ist wieder ein Fernstudium für einige Jahre zu absolvieren. Neben all der Einsatztätigkeit, besonders in den Sommer- und Herbstmonaten bleibt da verdammt wenig Zeit für Familie und Freizeit. Meine Frau, meine Kinder hatten doch auch einen Anspruch auf den Ehemann, den Vater. Obwohl, meine Frau war es ja inzwischen gewohnt, dass ich spätestens ab Pfingsten, wenn die großen Jugendtreffen stattfinden, an vielen Wochenenden unterwegs bin, denn ehrenamtliche Arbeit läuft halt meist an den Wochenenden. Wir waren aber immer auf ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen, sonst könnte so ein Hilfszug im Einsatzfall nicht funktionieren. Meine Kinder waren da sicher weniger traurig, dass der Vater ständig an den Wochenenden unterwegs war, fiel doch zum Beispiel die Hausaufgabenkontrolle an den Wochentagen schon ziemlich kurz aus, denn da kam er ja auch oft sehr spät nach Hause, waren die Wochenenden dann meist stressfrei, denn die Mutti konnte man schneller davon überzeugen, dass Spielen und baden gehen wesentlich schöner ist, als die lästigen Hausaufgabenkontrollen, meinte zumindest noch unser Jüngster. Beim Großen war der „Knoten“ offensichtlich schon „geplatzt“, der war bereits in der Berufsausbildung.
Trotz aller Hemmnisse, das Buch von Wilhelm und Elfriede Thom habe ich förmlich verschlungen, da war mir egal, ob die halbe Nacht dafür drauf gegangen ist. Es war so spannend geschildert und hat mich emotional so ergriffen, dass ich schon vor der letzten Seite genau wusste: Dieser Wilhelm Thom muss in das Rolli-Lager eingeladen werden! Seine Vorbildwirkung muss den Rolli-Kindern in Person vorgestellt werden. Nur mit Vorbildern kann man Mut zum Leben vermitteln und das wollten wir doch auch mit unserem Lager versuchen.
Allerdings, wie diese Wunschvorstellung erfüllbar war, das wusste ich auch noch nicht. Aber ich habe es geschafft. Ein ausführliches Schreiben an den Verlag brachte mir letztlich die Privatadresse der Familie Thom. Ein Schreiben an Familie Thom mit der Darstellung unseres Anliegens brachte einen telefonischen Rückruf. In einem ausführlichen Gespräch habe ich unseren Auftrag nochmals erläutert und Wilhelm Thom hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Wir sollten doch alles in Ruhe gemeinsam mit seiner Frau Elfriede beraten, er hätte schon Interesse, aber die Realisierung einer solchen Tour kann in diesem Fall nur seine Frau bestätigen, denn sie muss ja alle Mühen auf sich nehmen.
Der Besuch in Berlin war ein Erlebnis. Solches Herzklopfen hatte ich schon lange nicht mehr, aber als ich in sein Zimmer trat, war mir alles sehr vertraut, genau so wie in seinem Buch beschrieben !
Es war ein sehr ausführliches Gespräch. Wir haben uns von Minute an verstanden und vertraut. Aus diesem Gefühl heraus ist später eine gute Bekanntschaft entstanden, für die ich immer dankbar war, aber dazu vielleicht später mehr.
Wir hatten andere Einsätze zu erfüllen, Heinz, Wolfgang und Hebbel waren mit der Nachrichtentechnik auf dem Sachsenring . Da sichern sie jedes Jahr die Funkverbindung auf der Rennstrecke ab. Eigentlich ist dieser Einsatz schon Routine, trotzdem, er bedarf immer wieder einer gründlichen Vorbereitung, die Funktechnik muss überprüft werden, überhaupt, die ganze Nachrichtentechnik, denn die Rennleitung hat sich daran gewöhnt, dass sie nur Wünsche äußern brauchte und Heinz realisiert diese Wünsche – halt wie immer wunschgemäß!
Der Arbeitsalltag im Hilfszug hat uns ganz schön in Beschlag genommen. Anlässlich eines Besuches von Vertretern des Präsidiums des Roten Kreuzes der UdSSR haben wir einen Aufbau unserer neuesten Technik mit Demonstration unserer Faltkoffer durchgeführt. Die ausländischen Gäste waren sehr beeindruckt von der Technik, die uns zur Verfügung steht.
Im Klara-Zetkin-Park Leipzig haben wir gemeinsam mit der Kreisorganisation des DRK Leipzig-Stadt eine sehr erfolgreiche Blutspendeaktion unter Einsatz der MUS-Faltkoffer durchgeführt. Die Bevölkerung hat sich die moderne Technik angesehen und viele Bürger waren spontan bereit, ihr Blut zu spenden.
Wir hatten wieder Pressefesteinsätze mit unseren Faltkoffern in mehreren Bezirksstädten und haben bei jedem Einsatz viel Interesse mit dieser Technik geweckt. Besucher hatten Fragen, wie der Faltkoffer funktioniert, wie er auf den LKW kommt und wieder runter und wie die Innenausrüstung ist. In Dresden gab es auch wieder die guten Brühgurken. Dieses Mal haben wir gleich einen kleinen Thermobehälter voll Gurken mit nach Hause gebracht.
In Polen war es im Winter 1980 durch sehr strenge Wetterbedingungen mit großen Überschwemmungen im Oder-, Neiße- und Weichsel-Gebiet, verbunden mit schwerem Eisstau auf den Flüssen Neiße und Weichsel und der beginnenden Streikbewegungen der Solidarność, zu einer kritischen Versorgungslage von Teilen der Bevölkerung gekommen. Die Liga der Rot-Kreuz-Gesellschaften hatte zur Hilfsaktion aufgerufen, an der sich auch unsere Organisation beteiligte.
Beladen mit Spendenmitteln aus dem Zentrallager des DRK der DDR und umfangreichen Spenden in Form von Grund- und Fertignahrungsmitteln brachen wir mit 5 Transportfahrzeugen und Versorgungs-LKW in Richtung VR Polen auf. Kurz vor dem Grenzübergag trafen wir mit dem Vizepräsidenten,Kamerad OMR Dr. med. Hagemoser, einem leitenden Mitarbeiter des Generalsekretariates und dem Fahrer des Vizepräsidenten zusammen, um unter seiner Leitung die Hilfsgüter nach Bydgoszcz (deutsch = Bromberg) zu bringen. Das ist die Regionalhauptstadt der Woiwodschaft Kujawien-Pommern und liegt westlich der Weichsel.
Die Winterfahrt durch Polen war sehr anstrengend, zumal uns wiederholt Militärposten zwecks Kontrolle anhielten. Das kostete Fahrtzeit und so kamen wir erst gegen 20:00 Uhr beim Woiwodschaftsrat des polnischen Roten Kreuzes in Bydgoszcz an. Dort wurden wir vom 1. Sekretär sehr herzlich empfangen und sofort mit Tee und belegten Broten bewirtet. Eine ältere Hausbewohnerin, die noch etwas deutsch sprach, bot uns zum Tee Zucker aus einem Einweck-Glas an. Wir haben uns dankend bedient und so war das Glas schnell leer. Erst im weiteren Gespräch erwähnte unser Gastgeber fast nebenbei, dass dieses Glas Zucker und die spendierte Butter für die Brote, leider die Monatsration der alten Dame gewesen sei, aber sie habe es von Herzen gerne gegeben.
An dieser Stelle des Gespräches bin ich aufgestanden, ein Blick zu unserem Vize, der wusste genau was ich wollte, nickte nur und ich ging zu unserem Versorgungs-LKW, ein W50-Koffer, ich hatte die Schlüssel, denn ich habe mit Wolfgang als Fahrer auf dem „Bock“ gesessen. Wir hatten in dem Koffer neben Unterkunftsutensilien, wie Schlafsäcke, Decken, Wattejacken, Filzstiefel, auch ein kleines Stromaggregat, Kaffeemaschiene (denn Ohne Gaffee gönn mer nich gämpfn! Haben schon die „Kaffeesachsen“ im Siebenjährigen Krieg gesagt), hier hatten wir auch unsere Lebensmittelvorräte eingelagert. Drei, vier Stück Butter, ein paar Tüten Zucker und ein Paket Kaffee konnten wir bestimmt entbehren – so knapp waren unsere Vorräte nicht bemessen, weil wir ja beim Start nicht genau wussten wie lange wir unterwegs sind. Bei Einsätzen dieser Art, waren wir grundsätzlich auf Selbstversorgung eingestellt. Diese ganz persönliche kleine Spende haben wir der alten Dame als Dankeschön von uns für ihre Herzlichkeit übergeben. Sie wollte es nicht annehmen. Erst ein etwas strenger Ton unseres Chefs konnte sie überzeugen. Ihr kamen die Tränen und sie dankte Gott und den Deutschen für diese Überraschung. Es sei wie Weihnachten!
Die Hilfsgüter wurden am nächsten Tag unterschiedlich entladen. Ein Teil (hauptsächlich Decken und Winterbekleidung) wurde in einem Kinosaal zwischengelagert und sollte dann an die Bevölkerung gezielt verteilt werden. Unsere zwei Transport-LKWs mit Hänger beziehungsweise Sattelauflieger, randvoll beladen mit Grundnahrungsmitteln und Fertignahrungsmitteln, sind zwanzig, dreißig Kilometer weiter in das Umland gefahren und haben diese Hilfsgüter direkt an die von der Armee zur Versorgung der Bevölkerung eingerichteten Stützpunkte gebracht. Zum Teil konnten Fertiggerichte direkt in die dort stationierten Gulaschkanonen gegeben werden, heiß gemacht und anschließend sofort an die wartende Bevölkerung ausgegeben werden. Dieses Erlebnis wog alle Strapazen der Anreise auf und wir konnten zufrieden zurück fahren.
Weitere Transporte haben wir dann noch nach Poznań gemacht. Aber das Rote Kreuz der DDR war nicht die einzige Organisation die Hilfsgüter transportierte. Wir waren nur ein Teil der Gesamtaktion.
Jetzt wurde es Zeit, dass Nägel mit Köpfen gemacht werden.
Wieder ein Anruf vom Sekretariat des Vizepräsidenten; ich möge bitte in die Nähe von Mirow inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte fahren - nein, nicht um dort ein paar Tage Urlaub zu machen, sondern Absprachen für einen Toilettenwagen zu führen. Die dortige Firma, eine Produktionsgenossenschaft des Wagenbau- und Stellmacherhandwerks baut Hygienewagen für die Erdöl-Trasse: Sowjetunion – Deutschland, die allseits bekannte „Trasse der Freundschaft“. Der Vizepräsident hat, wie, das ist sein Geheimnis, eine Freigabe für das Fahrgestell eines solchen Wagens bekommen. Die Einzelheiten sollten mit der PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) vor Ort abgeklärt werden.
Innerlich habe ich gejubelt, endlich – ein Toilettenwagen!
Eine telefonische Anmeldung, die Dienstfahrt war perfekt, immer in der Hoffnung, einen fertigen Wagen ansehen zu können. Pustekuchen !!
Dort angekommen, war der PGH-Vorsitzende nicht gerade erfreut über unser Anliegen. Es gab eine Reihe Erklärungen, warum es eigentlich nicht geht; da ist die Planauflage für die „Trasse“, dann baut die PGH zur Zeit nur Hygienewagen, Toilettenwagen waren eigentlich nicht im Programm und dann noch einen behindertengerechten Toilettenwagen – wie soll der denn aussehen und ausgestattet sein? Und zu welchem Termin wird der gebraucht?
Eine Menge möglicher Ausreden, da musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten, um erst einmal den Chef für unser Anliegen zu interessieren.
„Was ist denn der Unterschied zwischen Hygienewagen und Toilettenwagen“?
„Komm`se mit, ich zeig Ihnen einen Hygienewagen für die Trasse“. Gemeint war immer der Bauauftrag für die Erdöltrasse.
Gegenüber des Firmengeländes, auf einer Wiese standen 3 oder 4 rostrote Bauwagen, 8 Meter lang, mit 5 Fenstern und Eingang über ein kleines Treppenpodest in der Mitte des Bauwagens – nein, Hygienewagens.
Innen, rechte Wagenseite nur Duschanlagen, offen, eigentlich nur Duschköpfe, die an einer Wasserzuleitung montiert sind. Keine Kabinenabtrennung, warum auch, der Wagen war für Baustellen bestimmt, wo die Bauarbeiter (meist junge Männer, die schnell gutes Geld verdienen wollten) keine hohen Komfortansprüche stellen, Hauptsache warmes Wasser, schnell duschen und dann ab in die Baukantine. Auf der linken Seite des Wagens, in Fahrtrichtung, die obengenannten Fenster, Kleiderhaken, Sitzbänke. Das war`s eigentlich auch schon. Ja, die Wände und der Fußboden mit plastbeschichteten, wasserabweisenden Belägen, also schnell zu reinigen mit einem kräftigen Wasserstrahl. Eine Feuchtraumbeleuchtung gab es auch. Sicher, für einen Hygienewagen auf Großbaustellen, wie eine Erdöltrasse, geeignet, aber für uns?
Dann wurde ich aber doch erst einmal zu einer Tasse Kaffee eingeladen. Der verantwortliche Techniker der PGH kam hinzu und ich konnte in Ruhe nochmals unsere Vorstellungen von dem „Rolli-Lager“ vortragen. Natürlich immer mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass ohne geeigneten Toilettenwagen das ganze Lager nicht durchgeführt werden kann und wie sich die ausgewählten Teilnehmer doch darauf freuen, solch ein Lager einmal zu erleben. (Welche eigentlich? Ich hatte ja noch keine Übersicht, wusste lediglich, dass es 20 Rolli-Kinder sein werden, 20 nicht-geschädigte Kinder und 20 Betreuerinnen).
Also, nu` wolln wir mal uffmaln, wat ihr so braucht!
Acht-Meter-Wagen mit voller Straßenzulassung, det heeßt, richtje Druckluft-Bremsanlage.
Zwee Abteile, Männlein – Weiblein, uff jede Seite achtzjer Kabinen ...Aber, jetzt kam wieder, dass eigentlich keine Kapazitäten frei sind, weil die Lieferung an die „Trasse“ Vorrang hat und dringend ist.
Aber der Chef war einsichtig und schlug vor, erst mal mit allen Kollegen in der Mittagspause darüber zu reden.
Einverstanden! Ein Schritt zum Erfolg weiter.
In der Mittagspause wurde unser Anliegen vom Chef in seiner Redensart vorgetragen. Das war ein mecklenburger Platt, was Fremde kaum verstehen. Der junge Techniker kam auch zu Wort und machte erste Lösungsvorschläge:
Die Mittagspause war gleich vorüber. Ich befürchtete schon, der Chef bricht die Diskussion ab, die inzwischen unter den Kollegen aufgekommen war, als sei die Sache schon ein bestätigter Bauauftrag. Da kam der Chef aber nochmals mit den Bedenken bezüglich der Planerfüllung und der Liefertermine für die Trasse.
Alle Argumente und Gegenargumente der Mitarbeiter habe ich wegen dem mecklenburger Platt nicht verstanden, aber so viel:
Wir machen das Ding, wenn es sein muss, auch nach Feierabend als Subbotnik! (Ein bei uns geläufiger Begriff für freiwillige Zusatzarbeit, gegebenenfalls auch am Wochenende. Als „Vergütung“ gibt es dafür meist einen Händedruck vom Vorgesetzten, eine Bockwurst und Freibier).
So sind die Mecklenburger, wenn sie den Zweck der Sache verstehen
(was möglicherweise manchmal etwas länger dauert), dann wird nicht viel
drumherum geredet, sondern die Sache in die Hand genommen.
Zufrieden fuhr ich nach Hause, ein großer roter Haken konnte auf meiner Liste gemacht werden.
Es gab noch eine Reihe von Telefonaten zwischen der Produktionsgenossenschaft des Wagenbau- und Stellmacherhandwerks (PGH) und unserer Dienststelle.
Abstimmungen, wie das Toilettenbecken für die Behinderten einen geeigneten Sichtschutz bekommen kann (feste Kabinenwände gehen ja nicht), Fragen zur Ausstattung und … und noch viele Details waren zu klären. Ein „Schreckanruf“ war dabei. „Wir dürfen laut dem verkehrstechnischen, genehmigten Bauplan für die Wagen nur 80cm-Türen einbauen!“.
An dieser Stelle war ich hilflos, also Anruf im Sekretariat von Dr.Hagemoser . Dieses Problem löste unser Vizepräsident dank seiner Möglichkeiten mit dem Ergebnis, dass die entsprechende Genehmigung erweitert (oder ergänzt) wurde und sogar 120cm-Türen eingebaut werden konnten. So können künftig sogar Elektrorollstühle in das Abteil fahren!
Wegen der Podeste und Rampen waren wir optimistisch. Roland, unser Autoschlosser und Mann für alle schwierigen Fälle, hat von irgendwo her Winkeleisen für die Rahmen der Podeste und Rampen besorgt. Ein Bekannter hat ihm verraten, dass bei der Bahn Gitterroste liegen, die keiner dort benötigt, aber genau die Abmessungen haben, die wir für Podeste und Rampen brauchten. Also ging Roland in die Spur und hatte tatsächlich Glück, die Bahn hat uns die Gitterroste sogar zu einem „Freundschaftspreis“ überlassen. Dann begannen die Schweißarbeiten der Rahmen und der Geländer. Die Podeste mussten so groß sein, dass ein Rollstuhl bequem darauf wenden kann. Die Rampen mussten so lang bemessen werden, dass ein Rolli-Kind notfalls auch alleine hochfahren kann, die Geländer die richtige Höhe haben, beziehungsweise eine zweite Stange als Handlauf für Rolli-Kinder. Alles ohne Vorlagen und Zeichnung, aber richtig stabil und so, dass die Rampen und Podeste auch im Gelände angesetzt werden können, also mit einer Höhenverstellung mittels Gewinde in den Stützen. Dann mussten wir alles sandstrahlen lassen. In Lindenau ist so eine Werkstatt. Die haben zwar nicht auf uns gewartet, aber als sie hörten zu welchem Zweck, haben sie sofort geholfen und anschließend alles sogar noch mit Rostschutzfarbe grundiert. Allerdings, alles auf den letzten Pfiff!
Ich greife hier mal dem Zeitlauf vor. Den Toilettenwagen konnten wir drei – ja, genau drei Tage vor Anreise zum Lageraufbau abholen. Der Stein, der mir da vom Herzen fiel, den hätte man mal hören sollen, als der LKW mit dem Wagen am späten Freitagnachmittag auf unseren Hof fuhr.
Die Podeste anpassen und alles richtig lackieren hat Roland mit Hilfe weiterer Kameraden im Lager erst fertig machen können.
Roland kam kurz nach Feierabend in unserer Dienststelle an. Komisch, fast alle Kameraden noch da – aus Neugierde? Natürlich, alle wollten sehen, wie der erste Behinderten-geeignete Toilettenwagen geworden ist. Wie hatten die Kollegen im Mecklenburgischen das Problem des Sichtschutzes der Behindertenkabine gelöst?
Ganz einfach und einfallsreich mit einem bodenlangen Vorhang aus abwaschbaren (also auch desinfizierbarem) Wachstuch. Mit großen Ringen an der Dekostange und damit leicht auch im Sitzen verschiebbar, ähnlich einem Duschvorhang.
Jetzt, wo ich das schreibe,(2014) lacht man über diese Lösung. Ja, es sind aber auch 33 Jahre Entwicklung vergangen. Von behindertengerechten Toilettencontainern haben wir damals noch nicht einmal geträumt!
Immerhin hat die damals gefundene Lösung der Produktions-genossenschaft des Wagenbau- und Stellmacherhandwerks Anfragen sogar aus dem westeuropäischen Ausland eingebracht. Aussteller wollten solche Wagen haben und bei Großveranstaltungen in Westeuropa einsetzen. Leider, Verpflichtungen gegenüber der „Trasse“ hatten den Vorrang.
Wir aber, waren die Ersten in der Republik, die so einen Wagen hatten – und wir waren mächtig stolz darauf.
Es gab noch viele kleine „große“ Problemchen zu lösen, bis wir zum Lageraufbau starten konnten.
Da war das Problem „Holzkohle“.
Ja, wenn man ein Zeltlager macht, möchte man auch mal grillen und
dazu braucht man nun mal Holzkohle. Aber woher einfach nehmen, wenn
dieser Artikel gerade mal zur „Mangelware“ gehört? Der erste Versuch in
einer Köhlerei in der Dübener Heide, ein Fehlschlag:
Der Zweite Versuch war dann gleich ein Frontalangriff.
In Leipzig, am Markt, hatte die VVB Kohle (Hauptverwaltung, Vereinigung Volkseigener Betriebe) ihren Hauptsitz. Der Versuch, dort einen Bezugsschein zu kriegen, wäre fast am Pförtner gescheitert. Aber, nicht mit mir! Ich habe den Pförtner gebeten, mich mit dem Parteisekretär der VVB telefonisch zu verbinden. Das wollte der Pförtner dann doch nicht verweigern, zumal ich in „voller Montur“ - das heißt großer Dienstbekleidung vor ihm stand. Also, kurzes Telefonat mit dem Genossen Parteisekretär, siehe da, ich wurde vorgelassen.
Dem Genossen Parteisekretär habe ich unser Anliegen in aller Form der politischen Wichtigkeit des Beitrages unserer Organisation zum Internationalen Jahr der Behinderten vorgetragen. Der Genosse erkannte auch sofort die dringende politische Notwendigkeit, griff zum Hörer und rief wohl den Chef der VVB an. Der Genosse Chef erkannte ebenfalls die politische Wichtigkeit und – ein langes Gespräch war das nicht, sondern die Weisung, natürlich solch einen Bezugsschein auszustellen.
Wie viel Sack Holzkohle braucht ihr?“
Ich wollte nicht unverschämt sein, kannte ich doch den derzeitigen wirtschaftlichen Engpass, mit fünf Sack wäre ich ja schon zufrieden.
Blödmann, (rumorte es in meinem Kopf) nun war ich schon mal an der Quelle und nutzte sie nicht völlig aus! Aber es war nun mal schon gesagt.
Noch ein Telefonat des Genossen Parteisekretär und fünf Minuten später hielt ich einen Bezugsschein über fünf Sack Holz-Grillkohle bester Qualität in der Hand. Mit den besten Wünschen der Partei – in diesem Fall von einem ihrer Sekretäre – für unser wichtiges politisches Anliegen wurde ich verabschiedet und bis vor die Tür begleitet (damit ich ja nicht noch mal wiederkomme).
Bitte, keinen falschen Kommentar zu den Genossen Parteisekretäre, man musste sie nur im richtigen Moment von der richtigen Seite, mit den richtigen politischen Argumenten angehen und schon war die Ziellinie „freigeschossen“.
Nach und nach kam alles in „Sack und Tüten“, es war also alles bereitgestellt und verladen – eine ganz schöne Reihe Transport-LKWs und Spezialfahrzeuge, die abfahrbereit in den Fahrzeughallen und auf unserem Hof standen.
Am Montag ging die Fuhre ab. Wir hatten freitags noch abgesprochen, dass wir nicht im geschlossenen Konvoi fahren, denn es geht nur über Landstraßen und die Verbindung Leipzig – Karl-Marx-Stadt war ständig rappel voll. Einen großen Konvoi hätten wir auch bei der Verkehrspolizei anmelden müssen, alles zu viel Aufwand. Da ging es in Gruppen von vier, fünf Fahrzeugen schon eng genug zu, denn jeder LKW hatte ja mindestens einen Hänger dran. Die Kameraden kannten ja auch die Strecke, denn viele Transportleistungen für eine Karosserie-Firma in Leipzig wurden von Karl-Marx-Stadt abgeholt.
Vereinbart war, dass wir kaum zusätzliche Kräfte als Fahrer einsetzen wollten, es war Hauptferienzeit und die Kreisorganisationen brauchten ihre Leute selber. Vielmehr war vorgesehen, dass am ersten Tag die erste Anreise bis gegen 11:00 Uhr erledigt war, ein Teil der Kameraden am Lagerplatz blieb und ein Teil mit B1000-Bussen zurück fuhren, um die zweite Welle von Fahrzeugen zu holen. Wenn alles klappt, die erste Transportwelle ohne Panne ankommt, ist eine zweite Transportwelle keine Überforderung für unsere Kameraden.
Die Versorgungsfahrzeuge wie Küchenzüge, „Kalte Küche“, - ein Robur- Verkaufswagen, der prima geeignet war, um bei Großeinsätzen Kaltverpflegung auszugeben - Wasserwagen, Stromaggregate, Transport-LKW mit den Unterkunftzelten für das Hilfszug-Personal waren die ersten Fahrzeuge auf dem Weg nach Euba. Unsere Einsatzgruppe vom Jugendzug hatten wir am Jugendclub abgeholt und zu unserem Objekt gebracht.
Von hier ab, waren sie gute Beifahrer auf allen Fahrzeugen der ersten Welle. Unsere hauptamtlichen Kameraden verstanden sich mit den Jugendlichen prima. Sie hatten sich in allen gemeinsamen Einsätzen die Anerkennung erworben, die ihnen für ihre Einsatzbereitschaft auch gebührt. Sie gehörten einfach schon dazu. Ein besseres Lob kann man sicher dafür auch noch finden, aber ich bin einfach stolz auf die gemeinsame Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren geschafft haben.
Alles fertig? Dann, los, wir treffen uns am Ortseingang Euba! Es lief auch fast alles wie geplant.
Telefonisch hatten wir vorab mit dem Vorsitzenden der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft vereinbart, dass er ein, zwei Tage vor unserer Anreise den Sportplatz, der jetzt Lagerplatz werden sollte, mit dem Balkenmäher „rasieren“ lässt, also die Grasnarbe ganz kurz ist, damit der Schaden, den wir sicher bereiten werden, nicht allzu groß ist. Die Energieversorger hatten auch zugesagt, am Anreisetag vor Ort zu sein. Es war alles gut geplant. Nur das Wetter konnten wir nicht planen. Das sorgte dann auch für die kleinen Störungen.
Der Sportplatz war leider noch nicht „rasiert“, weil es am Wochenende fast durchweg geregnet hatte und der Sportplatz ziemlich durchgeweicht war.
Mit dem Ergebnis, dass bereits der erste Transport-LKW mit Hänger sich festfuhr. Hilfe leistete ein Traktor der LPG, der wollte eigentlich trotz der Nässe versuchen, den Sportplatz zu mähen, aber erst musste er mal unseren LKW vom Platz ziehen. Um größeren Schaden zu vermeiden, haben wir die Hilfeleistung natürlich angenommen, den Sportplatz wieder geräumt und dem Balkenmäher die Vorfahrt gelassen. Das brauchte aber auch seine Zeit. Als Futter war das nasse Gras leider nicht zu verwenden und unser Plan, noch eine zweite Transportwelle an diesem Tag zu schaffen, fiel damit wortwörtlich auch ins Wasser.
Die Anwohner vom Sportplatz und einige Kleingärtner hatten unsere Aktionen beobachtet. Wir haben sie angesprochen und uns ein paar Rechen ausgeborgt, um wenigstens das nasse Gras von den Stellen weg zu harken, wo wir unsere Zelte aufbauen wollten. Sofort waren sie bereit und haben sogar gleich selber mit geholfen. Das schaffte von Anfang an ein gutes Gemeinschaftsgefühl zwischen den Anwohnern von der linken Seite des Sportplatzes (ich sagte immer „unsere Häusler“), den Kleingärtnern von der rechten Seite des Platzes und uns, die wir für rund fünf Wochen ihnen die herrliche ländliche Ruhe rauben wollten. Teilweise kannten wir uns ja schon vom Vorjahr, als wir an gleicher Stelle unser Lager aufgebaut hatten.
Dabei hatten wir eigentlich einen schönen Sonnentag für unsere Anreise, ja, es wurde sogar richtig heiß und wir kamen beim Aufbau ganz schön ins Schwitzen.
Das zur Seite geschobene Gras wurde wieder ein wenig ausgebreitet, konnte so abtrocknen und unsere Häusler wollten es nun doch als Futter für die Hasen haben. Bei denen sind die Kaninchen eben „Hasen“.
Als erstes wurde die Küche aufgebaut, denn Essen und Trinken hält bekanntlich Leib und Seele zusammen. Der Vorplatz, wo die Küchen stehen sollten, war ja auch nicht so matschig, damit konnten diese Teile des Technikbereiches durchaus voll genutzt werden.
Hebbel hatte sich sofort nach unserem Eintreffen zur Futter-Mühle begeben, die Energie-Versorger wollten dort auf uns warten. Das klappte auch alles, sie hatten sogar das Kabel bis zum Sportplatz schon verlegt, wollten auf Nummer „Sicher“ gehen, falls wir doch nicht über geeignetes Kabelmaterial verfügen. Prima! Wir brauchten also nur noch unsere transportable Übergabestation abladen und aufstellen (eine Schalttafel zur Übernahme von Kraftstrom mit Anschlussmöglichkeiten für unsere eigenen Verbrauchsstellen, wie Küchen) und schon war Strom da. Die Techniker der Energieversorgung waren natürlich neugierig und haben sich unsere technische Ausstattung genau angesehen. So eine Einrichtung, wie den Hilfszug, kannten sie auch noch nicht. Ich habe sie eingeladen zur Lagereröffnung zu kommen, wir würden uns über Gäste sehr freuen und könnten dann auch alles in Funktion zeigen. Die Einladung wurde gerne angenommen.
Es dauerte auch nicht allzu lange und die Küche rief zum „zweiten Frühstück“ - Tasse Kaffee und eine kräftig belegte Wurstschnitte, dazu noch ein paar saure Gurken – alle waren zufrieden und die Pause tat uns gut, denn es gab ja noch eine Menge zu schaffen am ersten Tag. Aber jeder kannte seine Aufgaben, da musste nicht viel erzählt oder angewiesen werden. Nach dieser kurzen Rast ging es an den Aufbau der Zelte für das Hilfszugpersonal einschließlich für unsere Kameradinnen und Kameraden vom Jugendzug – die gehören einfach mit zu uns.
Etwas verspätet, aber nicht zu spät, gab es dann auch ein Mittagessen, Makkaroni-Chips mit Büchsengulasch. Nichts besonderes, aber aus der eigenen Küche und Marianne hatte sich viel Mühe gegeben. Wir sind ja verwöhnt und Gulasch gibt es sonst immer frisch gemacht. Für den Aufbautag ist das aber schon in Ordnung. Hauptsache satt und zufrieden. Da geht die Arbeit dann umso besser. Der Arbeitstag wird ab sofort sowieso nicht nach einer regulären Arbeitszeit, sondern nach notwendiger Arbeitsaufgabe bestimmt. Ich habe auch nie erlebt, dass die Kameraden nach der Uhr gesehen haben, oder den Begriff „Überstunde“ gebraucht haben. Das gab es überhaupt nicht (höchstens, wenn es an der Zeit war einen Kasten Bier freizugeben). Es wurde aufgebaut solange es einigermaßen hell war. Erst wenn der Abend sich wirklich über das Lager legte war Feierabend. Heute lediglich etwas früher für den Teil unserer Kameraden, die noch nach Leipzig zurück fahren mussten, um morgen mit der zweiten Welle Fahrzeuge wieder hier zu sein.
So gegen 17:00 Uhr fuhren die beiden B1000-Busse los. Für den Rest der Mannschaft galt aber „weitermachen“, ohne ein Kommando, das brauchte keiner, alle hatten das gleiche Ziel, solange das Wetter so gut ist, möglichst viele Zelte aufbauen. Unsere Jugendtruppe hatte sogar schon begonnen, die ersten Med.-Zelte für das eigentliche Lager aufzubauen. Das sind 6 x 6 Meter – Zelte mit Ausgängen an jeder Frontseite und der Möglichkeit, einen Übergang von Zelt zu Zelt anzubauen, damit entsteht ein richtiges Stationsprinzip. In den Zelten wurden weiße Innenhäute eingehangen. Vorgesehen war, diese Zelte mit je 4 bis 6 Betten zu bestücken, zwei beziehungsweise drei für behinderte und zwei beziehungsweise drei für nichtbehinderte Teilnehmer. An jedem Bett ein Stuhl, zusätzlich Tische und Stühle in eine kleine Sitzecke, unter jedem Bett eine palettenartige Ablage für die Koffer, damit diese nicht direkt auf dem Boden liegen und ein Regal mit Kleiderablage und Fächer für private Sachen.
Wir hatten in
der Vorbereitung auf das Lager die Möglichkeit, Gitterregale aus Metall,
plastbeschichtet, zu beschaffen, wo die Böden einfach in die
Seitenleitern eingehangen werden, das ganze Regal auf der Rückseite mit
zwei diagonalen Streben versteift wird und so einen prima Schrankersatz
im Zelt darstellt. Aber erst mussten die Zelte stehen, bevor sie
eingeräumt werden können. Noch waren alle im „Blaumann“, nur „Ecke“ -
eigentlich Eckehard, (aber „Ecke“ riefen ihn seine Kameraden im
Krankentransport Wurzen, das haben wir so auch übernommen) durfte aus
der Reihe tanzen. „Ecke“ war im letzten Jahr schon mit im Einsatz
„Karl-Marx-Stadt 1980“ und hatte sich als Wirtschaftsfahrer Lorbeeren
verdient. Er kannte sich also schon aus in den Großhandelseinrichtungen
der Stadt. Warum dann einen Anderen dafür einsetzen? „Ecke“ war von
seinen Kameraden Krankentransporteuren für den Gesamteinsatz
freigestellt und nahm seine Aufgabe auch bei uns wieder sehr ernst. Mit
allen erforderlichen Kundennummern, Begleitschreiben, Bestelllisten für
den Großhandel und was sonst noch erforderlich war, ging „Ecke“ gleich
am ersten Tag in leichter Dienstkleidung, sprich Dienstblouson, grauer
Hose und Käppi, mit unserem Wirtschaftswagen, ein B1000-Koffer, der für
Lebensmitteltransporte geeignet war, auf große Einkaufstour und kam am
späten Nachmittag voll beladen zurück. In den meisten Verkaufsstellen
wurde er wiedererkannt. Überall hat er sein Sprüchlein fein aufgesagt:
Es ist spät geworden bis wir den Feierabend gefunden haben, aber es war ein guter Tag.
Am nächsten Morgen weckte uns der Kaffeeduft, der aus der Küche zu uns rüber zog. Marianne war, eigentlich auch wie immer, als Erste aufgestanden und hatte bereits das Frühstück vorbereitet. Nein, Marianne war nicht die Erste, der Erste war diesmal unser „Ecke“, denn der kam bereits vom Bäcker zurück, mit herrlich frischen Brötchen und frischem Brot. Er hatte sich am Vortag auch beim Bäcker vorgestellt und die Bestellung für heute aufgegeben. Der Meister und Frau "Meisterin" ließen herzlich grüßen und einen schönen Tag wünschen.
Also, raus aus den Federn (besser Schlafsack)!
Für das technische Personal – einschließlich der Einsatzkräfte vom Jugendzug hatten wir hauptsächlich kleinere Zelte aufgebaut. 2,5 Meter mal 5 Meter, das sind eigentlich Zelte für Feldküchen, aber lassen sich auch prima als kleine Unterkunftzelte nutzen, zumal sie innen eine Trennwand hatten und man so ein Schlafabteil abtrennen konnte. So wurde in meinem Zelt im größeren Teil ein kleines „Büro“ eingerichtet mit einer Schreibkiste, die alles Notwendige beinhaltet, was man halt so braucht in einer Einsatzleitung, Geschäfts-Briefpapier, Stempel, Reiseschreibmaschine, bis zur Büroklammer war alles da. Ein Regal aus den variabel aufbaubaren Gitterböden für weitere Utensilien wie Kühltaschen, Sanitätstaschen, Regenbekleidung, Gummistiefel für den Notfall – ich weiß nicht, was noch alles. Jedenfalls war das Regal rappel voll. Wir hatten ja für unsere B1000-Busse auch kleine einachsige PKW-Hänger, eigentlich gedacht, um im Lagerleben zum Beispiel Rollstühle zu transportieren, aber halt auf der An- und Abreise auch all das Material was unter „Sonstiges“ fällt. Geschlafen wurde in Feldbetten. In das kleine Abteil passte gerade ein Bett, zwei Stühle und ein Tisch rein und schaffte so eine kleine Rückzugsoase, wenn man mal alleine sein wollte.
Aber das Einrichten dieser Unterkunftzelte wurde jedem selbst überlassen. Die Einsatztruppe des Jugendzuges hat sich zum Beispiel Doppelstockbetten aufgestellt – macht mehr Spaß beim toben. Warum nicht, jeder soll es sich für die fünf Wochen so gemütlich machen, wie er es möchte. Sie haben ihre Zelte auch etwas seitlicher weg gestellt, damit sie uns nicht mit ihrer lauten Schlagermusik aus dem Kofferradio stören.
Marianne bekam ein „Familienzelt“ mit „Ehebett“, denn ihr Mann Ralf kam in ein paar Tagen auch zum Einsatz. Es war an alles gedacht.
Wirklich, ein Genuss, so ein frisches Butterbrötchen und eine Tasse heißer Kaffee und alles an einem schönen Morgen auf der grünen Wiese – fast wie Urlaub.
Nichts ist mit Urlaub, gearbeitet wird! Bald kommt die zweite Transportwelle an, bis dahin muss schon was passiert sein beim Aufbau, sonst denken die Kumpels wir haben nur gefaulenzt als sie weg waren.
Auf, „Schaffe, schaffe Häusle baue“.
Tatsächlich, gegen 10:00 Uhr war die Fahrzeugkolonne da. Jetzt wurde auch unser neuestes „Glanzstück“, der Toilettenwagen auf dem Platz neben der Fäkaliengrube aufgestellt.
Der Wasseranschluss war schnell gekoppelt, denn die Zuleitung vom Standrohr bis zum Lagerplatz hatten wir ja schon am Vortag gezogen. Der Abfluss ging bei diesem Einsatz direkt in die Fäkaliengrube. Bei Einsätzen sind das immer die ersten Arbeiten, Strom für die Küchenzüge entweder vom Stromaggregat oder, wie in diesem Fall, vom Netz, Wasserzuleitung, entweder vom Wasserwagen, oder auch wie hier, aus der örtlichen Wasserversorgung. Ja, und die Abwasserleitung darf nicht vergessen werden. Auch dafür haben wir entweder große 2000-Liter-Gumminbehälter, die dann abgesaugt werden, oder wir können eine Sickergrube nutzen beziehungsweise in das öffentliche Abwassernetz einleiten. Auf alle Varianten sind wir technisch eingestellt.
Es dauerte auch nicht lange, und Roland und Hebbel haben die Podeste angebaut, die letzten Schweißarbeiten erledigt, alles wieder mit Rostschutzfarbe überstrichen und gaben den Toilettenwagen frei.
Da stand nun unser ganzer Stolz, ja Stolz, denn immerhin waren wir die Ersten in der Republik, die einen Behinderten-geeigneten Toilettenwagen dank der Hilfsbereitschaft einiger Wagenbauer aus der Mecklenburger Seenplatte einsetzen können.
Die Rahmen der Podeste, Rampen und Geländer wurden noch gestrichen, jetzt ist alles fein! Die Innenausstattung wurde komplettiert, in jede Toilettenkabine ein Abfalleimer, im Vorraum waren zwei Spiegel so angebracht, dass sich auch die "Rollis" sehen konnten. Das Toilettenbecken für den Behinderten war so weit vorgerückt, dass eine Hilfskraft gegebenenfalls hinter das Becken treten und so behilflich sein kann.
Heute lächeln wir darüber und manch ein Leser wird denken, ...was macht der für einen Aufwand, wegen so einem Toilettenwagen?“
Tja, aber ohne diesen Wagen hätte dieses Lager und auch die folgenden nicht durchgeführt werden können.
Mit der zweiten Transportwelle kamen auch unser Duschzug, zwei MUS-Faltkoffer, der Nachrichtenwagen, der Kinowagen, die als Notreserve erforderlichen Stromaggregate und weitere Ausrüstungen an. Da war eine vollständige Brandschutztafel dabei mit Handfeuerlöscher und Anschluss für eine Handspritze, die man mit der Wasserverteilung koppeln konnte. Diese Schlauchleitung wurde rings um das Lager geführt. Für jede Zeltreihe war ein Abgang vorgesehen für die Waschständer, die in den Zelten individuell genutzt werden konnten. Unsere MUS-Faltkoffer wurden über einen Wasserhänger gespeist, denn sie haben eine eigene Wasserversorgungsanlage, brauchten also keine Druckleitung. Das Abwasser von den Faltkoffern haben wir kurzerhand mittels Schlauchleitung in den Graben geleitet, der den Sportplatz an der nördlichen Seite abschloss. Bei den Waschständern in den Zelten, die mit einem Durchlauferhitzer, Waschbecken und Armatur ausgestattet waren, wurde der Einfachheit halber ein Eimer für das Abwasser genutzt. Diese Waschständer waren ja sowieso nur für den Notfall vorgesehen, falls mal ein Behinderter im Bett bleiben müsste und zur Pflege Wasser gebraucht wird. Genauso wurde in jeder Zeltreihe ein Sauerstoff-Koffer stationiert. Alles nur vorsichtshalber. Die MUS- Faltkoffer wurden etwa 15 Meter hinter den Unterkunftzelten abgesetzt und entfaltet.
Einer diente als Krankenstation, in einer der beiden Seitenkabinen wurden zwei Betten aufgestellt. Die andere Seitenkabine war als Sprechzimmer vorgesehen. Im Mittelteil hatte ich neben der Sollausstattung zusätzlich Verbandstoffe, Schienenmaterial und Medikamente gesichert eingelagert. Der Bestand an Medikamenten entsprach zumindest im Sortiment bestimmt dem einer guten Landarztpraxis. Von Medikamenten gegen Erkältungen bis zu Kreislaufmitteln, von Inhalationsmitteln bis zu Infusionsmitteln zur Kreislaufstabilisierung stand ein breites Sortiment zur ärztlichen Verfügung. Im vorhandenen Kühlschrank konnten Medikamente gelagert werden, die einer ständigen Kühlung bedürfen, wie zum Beispiel Insulinpräparate als Reservebestand für Diabetiker. Die Schlüsselgewalt über diesen Faltkoffer hatten nur Schwester Ursel (die im Moment noch gar nicht angereist war), Manfred, mein Techniker der Med.-Gruppe und ich. Die Schlüssel zu den Medikamenten, die gesondert sicher gelagert waren, wurden vorerst nur bei mir verwahrt.
Der zweite MUS-Faltkoffer wurde ebenfalls mit zwei Betten bestückt, aber den hatten wir als Unterkunft für besondere Gäste vorgesehen. Bis wir Teilnehmer und Gäste empfangen können, gibt es aber noch eine Menge Arbeit.
Der Duschzug, dieses Jahr neu auf W50-Chasie, musste in Position gebracht werden. Den Umbau vom alten G5- Motorwagen auf W50 haben unsere Kameraden weitgehend selber vollbracht – eine richtige Winterarbeit, aber jetzt sind wir alle stolz auf das Ergebnis.
Die Transport-LKWs wurden Stück für Stück entladen, um die Zelte einräumen zu können. Für die leeren Kfz hatten wir einen Stellplatz außerhalb der kleinen Zeltstadt bestimmt . Dort wurden sie dann geordnet abgestellt.
Unsere jugendlichen Einsatzkräfte waren fleißig bei der Zeltausstattung. Da waren die Betten aufzubauen und in den Zelten zu positionieren. Nicht alles nach Schema „F“, sondern abgestimmt auf unsere Lagerteilnehmer.
Wir wussten ja inzwischen, ob unsere Rolli-Kinder zumindest männlich oder weiblich sind, das Alter kannten wir und wir wussten, ob sie völlig auf den Rollstuhl angewiesen sind, also überhaupt nicht laufen können, oder wenigstens einige Schritte mit Gehhilfen. Daraus haben wir einen vorläufigen Belegungsplan abgeleitet und entsprechend dieses Planes die Zelte ein wenig individuell ausgestattet, das heißt, da wo ein Rolli-Kind künftig schlafen wird, muss auch ein Stellplatz für den Rollstuhl nahe dem Bett sein. Andererseits wollten wir aber auch nicht auf der einen Seite des Zeltes die Rolli-Kinder und auf der anderen Seite die nichtbehinderten Kinder unterbringen, sondern immer schön gemischt, denn sie sollten sich ja gegenseitig gut kennenlernen und sich gegenseitig auch helfen. Nach diesen Grundsätzen waren letztlich auch die nichtbehinderten Teilnehmer ausgewählt. In den Zelten, in denen wir Teilnehmer mit Querschnittslähmungen einquartieren wollten, wurden nur 4 Betten aufgestellt. So gewannen wir viel Bewegungsraum für eine individuelle Pflege. In den anderen Zelten wurden jeweils 6 Schlafplätze eingerichtet. Es bereitet uns einige Sorgen, dass nicht nur der Anteil an Jungen und Mädchen stimmte, sondern auch die Altersstufen, denn wir wissen inzwischen, dass die jüngste behinderte Teilnehmerin gerade mal zehn Jahre alt ist, der älteste behinderte Junge ist fast 16 Jahre alt. Diese Auswahl entsprach zwar nicht genau unseren Vorstellungen, aber die delegierenden Einrichtungen werden ihre eigenen Überlegungen dabei gehabt haben.
Wir werden uns davon bestimmt nicht unnötig nervös machen lassen, es kommen bestimmt noch schwierigere Problemchen auf uns zu.
Die ersten zwei Tage waren vom Wetter her richtige „Traumtage“, Sonnenschein und ein leichtes Lüftchen ließen uns beim Zeltaufbau nicht zu sehr schwitzen. In der folgenden Nacht kam aber dann ein richtiges Unwetter über uns. Es regnete was es nur konnte, der Sportplatz verwandelte sich über Nacht in einen Wasserplatz. Uns wurde angst und bange bei dem Gedanken an die Zelte, denn wir hatten darauf verzichtet, um die Zelte kleine Gräben zu ziehen und die Faulstreifen der Zelte damit anzuwerfen. Wir wollten ja den Sportplatz nicht völlig umwühlen wie Maulwürfe, er sollte ja möglichst nach den fünf Wochen Lagerplatz wieder als Sportplatz nutzbar sein.
Am Morgen, ein Wetter als sei nichts gewesen, Sonnenschein, ein leichtes Lüftchen, schönstes Sommerwetter. Die erste Sichtung der Zelte brachte das Ergebnis, dass einige Innenhäute teilweise nass geworden sind, sonst gab es in den Zelten keine weiteren Schäden!
Die Innenhäute, die durch den Regen gelitten hatten, mussten wieder ausgebaut werden. Es waren - Gott sei Dank - nur die Seitenwände betroffen. Früher hätten wir gesagt, wir gehen auf den „Bleichplan“ (das war üblicherweise der Rasen hinter dem Wohnhaus, wo wir als Kinder nicht Fußball spielen durften, wenn die Hausfrauen die frisch gewaschene weiße Wäsche zum Bleichen auslegten und diese regelmäßig mit der Gießkanne befeuchtet wurde, damit die Sonne die Laken schön ausbleicht).
Bei uns sah das dann etwa so aus. Marianne nahm nicht nur ihre ehrenamtliche Pflicht als Köchin sehr ernst, nein sie war auch eine sehr gewissenhafte Hausfrau, prüfte jedes Stück auf der Bleiche oder in Ermangelung eines Wäschetrockenplatzes an den Zelten außen hängend, was eigentlich innen unsere Zelte auskleiden sollte.
Am späten Nachmittag war Marianne dann zufrieden und gab das Kommando, dass alle Innenhäute wieder an ihren angestammten Platz kommen können.
Heute ist Schwester Ursel aus Magdeburg angereist. „Ecke“ hat Ursel, ganz Kavalier, vom Bahnhof abgeholt und ins Lager gebracht. Fast zur gleichen Zeit trafen auch die beiden Lagerleiterinnen ein. Ein herzliches Begrüßen und Vorstellen untereinander und anschließend Lagerbesichtigung. Großes Staunen, was wir da alles auf die Wiese gestellt haben, denn das hatten die Damen noch nie so hautnah gesehen. Dann haben sie ihre Zelte bezogen. Wir hatten ihnen drei kleine Unterkunftzelte aufgebaut und sie konnten selber festlegen, wie sie diese „Lagerleitung“ nutzen wollten. Letztlich waren sich die drei Frauen schnell einig. Das mittlere Zelt wurde das „Lagerbüro“, die beiden seitlich stehenden Zelte waren dann die Schlafräume der Leitung. Die Damen richteten ihre Zelte ein, denn sie hatten doch einen ganzen Teil Material dabei, nicht nur Büromaterial, auch Bastelmaterial. Sie hatten sich offensichtlich viel Gedanken über Beschäftigungsmöglichkeiten von Behinderten gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass eine der Damen auch aus dem Medizinfach kam. Sie war eine ausgebildete Fachlehrerin an einer Medizinischen Fachschule, nicht die gleiche Fachschule, wo unsere Betreuerinnen herkommen werden, aber sie wusste genau wovon wir reden. Das erleichtert uns, später eine objektive Leistungseinschätzung für die Betreuerinnen abzugeben. Schließlich hatten wir dem Herrn Bezirksarzt zugesagt, dass für die Betreuerinnen dieser Einsatz ein richtiges Berufspraktikum wird und er hatte zugestimmt, dass die Ausbildungsvergütung während des Einsatze weitergezahlt wird. Auch für die Damen der Lagerleitung war das alles geregelt. Sie bekamen ihre Gehälter weitergezahlt und sogar noch einen Ausgleich, weil ja schließlich ein „Rund-um-die Uhr“-Einsatz gefordert wurde.
Ursel interessierte sich natürlich in erster Linie für die medizinischen Betreuungsmöglichkeiten. Von unserem MUS-Faltkoffer war sie völlig überrascht, das hatte sie noch nie gesehen. Wir waren ja auch die erste gesellschaftliche Organisation, die mit solcher speziellen Technik ausgerüstet wurde. Noch die Schlüsselübergabe für Faltkoffer und Medikamenten-Schrankteil und Ursel kann in ihrer Funktion als Krankenschwester im Lager tätig werden. All zu viel gab es ja noch nicht zu tun. Ursel und die Lagerleitung konnten sich mit unserer Besatzung bekannt machen und sich so bei uns einleben.
Die Zelte waren auch ziemlich komplett eingerichtet, denn heute, also Mittwoch, reisen planmäßig die Betreuerinnen an. Wir wollten, dass auch diese Kräfte Zeit haben, alles kennen zu lernen, es soll noch eine Einweisung zur Arbeit mit Behinderten durchgeführt werden und wir mussten eine Brandschutzbelehrung durchführen, über geplante Fluchtstrecken und Notunterkunft informieren. Von der Eubaer Schulleiterin habe ich den Schlüssel für die Turnhalle bekommen. Wir dürfen sie nutzen, wie wir möchten. Der Sportverein, der sonst wöchentlich dort auch Übungsstunden durchführt, hat eine Urlaubspause eingelegt, und wenn es sonst noch Fragen gibt, können wir uns an Hans wenden. Hans wohnt am Sportplatz, ist einer der "Häusler", die uns schon am Anreisetag hilfreich zur Seite standen und erfüllt ehrenamtlich die Funktion des Hallenwarts.
Nach und nach wird aus all dem, was nach außen hin wie ein Wirrwarr aussah, ein wohl geordnetes Zeltlager. Es hatte sich alles eingespielt, jeder kennt seine Aufgaben in den nächsten Wochen. Heinz kümmert sich um den Lagerfunk, Hebbel hauptsächlich um die „Stromer“, dass immer Saft auf den Leitungen ist, die Dusche gehört auch noch zu seinem Aufgabenbereich gemeinsam mit Horst, dem Wassermann. Roland kümmert sich um alles, was montiert, repariert und wieder funktionsfähig gemacht werden muss. Max und Wolfgang sind die Küchentechniker, „Ecke“ kümmert sich um den Antransport der Lebensmittel. Gerd, unser Autoelektriker, hat sich noch mal die B1000-Busse vorgenommen, alles durchgesehen, die Kfz-Elektrik geprüft, damit die Fahrzeuge bei der Nutzung mit den Lagerteilnehmern voll einsatzbereit sind.
Tja, und sonst, sind alle im technischen Bereich für fast alles zuständig. Unsere Einsatzgruppe Jugendzug hat in altbewährter Form wieder ein Gästezelt eingerichtet, nachdem eines der Med.- Zelte nicht für die Unterbringung von Teilnehmern laut Belegungsplan gebraucht wird.
Passt doch alles prima!
Es war alles bedacht und vorbereitet, der Telefonanschluss stand auch schon seit dem zweiten Tag zur Verfügung, es konnte gegenüber dem Kameraden Vizepräsident die volle Einsatzbereitschaft“ gemeldet werden.
Am Abend haben wir die Damen der Lagerleitung, sie hatten uns spontan das „Du“ angeboten, also Gisela, Ingrid und Ursel, zu uns zum Abendbrot eingeladen. allzu oft werden wir ja in den nächsten drei Wochen zu einer gemütlichen Runde keine Zeit oder Gelegenheit haben. Marianne, Max und Wolfgang, unsere Küchenbesatzung, hatten alles fein vorbereitet. Es wurde ein gemütlicher Abend, die Ruhe vor dem Sturm!
Nach und nach trudelten auch die Betreuerinnen ein. Die meisten waren bis Mittag da, es hatte aber den Eindruck, sie wollten lieber Urlaub machen, als sich für die bevorstehenden Aufgaben zu interessieren. Da hatten Gisela und Ingrid eine erste Aufgabe und sie haben sie prima gemeistert. Die Brandschutzbelehrung führte freundlicherweise der Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Euba durch. Er hatte sogar noch zwei Feuerwehrkameraden mitgebracht, die in einer Feuerschale Brände unterschiedlicher Stoffe demonstrierten und die Betreuerinnen konnten sich in der Handhabung der Feuerlöscher üben.
Zum Abendessen war das Betreuerkollektiv schon ganz schön geordnet. Die jungen Damen haben also doch begriffen, dass hier erstmals ein Zeltlager mit Behinderten durchgeführt wird und sie bei dieser Premiere mitwirken dürfen.
Wir hatten uns ja vorher abgestimmt, alles was im Lager im Rahmen der Betreuung der Teilnehmer zu organisieren ist, wird durch die Lagerleitung geregelt. Alles was außerhalb zu organisieren ist und mit Transporten verbunden ist, wird von uns abgeklärt und durchgeführt. Natürlich wollen wir uns zu allen Maßnahmen gemeinsam abstimmen, aber die Verantwortung muss schon abgesteckt sein.
Donnerstag, heute reisen alle Teilnehmer an. Der Antransport wird von den Krankentransport-Abteilungen der jeweiligen Kreisorganisation des DRK übernommen. Es war vorab festgelegt, dass die Anreise bis 12:00 Uhr erfolgen soll. Für den Transport aus Leipzig, das heißt die „Jungen Sanitäter“ und ausgewählten Teilnehmer aus dem Jugendzug, hatten wir von unserer Dienststelle einen B-1000-Bus vom Hilfszug eingesetzt. Der Krankentransport Leipzig übernahm den Antransport der Behinderten. Die Abfahrt vom Jugendclub Leipzig-Süd organisierte Karl-Heinz, der Vorsitzende der Grundorganisation, er hat auch eine Freistellung von seinem Betrieb bewilligt bekommen, wird also auch die nächsten drei Wochen mit hier vor Ort sein.
Wissend, dass die Betriebe über Freistellungsanträge für ihre Mitarbeiter nicht so begeistert sind, gerade in der Haupturlaubszeit, habe ich seit geraumer Zeit nach so einem Einsatz an die Betriebsleitung ein Dankesschreiben im Namen der Organisation und des Hilfszuges geschickt und ausdrücklich sehr lobend die hohe Einsatzbereitschaft des freigestellten Kollegen betont. Das kam immer wieder bei den innerbetrieblichen Titelkämpfen als „Beste Brigade des Bereiches...“ gut an. Die Brigaden sammelten so auch Pluspunkte und konnten beweisen, dass sie für gesellschaftliche Probleme immer ein Ohr haben. Die Betriebsleitungen sahen sich bei einem erneuten Freistellungsantrag dann quasi genötigt, zuzustimmen. Sie wollten ja nicht gegen den Brigadekampf entscheiden.
Schwester Ursel und Ingrid bildeten seitens der Lagerleitung das Empfangskomitee, Roland und „Ecke“ waren mit dabei und immer hilfsbereit beim Aussteigen – oder besser Ausladen. Die Betreuerinnen waren natürlich auch in der Nähe und kümmerten sich liebevoll um die Ankommenden.
Das Generalsekretariat hatte in Abstimmung mit dem Vizepräsidenten die Bezirke eingeladen, Teilnehmer zu delegieren, die rings um den Bezirk Karl-Marx-Stadt lagen. Das waren Kandidaten aus den Bezirken Dresden, Leipzig, Gera sowie Teilnehmer aus dem Gastgeberbezirk Karl-Marx-Stadt. Einige Teilnehmer kamen zusätzlich aus einer der großen Einrichtung in der Republik, in der körperlich behinderte Jugendliche und Mehrfachbehinderte ganzjährig betreut werden. Diese Einrichtung ist in Birkenwerder bei Berlin.
Die meisten der angereisten Teilnehmer kannten sich nicht untereinander. Anfänglich herrschte eine sehr schüchterne, zurückhaltende Stimmung. Keiner der behinderten Teilnehmer war je in einem Zeltlager, alles war neu und irgendwie fremd und doch waren sie neugierig, was sie hier erwartet. Sie sahen sich interessiert in ihren Zelten um, so richtig auspacken und sich einrichten wollte aber anfänglich keiner.
Man ging erst einmal auf „Erkundungstour“ durch das Lager, schaute sich möglichst aus der Ferne die eingesetzte Technik an, denn wer hatte schon mal eine Großküche auf einem Lastwagen gesehen, oder einen Duschzug?
Aber diese Situation hielt nicht lange an und die Teilnehmer nahmen von ihrem Lager Besitz. Zum Mittag gab es Eintopf, das war an einem Anreisetag immer das günstigste Angebot. Wir hatten auch die anwesenden Krankentransporteure zum Essen eingeladen. Im Speisezelt herrschte schnell eine fröhliche, ausgelassene Stimmung. Die Aufregung, das Gefühl der Unsicherheit und Fremdheit in der neuen Umgebung waren beim Essen schnell verflogen. Die Teilnehmer hatten sich untereinander bekannt gemacht und erste Eindrücke ausgetauscht, die Betreuerinnen haben sich liebevoll um ihre Schützlinge gekümmert, gemeinsam den Schlafplatz eingerichtet, die Kuscheltiere bewundert und von sich erzählt, was sie machen, und dass sie jetzt drei Wochen lang die ganz persönliche Hilfe jedes Teilnehmers sind. Man schloss schnell erste Freundschaften.
Es trafen noch weitere Gäste ein. Ein Student der Sozialpädagogik meldete sich auf persönliche Empfehlung des Herrn Bezirksarzt und im Auftrag der Bezirksleitung der FDJ mit der Maßgabe, drei Wochen als männlicher Betreuer mitzuwirken und für kulturelle Betreuung mitverantwortlich zu sein.
Kein Problem, Schlafplätze hatten wir genügend zur Verfügung und eine männliche Hilfe in der Lagerleitung war ganz recht.
Am Nachmittag war ein PKW vorgefahren und eine Dame mit weißem Kittel
über dem Arm und großem Arztkoffer in der Hand kam auf mein Zelt zu:
Ich wusste ja, was Ärzte interessiert, also habe ich sofort berichtet, dass wir das Frisch-Wasser aus dem Ortsnetz entnehmen, die Abwässer in die Fäkaliengruben geleitet werden und die Leerung dieser Gruben bereits mit der Stadtwirtschaft abgesprochen ist. Zusätzlich werden die Gruben von uns alle zwei Tage mit Kalk abgestreut.
Inzwischen waren wir vor den Zelten der Lagerleitung angekommen.
Gisela und Schwester Ursel waren hier, Ingrid war noch im
Speisezelt.
Ursel legte sofort die Nachweise der Teilnehmer vor, Ferienlager-Pass mit Bestätigung der Lagerfähigkeit durch den Heimarzt der delegierenden Einrichtung beziehungsweise dem Hausarzt und aktuellen Impfnachweis. Ebenfalls lagen für jeden Teilnehmer die wichtigsten Adressen, die Rufnummern der Eltern und der Einrichtung sowie des betreuenden Arztes vor.
Für die behinderten Teilnehmer hatten wir zusätzlich eine ärztliche Kurzmitteilung zum Geschädigtenbild, notwendige Betreuungsschwerpunkte, medikamentöse Dauerverordnungen und weitere Besonderheiten abgefordert. Gleichfalls waren die behandelnden Ärzte gebeten, für die Teilnehmer mit Dauermedikamentation den notwendigen Medikamentenvorrat zu verordnen. Die Unterlagen waren vollständig und Frau Dr. Meissner konnte sich einen ersten Überblick verschaffen.
Von dem extra Sprechraum, wir hatten ein Abteil des Faltkoffers mit Untersuchungsliege, Schreibtisch, Koffer-EKG-Gerät, Sauerstoff-Koffer, Blutdruckmessgerät und Stethoskop ausgestattet, war sie ganz begeistert. Im zweiten Abteil hatten wir ja zwei Krankenbetten aufgebaut und alles für eine zwischenzeitliche separate Unterbringung von erkrankten Teilnehmern sicherheitshalber vorbereitet. Im Mittelteil des Faltkoffers waren Möglichkeiten zu einer stationären Erstversorgung aufgebaut. So konnten wir Blutsenkungen durchführen, eine erste ärztliche, mikroskopische Begutachtung eines Blutbildes im Bedarfsfall vorbereiten oder den Urinstatus prüfen, Zuckernachweis im Urin oder Sedimentauszüge mittels Zentrifuge anfertigen. Für eine Erstversorgung ein umfangreiches Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten.
Gleichfalls hatten wir uns in der Vorbereitung entschieden, für jeden Teilnehmer eine einfache Patientenkartei zu führen. Mangels besserer Möglichkeiten hatte ich Patientenakten mit Fiebertabelle besorgt, die jetzt von Schwester Ursel eingerichtet werden. Diese Unterlagen bleiben natürlich unter Verschluss und werden entsprechend vertraulich behandelt.
Frau Dr. Meissner war sehr beeindruckt, solche Arbeitsbedingungen
hatte sie nie in einem Zeltlager erwartet. Ihr Lob über die umfangreiche
medizinische Ausstattung wurde nochmals größer, als sie den Schrankteil
mit den vorhandenen Medikamenten inspizierte:
Nach soviel Lob habe ich mir erlaubt, Frau Doktor zu bitten, ihren weißen Kittel nur bei Bedarf in der Krankenstation zu tragen, im Lager möchten wir möglichst keine weißen Kittel sehen, denn die sehen, zumindest die behinderten Teilnehmer, das ganze Jahr über in den Einrichtungen. Frau Doktor war selbstverständlich damit einverstanden.
Wir wollten unsere Lagerärztin noch zum Essen einladen, leider keine
Zeit, es gibt noch weitere Termine.
Es war kurz nach der Mittagszeit, im Lager kehrte eine gewisse Ruhe ein, denn wir hatten uns vorgenommen, gleich vom ersten Tag an eine Lagerordnung durchzusetzen. Dazu gehörte auch eine Mittagsruhe, zumindest an den Tagen, wo wir keine Ausflüge geplant hatten.
Ein PKW Wartburg-Tourist fuhr vor, zwei Herrschaften stiegen aus, schauten sich vorsichtig um und luden dann einen Rollstuhl aus. Ein Junge, zirka 13 -14 Jahre wurde aus dem Auto gehoben und in den Rollstuhl gesetzt.
Aha, ein weiterer Teilnehmer!
Ich ging auf die Herrschaften zu, stellte mich vor und begrüßte sie. Der Herr stellte sich, seine Ehefrau sowie ihren Sohn Peter vor.
Peter werde überwiegend von seiner Mutter zu Hause gepflegt und will
zum ersten Mal allein Ferien machen, ganz zum Unverständnis seiner
Mutter.
Wir standen noch am Auto und haben den Koffer ausgeladen, da war Peter mit seinem Rolli schon voraus gefahren, Richtung Zeltlager. Die Mutter war immer noch sehr besorgt und meine Einladung, sich doch alles in Ruhe anzusehen, nahmen die Eltern gerne an. Ich ließ es mir nicht nehmen, die Eltern selbst zu führen und möglichst alles zu erläutern. Peter wurde inzwischen von einem der Jugendlichen unserer Einsatztruppe zur Lagerleitung gebracht, wo er schon erwartet wurde, denn er war wohl der Letzte der fehlenden Teilnehmer.
Der Rundgang mit den Eltern wurde wirklich umfangreich. Die Mutter
interessierte sich für alles, musste wohl überzeugt werden, dass es
ihrem Sohn hier bestimmt gut gehen wird und er von allen Seiten umsorgt
ist. Schließlich trafen wir Peter in seinem Zelt wieder. Die Eltern
lernten die Betreuerin kennen und begrüßten auch die Zelt-Mitbewohner.
Erstaunt waren sie, dass auch nichtbehinderte Teilnehmer dabei
waren.
Es war für alle ein aufregender Tag.
Eigentlich wäre es jetzt Zeit, ein wenig Ruhe einkehren zu lassen – aber - da kam ein Rolli-Kind aus Richtung Toilettenwagen auf mein Zelt zu. Er machte einen sehr bedrückten Gesichtsausdruck und wollte erst gar nicht mit der Sprache raus.
Was bist du für ein Trottel, ging es mir durch den Kopf. Da planst du großkotzig ein Lager für behinderte Kinder, denkst, du hast alles bedacht und das Einfachste hast du übersehen.
Plums! Ich war wieder runter von dem großen „Pferd“.
Ich musste erst noch einmal durchatmen und diese Schrecksekunde setzen lassen. Dann jagte ein Gedanke den anderen. Wo bekomme ich jetzt ganz schnell Windeln her?
„Ecke“ musste her!
Der Frau Oberin wurde ich bei einer Absprache an der Fachschule vorgestellt. Wir waren uns quasi über den Weg gelaufen. Die Schulleiterin stellte mich vor und ich habe gleich die Gelegenheit genutzt und unseren Auftrag für das Rollstuhllager kurz erläutert. Sie war von der Idee ganz eingenommen und sagte spontan ihre Unterstützung zu. Sie gab mir sogar die persönliche Durchwahlnummer. Natürlich habe ich sie herzlich eingeladen, sich das Lager doch mal anzusehen,wenn es ihre Zeit erlaubt. Es wäre mir eine besondere Ehre, sie als Gast bei uns begrüßen zu dürfen und ihr alles zeigen zu können, um von ihr sicher noch manchen wertvollen Rat zu bekommen.
Ich war ja lange genug im Gesundheitswesen tätig, um zu wissen, welche Stellung eine Frau Oberin in einem Krankenhaus dieser Größe einnimmt, und wie man sein Anliegen gut anbringen kann. Es hat auch wieder mal geklappt, sie fühlte sich geschmeichelt und nahm die Einladung dankend an.
Jetzt brauchte ich aber erst mal ihre Hilfe, also, Telefon –
Durchwahlnummer -
Bei einer altgedienten „Frau Oberin“, die ihre Funktion mit unermüdlicher, jahrzehntelanger Arbeit treu verdient hat, hält ja sogar der Chefarzt die Tür auf, wenn sie zur Pflegevisite kommt. So eine würdevolle Frau Oberin wird jetzt gesucht, damit ich mein Anliegen vortragen kann.
Es dauerte auch nicht lange und ich konnte mich für die Störung
entschuldigen und mein Problem vortragen.
Sagen Sie Ihrem Kameraden, er möchte sich in der Aufnahme der
Kinderklinik melden, ich lasse dort zwei Pakete Windeln für Sie
hinterlegen. Alles Gute! Wir sehen uns bestimmt im Lager. Sie
entschuldigen mich bitte, aber ich bin auf Station zur
Pflegekontrolle!
Es dauerte nicht lange und „Ecke“ meldete sich, allerdings ohne Erfolgsmeldung, er habe nur Mullvorlagen bekommen – besser als nichts. Dann habe er noch...
jetzt unterbrach ich ihn und schickte ihn in die Kinderklinik.
Manfred, meinen Techniker Med., hatte ich zwischenzeitlich gebeten, Plastesäcke raus zu suchen und die Urinflaschen und Schieber, die auf der Ladeliste standen. Gedacht hatte ich bei der Erstellung der Ladeliste an zwei, drei Stück für die Krankenstation, hatte aber keine Menge angegeben. Nur gut, Manfred hatte in Ermangelung einer Mengenangabe gleich alle Kisten mit Urinflaschen männlich, weiblich und Steckbecken aufgeladen. Es war also genug Vorrat da. Danke, Manfred!
Die Plastesäcke wurden sofort in die Abteile des Toilettenwagens verteilt, Zettel dran „Windeln“ und in die Ecke neben dem Toilettenbecken für die Behinderten gelagert.
Die Urinflaschen und Steckbecken wurden nochmals gespült und anschließend alle behinderten Kinder befragt, ob Bedarf dafür besteht. Wenn ja, wurde nach Bedarf, beziehungsweise vorsorglich für die Nacht verteilt, was gewünscht wurde. Immerhin war der Weg vom Zeltlager bis zum Toilettenwagen mindestens dreißig bis vierzig Meter. Der Lagerplatz und der Weg waren zwar auch nachts gut ausgeleuchtet, aber im Zelt schliefen ja nur die Teilnehmer, die Betreuerinnen hatten ja ihre Zelte an der Stirnseite des Platzes.
Wir hatten bereits vorab unter dem technischen Personal und der Einsatzgruppe Jugendzug vereinbart, eine Nachtwache zu organisieren, einfach, um helfen zu können, wenn Hilfe notwendig war. Trotzdem, die Sicherheit unserer Teilnehmer war oberstes Gebot. An dieser Nachtwache beteiligten sich dann abwechselnd sogar die Betreuerinnen.
Sie gewannen von Tag zu Tag immer mehr Freude an der Aufgabe im Lager und unseren jungen Kameraden war es auch nicht gerade unangenehm, mit den Mädels zusammen aufzupassen.
„Ecke“ kam zurück von seiner “Hamsterfahrt“. Neben den Paketen Mullvorlagen hatte er noch zwei Ständer mitgebracht, in die man normalerweise Müllsäcke spannen und alles schön mit Deckel verschließen kann. Für unsere Zwecke waren die Dinger prima geeignet. Sogar in der Höhe leicht verstellbar, passten unsere Windelsäcke genau rein und hatten auch noch einen Geruchsverschluss.
Problem fast gelöst!
Wenn mir jetzt noch jemand sagen könnte, wo ich die Windeln wieder gewaschen bekomme, wäre ich rundum zufrieden.
Wie auf ein Stichwort kam der Ortsparteisekretär vorbei, wollte nur mal sehen, ob die Anreise gut geklappt hat.
Ich muss dazu sagen, in den paar Tagen war er wohl jeden Tag auf dem Platz, um gegebenenfalls Hilfe anbieten zu können. Wir waren sogar schon beim kameradschaftlichem „Du“ - es lief prima zwischen uns – auch abends mal ein „Feierabendbier“. Das gleiche gute Verhältnis hatten wir sehr schnell zu den Anwohnern am Sportplatz gefunden. Für uns waren das die „Häusler“, sie fühlten sich damit nicht diskriminiert, im Gegenteil, sie fühlten sich ganz schnell zu uns gehörend. Die Frauen machten meist ihren „Klatsch“ am Gartenzaum, aber die Männer saßen bei uns, wenn es die Zeit zuließ.
Also, mein "Kamerad" Parteisekretär kam des Weges, schaute natürlich
zuerst in mein Zelt, um sofort von mir belegt zu werden:
Dann fing er aber an, intensiv alle möglichen Einrichtungen an seinem Geist vorbeiziehen zu lassen.
Denkpause beendet!
Manfred, ein weiterer Anwohner, oder einfacher „Häusler,“ kam auch
fragen, ob wir Hilfe brauchen, oder alles OK ist. Es ist erstaunlich,
wie die Menschen im Ort an unserem Lager Anteil nehmen. Ich freue mich
ja sehr darüber, denn es ist besser sich mit den Nachbarn zu verstehen,
als dass sie über die Belästigungen - und die bringt nun mal so ein
Lager mit sich – Beschwerde führen. Aber das gab es wirklich nicht, im
Gegenteil, die „Häusler“ waren alle an dem, was im Lager passierte, sehr
interessiert und nahmen an allem rege Anteil. Auf der anderen Seite des
Lagerplatzes grenzte eine Kleingartenanlage. Die Kleingärtner waren
genau so am Leben im Lager interessiert. Da kam ein Kleingärtner an den
Zaun und reichte einen Strauß Blumen rüber:
Es dauert, bis man das vermittelt hat. Wir brauchen ja selber etwas Zeit, um das zu verstehen und umzusetzen in unserem alltäglichen Umgang mit diesen Menschen.
Trotzdem, wir haben uns über jeden Korb Obst, der über den Zaun gereicht wurde, über jeden Blumenstrauß sehr gefreut, war es doch ein ehrliches Zeichen der Anteilnahme am Geschehen. Dieses Interesse werden wir in den nächsten drei Wochen noch sehr oft spüren dürfen.
Wir hatten sehr wohl geplant, die offizielle Lagereröffnung erst am Sonnabend, also drei Tage nach der Anreise durchzuführen, denn wir wollten den Teilnehmern genügend Zeit lassen, um sich einzuleben, ein wenig Gewohnheit zu schaffen und die erste Aufregung abklingen zu lassen.
Es ist ein schöner sonniger Freitag. Ein prima Tag zum Einleben.
Genau so „plätscherte“ auch der Freitag vor sich hin. Es gab keine besonderen Ereignisse, jeder hatte Gelegenheit sich einzurichten und sich mit den Mitbewohnern im Zelt anzufreunden. Das geht ja bei Kindern gewöhnlich recht schnell. Hier im Lager war es noch einfacher, denn die nichtbehinderten Teilnehmer hatten wir zumindest theoretisch auf das Zusammentreffen vorbereitet. Dass es dann doch noch erstaunte Gesichter gab, wenn sie erlebten, wie geschickt sich ein Querschnittsgelähmter aus dem Rollstuhl windet und im Bett landet, ist wohl nicht zu verdenken. Unsere behinderten Teilnehmer fassten auch sehr schnell Mut, ihre intimsten Probleme mit den Zeltnachbarn und den Betreuerinnen zu besprechen. Es fiel ihnen sicher auch etwas leichter, weil sie es durch die meist ganzjährige Unterbringung in den Einrichtungen gewohnt waren, offen um Hilfe zu bitten, wenn es erforderlich war.
Ursel, Ingrid und ich versuchten am Freitagmorgen erst einmal zu erkunden, wie unsere Teilnehmer geschlafen haben, ob besondere Polsterungen benötigt werden, ob die verordneten Medikamente alle genommen werden, welche Hilfen tatsächlich benötigt werden und ganz vorsichtig tasteten wir uns an die Frage, ob bei den Querschnittsgelähmten der Stuhlgang gegebenenfalls bei einem „Abführtag“ geregelt werden muss. Das wird bei zwei Jungen notwendig sein. Sie waren zufälligerweise beide auf mittwochs eingestellt. Es wurde in einem sehr persönlichen Gespräch geklärt, ob beide Jungen dann in unsere Krankenstation verlegt werden möchten, oder ob ein kleines Unterkunfszelt separat eingerichtet werden soll, um alle Probleme zu klären.
Beide entschieden sich, im eigenen Zelt zu bleiben, wenn es die anderen Zeltbewohner nicht besonders stört, dass sie an dem Tag im Bett bleiben, es sei auch kein besonderer Aufwand erforderlich und in die Krankenstation wollten sie auch nicht - aber Meinungen ändern sich!
Es wäre für uns aber auch kein Problem, etwas seitlich der übrigen Zelte ein kleines Unterkunftszelt aufzubauen und mit zwei Betten auszustatten. Aber bitte, wie die Herren wollen! Einen Nachtstuhl hatten wir leider noch nicht, aber den zu beschaffen, wäre sicher auch noch möglich. Andererseits ist es schwierig, einen Querschnittsgelähmten alleine auf einen Nachtstuhl zu setzen. Steckbecken hatten wir ja ausreichend, dank Manfreds Großzügigkeit, beim Verladen gleich die ganzen Kisten auf den LKW zu laden. Zellstoff hatten wir auch einen ganzen Ballen mitgebracht. Das reicht auf alle Fälle. So war diese Frage auch geklärt und bedurfte keiner weiteren Vorbereitungen.
Horst, unser Wassermann, und Roland haben noch ein Spülbecken mit Wasseranschluss, hinter einer Zeltplane als Sichtschutz aufgebaut, direkt neben der Außentoilette – einem richtigen alten „Plumpsklo“ des alten unbewohnten Hauses gegenüber der Turnhalle - angebracht, so dass hinter diesem Sichtschutz die Urinflaschen und Steckbecken unbeobachtet in der Außentoilette entleert werden konnten, um dann sofort in der Spüle nachgereinigt und desinfiziert zu werden. Wofasept, als Desinfektionsmittel hatten wir dabei, brauchten es ja schließlich auch zur Fußbodenreinigung in der Krankenstation und im Duschwagen.
Nach diesem Rundgang trafen sich die Teilnehmer zum Frühstück im Speisezelt. Auch die "technische Abteilung" machte eine Frühstückspause bevor der Arbeitsalltag für uns beginnt.
Ich hatte eine besondere Aufgabe, zwei Windelsäcke, jeder halb voll, in den B1000 und ab in ...“ Richtung Flöha, gleich am Ortseingang links, zweite … wieder rechts und dann bis zu einem roten Backsteinbau, da ist das Heim“, so wie es mir Kurt beschrieben hatte. Einmal falsch gefahren, einmal gefragt und schon stand ich vor dem roten Backsteinbau.
Die Heimleiterin, freundlich, aber nicht sofort aufgeschlossen für mein Anliegen. Sie hätten zur Zeit nur eine Kraft in der Waschstube und die ist auch Teilzeit-beschäftigt. Ob das möglich ist, für uns auch noch zu waschen, bezweifelte sie.
Die Kollegin in der Wäscherei
wollte anfänglich auch nichts von Mehrarbeit hören, aber als ich die
Zusammenhänge erläutert und ihr erklärt hatte, dass wir mit behinderten
Kindern in Euba ein Zeltlager durchführen, schlug ihr anfänglicher
Vorbehalt sofort um.
Die Heimleiterin hatte keine
weiteren Einwände. Mein Angebot, für alle zusätzlichen Kosten
selbstverständlich aufzukommen, wurde nach der Reaktion der
Mitarbeiterin der Wäscherei fast als Beleidigung abgelehnt. Lediglich
für die Stromkosten wollte sie sich bei einem Handwerksbetrieb
erkundigen und mir dann sagen, welche Mehrkosten entstehen würden.
Ich wurde raus geschickt, um die Windelsäcke zu holen und Minuten später waren die Windeln schon eingeweicht in der Vorwäsche.
Die gute Seele aus der Waschstube lehnte auch rundweg ab, das sei
nichts für einfache Frauen. Ich konnte reden wie ich wollte, sie drückte
mich einfach zur Tür hinaus, nicht, ohne nochmals darauf hinzuweisen,
ich möge morgen ja pünktlich sein.
Auf der Rückfahrt habe ich noch kurz beim Bäcker Halt gemacht, wollte
doch den Meister und Frau "Meisterin" wenigstens zur Lagereröffnung
einladen.
Ich bekam noch eine Honigscheibe in die Hand gedrückt (mein Lieblingsgebäck aus Kindheitstagen), wollte sie natürlich bezahlen, aber die Meisterin wäre beleidigt gewesen, wenn ich nicht sofort damit „geflüchtet“ wäre.
Sieh einer an, unser „Ecke“ hat sich bei Bäcker`s auch schon eingeschmeichelt! So ist er.
Ich bin wirklich froh, ihn zu diesem Einsatz mitgenommen zu haben. Er macht seine Sache ganz prima.
Erst als zum Abendbrot aufgefordert wurde, begann sich auch das Lagerleben zu ordnen. Die Teilnehmer hatten sich eingerichtet, die Betreuerinnen den Kontakt zu ihren Schützlingen hergestellt und die Küche hatte sich kleine Überraschungen zum Abendbrot ausgedacht. Nicht nur eine zusätzliche Salatbar mit frischem grünen Salat, Selleriesalat (aus der Konserve), Möhrensalat (frisch, selbstgemacht) und Fischkonserven waren aufgebaut, sondern auf jedem Abendbrotteller stand neben Butter, Wurst und Käse, auch Tomate und grüne Gurke („grüne Gurke“ - na was ist da besonderes, um erwähnt zu werden? Tja, grüne Gurken gehörten leider zu den Gütern, die es in Leipzig zum Beispiel nur immer 6 bis 8 Tage vor der Messe gab. Wir waren ja nicht im Zentrum (Ost-)Berlin, Leipziger Straße, wir waren in Karl-Marx-Stadt, also Provinz. Bei uns war es schon ein Erfolg, den „Ecke“ wiederum erzielt hatte, als er in der Großmarkthalle zwei Stiegen grüne Gurken abgreifen konnte.)
Zwei Sorten Brot waren im Angebot und Kräutertee. Es war alles reichlich vorhanden. Die Betreuerinnen und die nichtbehinderten Teilnehmer sorgten sich rührend um ihre Tischnachbarn, die sich nicht so schnell fortbewegen konnten.
Unsere Jugendzug-Einsatzgruppe, übrigens war auch wieder Uwe, unser Hotelfachmann in spe, mit dabei, hatte nicht nur das „übliche“ Gästezelt schick vorbereitet, sondern auch im Speisezelt eine kleine „Gästetafel“ eingerichtet, eingedeckt, zumindest mit Servietten und Schildchen „Für unsere Gäste“. Das Regime im Gästezelt hatte sowieso wieder Uwe. Ich hielt mich da auch völlig raus, denn ich wusste, das klappt alles prima.
Als die „Raubtierfütterung“ beendet war, das Speisezelt von unseren Jugendlichen, die während der Essenszeiten das Büfett betreuten, wieder aufgeräumt war, haben auch wir uns zum Abendbrot in unsere Küchenecke zurückgezogen.
Ein „Feierabendbier“ wurde sich genehmigt und geklönt. An nichts
Böses denkend, kam Ralf, unser Koch, zu mir und offerierte mir eine
Idee, die er mit der Küchenbesatzung offensichtlich schon besprochen
hatte.
Och, ich hatte da keine Einwände. Ein guter Sauerbraten mit richtig
viel dunkler Soße ist schon was Feines!
Ich bin unschuldig!
Unser Vizepräsident, der eigentlich schon freitags kommen wollte, hatte übrigens kurz telefonisch abgesagt wegen anderer dringender Verpflichtungen, er kommt erst Sonnabend gegen 12:00 Uhr. Gegenwärtig amtiert er, weil Prof. Dr. Ludwig, der Präsident unserer Organisation, zur Zeit aus gesundheitlichen Gründen ausfällt. Schade, aber auch gut, da haben wir noch ein wenig „Land“, um alles schmuck zu machen. Die Gäste waren für 14:00 Uhr zur Eröffnung geladen, die Eröffnung soll um 14:30 Uhr stattfinden.
Der Dorffunk hatte auf unsere Bitte hin eine Einladung an die Einwohner von Euba übermittelt, die Bürgermeisterin und der Gemeinderat waren sowieso eingeladen.
Der Sonnabend begann ruhig. Die Sonne schien, es war ein schöner Tag. „Ecke“ kam schon mit den frischen Brötchen zurück. Es lief alles nach Plan. Frühstück wurde vorbereitet, und wenn die Teilnehmer soweit waren, ging es ab ins Speisezelt. Die Lagerleitung informierte über den geplanten Ablauf und bat alle Teilnehmer ihre Zelte in Ordnung zu machen und zu halten. Es wurde gebeten, dass alle Teilnehmer möglichst die Kleidung der Jugendorganisation „Junge Pioniere“ oder der „FDJ“ nachmittags anziehen.
Um 09:30 Uhr habe ich Peter holen lassen. Ich hatte ja in meinem
Kalender ja den Vermerk: "Peter - Anruf Eltern". Er hatte sein
Versprechen schon vergessen, als er an meinem Zelt eintraf und ganz
unschuldig fragte um was es ginge?
Jedenfalls konnte Mutti offensichtlich nur alles Gute wünschen, und
dass Peter schön auf sich aufpassen solle.
Warte, ich gebe Dir Herrn Schliebs!
Fort war Peter, mir blieb lediglich der Mutti nochmals zu bestätigen,
dass wir uns alle Mühe geben, die Kinder bestens zu versorgen, und wenn
wirklich was Besonderes wäre, würden wir uns sofort melden.
„Ihr denkt wohl das bisschen reicht?“ Ralf stand im Küchenwagen an der Kippbratpfanne und bereitete das Fleisch vor. Dabei hatte er aber immer ein Auge auf uns, dem „Schälkommando“.
Es wurden wohl 4 oder 5 Thermophore voll Kartoffeln geschält, ein halber Eimer Zwiebeln und zwei oder drei Eimer gekochte Kartoffeln (die hatte Ralf schon am Vorabend abgekocht).
Von unseren hauptamtlichen Mitarbeitern habe ich eigentlich nichts anderes erwartet, als dass jeder dort anpackt, wo er gebraucht wird, beziehungsweise, dass er es möglichst schon voraussieht, was gerade gebraucht wird. Unsere ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden sind aber genauso umsichtig. Karl-Heinz, der Vorsitzende der Grundorganisation, aus der unsere Mitglieder des Jugendzuges sind, ist mir immer eine sehr große Stütze. Er fährt ja schon fast zehn Jahre mit uns zu jedem großen Einsatz, kennt also alle Abläufe und organisiert hier im Lager wieder alle die Aufgaben, die für die innere Ordnung und Sicherheit notwendig sind. Da sind die Kontrollgänge bezüglich der Hygiene im Toilettenwagen, der täglich mindestens zweimal gereinigt wird, die Kontrollgänge durch die Zelte, dass die Papierkörbe täglich geleert werden, die Essensausgaben und Nachtwachen werden organisiert und...und...viele andere Sachen, die einfach funktionieren müssen. Nicht zuletzt, dass die Mädels vom Jugendzug, wenn ich im Lager oder sonst unterwegs bin, das Telefon in meinem Zelt absichern. Wir sind also immer erreichbar und so habe ich eine kleine "Sekretärin", denn sie erledigen auch Schreibarbeiten wie Speisepläne, Mitteilungen für die Wandzeitung. Das "Büro" war also ständig besetzt.
Um 10:30 Uhr „musste“ ich mich „leider“ aus dem „Schälkommando“ ausklinken – hatte wichtigere Aufgaben zu erfüllen – Windeltour! Pünktlich 11:00 Uhr stand ich in der Wäscherei des Kinderheimes. Die gute Seele von Waschfrau, Frau Dombrowski, hatte alles fein säuberlich gebündelt, unsere Mullvorlagen waren sogar alle mit DRK gestempelt, was konnte ich da nur noch sagen, als sie in den Arm nehmen und mich ganz herzlich zu bedanken.
Inzwischen war es fast 12:00 Uhr, Die Küchenbesatzung hat wirklich fleißig geschuftet. Der Sauerbraten war fertig, die Soße und das Kraut auch und die Klöße wurden gerade in den großen Kessel gegeben. In zirka 20 bis 25 Minuten konnte gegessen werden.
Trotzdem interessierte es mich, wie sie die Klöße gemacht haben.
„Na, gerieben wurden die Kartoffeln mit der großen Universal-Küchenmaschine. Auf der zweiten Maschine (wir hatten für jeden Küchenzug eine solche Maschine zur Verfügung), wurde die Salatschleuder aufgesetzt und die Kartoffelmasse dort geschleudert. Zum Schleudern haben wir zwei Vorbinder (Handtuch-große Schürzen der Kochkleidung aus derben Leinen) bei einer Nachbarin auf der Nähmaschine zu Schleudersäcken zusammen genäht und die Bänder gleich als Verschluss verwendet".
Das Kartoffelwasser wurde aufgefangen und die Kartoffelstärke wurde der Kloßmasse beigefügt. Bröseln waren auch vorbereitet und es konnten Klöße geformt werden. So etwa 200 - 230 Stück, genau gezählt hat dann niemand mehr, aber es musste reichlich sein, schließlich hatten wir auch Gäste und für jeden wenigstens zwei Klöße dürften es schon sein!“ Ralf, Marianne und den Küchentechnikern Max und Wolfgang sah man aber auch die Schufterei an. Trotzdem, kurz nach 12:30 Uhr konnte das Signal zum Mittagessen gegeben werden. Fleisch, Soße, Rotkraut und „Grüne Klöße“ standen dampfend zur Ausgabe bereit und alle Essensteilnehmer waren hell begeistert über dieses Angebot.
Unsere Gäste, wie Frau Dombrowski, unser Vizepräsident, Kamerad OMR Dr. Hagemoser und weitere Mitglieder des Präsidiums und des DRK-Generalsekretariates waren bereits im Lager. Ich stellte Frau Dombrowski unserem Vizepräsidenten mit einer kurzen Erläuterung vor und er nahm sich gleich ihrer, in seiner gewinnenden Art, an.
Die Gäste wurden herzlichst eingeladen, im Speisezelt mit Platz zu nehmen und sich auch das Mittagessen schmecken zu lassen. Uwe, unser „Gästebetreuer“ hatte wieder alles im Griff. Die Mädels von der Einsatzgruppe Jugendzug hatten sich schon „fein“ gemacht in der schmucken Organisationskleidung und servierten unseren Gästen das Essen. Anfänglich herrschte im großen Speisezelt eine zurückhaltende Ruhe. Unsere Lagerteilnehmer wollten ja bei unseren Gästen nicht gleich unangenehm auffallen. Aber diese vornehme Ruhe hielt nicht lange an und es war eine lustige Stimmung, wie immer. Offensichtlich waren alle rundweg von diesem Mittagsessen begeistert, denn als Ralf, der Koch, in das Speisezelt kam, mit einer neuen Portion heißer Klöße, bekam er spontan einen Sonderapplaus.
Nach dem Essen lud ich die Gäste zu einem Lagerrundgang ein. Solche Runden werde ich bestimmt noch öfters heute machen dürfen. Es macht aber Spaß, zu zeigen, wie wir es unseren Teilnehmern in einem Zeltlager so angenehm wie möglich gemacht haben. Unsere hauptamtlichen Mitarbeiter hatten sich an ihrer Technik postiert und beantworteten gerne die Fragen der Gäste. Alle brachten ihre Hochachtung für diese eingesetzte Technik zum Ausdruck und wünschten uns viel Erfolg, gutes Gelingen für alle geplanten Vorhaben und Ausflüge und immer gutes Wetter.
Sogar die Presse war gekommen. Reporter der Bezirkszeitung "FREIE PRESSE", der Zeitung der FDJ "Junge Welt" und unserer Organisation. In unserem Gästezelt hatte Uwe inzwischen alles vorbereitet, um unseren Gästen etwas anzubieten. Kaffee wurde gerne angenommen und bei einer netten Unterhaltung die Zeit bis zum Eintreffen der weiteren Gäste überbrückt.
Gegen 14:00 Uhr konnte Dr. Hagemoser alle Gäste begrüßen. Der
Bezirksarzt, sein Fachbereichsleiter für soziale Leistungen, der
Kreisarzt von Karl-Marx-Stadt, sein oberster Hygiene-Inspektor,
Vertreter der FDJ-Bezirks- und Kreisleitung, Vertreter der
Parteileitungen, die Bürgermeisterin von Euba mit fast dem gesamten
Gemeinderat, der Parteisekretär von Euba, Kurt, und eine ganze Reihe von
Einwohnern. Natürlich unsere Nachbarn, die "Häusler", waren fast
vollständig da und harrten der Dinge. Etwas versteckt hinter den Bürgern
von Euba stand ein Rollstuhlfahrer. Offensichtlich wollte er auf keinen
Fall beachtet werden, denn er hielt sich immer ziemlich im Hintergrund
und möglichst an der Stelle, wo er gleich abhauen konnte. Trotzdem, mir
und auch "Ecke" fiel er sofort auf und ich habe mich bei der
Bürgermeisterin erkundigt.
Ich musste mich um die ankommenden Gäste kümmern, viel Hände schütteln, wollte mich bei allen für ihr Kommen bedanken und ihnen einen schönen Nachmittag wünschen.
Frau Dombrowski, unsere Waschfee, hatte unter den Einwohnern von Euba Bekannte getroffen und war in ein Gespräch vertieft.
Unserer Lagerärztin war mit der ganzen Familie gekommen.
Es war ein illustrer Kreis von Gästen und Mitwirkenden.
Die Kollegen der Energiewirtschaft sind unserer Einladung auch gefolgt und brachten als Gastgeschenk eine Wandtafel und Tafelständer mit. Wir sollten dies als Wandzeitung für alle Neuigkeiten verwenden (sie hatten wohl bei unserem Treffen wegen dem Energieanschluss aufgeschnappt, dass wir nebenbei eine kurze Diskussion hatten, ob und wer eine Wandzeitung aufbaut und betreut. Ich hatte gesagt, das ist Sache der Lagerleitung und im Moment mich nicht weiter darum gekümmert. (Die Lagerleitung hatte dann auch tatsächlich so etwas wie eine Wandzeitung im Speisezelt eingerichtet mit einem Stück Fahnentuch an der Zeltwand). Wir haben uns aber sehr über das Gastgeschenk gefreut, zumal die Kollegen gleich sagten, dass die Wandtafel komplett bei uns bleibt - für eine weitere Verwendung.
Der Bäckermeister und Frau Meisterin kamen mit einem kleinen Lieferwagen angefahren und luden 5 Bleche frischen Kuchen aus. Richtige Bäckerbleche mit Obstkuchen, Schokokuchen, Bienenstich und Streuselkuchen. Das roch alles ganz frisch und wunderbar! Frau Meisterin hatte auch gleich die Schnittlehre mit und ein großes Messer, ging ohne lange zu zögern in den Küchenvorbereitungswagen, ließ sich die Kuchen hoch geben und schnitt die ganzen Kuchen auf. Sie baute fachgerecht herrliche Kuchenberge auf Tellern auf. Erst dann hatte sie Zeit, sich unsere Technik anzusehen und war vor allem, über die Küchentechnik erstaunt.
Unsere Lagerteilnehmer hatten sich alle schmuck gemacht und sammelten sich in der Lagermitte. Unsere Gäste kamen dazu, es trat eine gewisse feierliche Ruhe ein. Alle waren doch von dem Augenblick ergriffen. Unsere hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kameraden vom Hilfszug und vom Jugendzug waren mit am Platz. Eine erwartungsvolle und zugleich zufriedene Situation machte sich breit.
Der Vizepräsident des DRK der DDR, Kamerad OMR Dr. Hagemoser ergriff das Wort, begrüßte die Teilnehmer als Hauptpersonen, die Ehrengäste und alle Anwesenden herzlich und erläuterte kurz den für das Lager ausschlaggebenden Gedanken, der mit dem Motto „Einander verstehen – miteinander leben!“
dem offiziellen Aufruf der UNO gerecht wird. Dieses Zeltlager ist in der Form und Zusammensetzung das erste Lager in der Republik und unserer Rot-Kreuz-Organisation. Er dankte allen, die mit geholfen haben, dieses Lager zu organisieren und durchführen zu können. Sein besonderer Dank galt den zuständigen Vertretern des Rates des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, des Kreises Karl-Marx-Stadt und der Gemeinde Euba sowie allen Betrieben und Handwerkern in Nah und Fern, denn nur mit ihrer Hilfe war es möglich, solch ein Lager durchzuführen. Er dankte aber auch allen haupt- und ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden, die in Vorbereitung und Durchführung des Lagers alle persönliche Kraft und Einsatzbereitschaft eingebracht haben, um das gesteckte Ziel zu erreichen.
Der Bezirksarzt übermittelte die Grüße des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, die Vertreter der Partei und der FDJ übermittelten ihre Grüße und wünschten den Teilnehmern wunderschöne Ferien im schönen Erzgebirge. Unsere Organisationsfahne wurde gehisst, damit war das Ferienlager des Präsidium DRK der DDR 1981 eröffnet.
Anschließend konnte das Lager besichtigt werden. Die Teilnehmer erzählten voller Begeisterung von den ersten gemeinsamen Tagen, die Rolli-Fahrer lobten nicht nur die Unterbringung, das gute Essen und die kameradschaftliche und liebevolle Betreuung durch nichtbehinderte Teilnehmer und Betreuerinnen, sondern sie äußerten sich auch sehr dankbar und anerkennend über die sozialen Möglichkeiten, insbesondere der Toilettenwagen mit seiner Ausstattung für Behinderte wurde immer wieder erwähnt.
Die Gäste waren sehr interessiert an allen Einzelheiten, den technischen Möglichkeiten des Hilfszuges des DRK, insbesondere die Küchen und die neuen MUS-Faltkoffer wurden bestaunt, denn diese Technik war in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt. Schwester Ursel und unsere Lagerärztin präsentierten ihre Arbeitsmöglichkeiten hier im Lager besonders. Die Ausstattung der Zelte überzeugte die Gäste, dass sich hier unsere Teilnehmer sicher wohl fühlen.
Zum Abschluss wurden die Gäste in das Speisezelt gebeten und es gab Kaffee und Kuchen für die Teilnehmer und unsere Gäste, denn das Gastgeschenk von unserem Bäcker war so reichhaltig, dass die Lagerteilnehmer es nicht alleine bewältigt hätten, zumal von unserer Küche noch ein "Knaller" kam.
Wir hatten so fleißig Kartoffeln geschält, dass noch eine Menge geriebener Kartoffeln übrig waren. Davon hat unsere Küchenbesatzung - weil sie ja noch nicht genug Arbeit mit den "grünen Klößen" hatten - Kartoffelpuffer (oder - Reibekuchen, Reiberdatschi, Erdäppelklitscher oder auch - Dätscher - jeder wie er es von Zuhause kennt) gemacht, mit Apfelmus oder mit Zucker - halt so wie man wollte. Das war natürlich ein Festschmaus für unsere Kinder. Sie konnten einfach zulangen und essen was sie wollten, es war ja von allem reichlich da. Selbst unsere Gäste ließen sich verführen und probierten von allem. Die Gäste mischten sich zwanglos unter die Lagerteilnehmer, es wurde erzählt woher sie kommen, was sie für Zukunftspläne haben und was sie von diesem Ferienlager erwarten.
Eine rundum gelungene Lagereröffnung war das. Alle waren zufrieden. unsere Teilnehmer wussten gar nicht, wo sie zuerst zulangen sollten Kuchenbuffet, oder Kartoffelpuffer, Kakao oder Kaffee (natürlich kein Bohnenkaffee für die Jugendlichen), Saft oder Limonade, Clubcola - alles war im Angebot.
Die Reporter der Presse bekamen natürlich eine "Extra-Führung", bei der ich "so ganz nebenbei" auf die Hilfsbereitschaft der Parteiorgane, insbesondere in Person des Ortsparteisekretärs, der Bevölkerung von Euba und auch das Entgegenkommen der Bäckerei in Niederwiesa, des Kinderheimes in Flöha, der Frau Oberin des Krankenhauses in Karl-Marx-Stadt und des Restaurantleiters des Interhotels "Kongreß" verwies und hoffte, dass dieser Personenkreis in der Berichterstattung besonders lobend erwähnt wird.
Inzwischen war es später Nachmittag geworden, für uns die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass unsere Gäste gut nach Hause kommen. "Ecke" übernahm es, Frau Dombrowski nach Hause zu bringen, die noch ganz begeistert von dem Gesehenen auf der ganzen Heimfahrt schwärmte und es nicht bereute, mitgekommen zu sein. Vor allem war sie begeistert, dass der Herr Vizepräsident sich ganz persönlich mit ihr unterhalten hatte. Kamerad Dr. Hagemoser verabschiedete die Ehrengäste und nach einer kurzen Pause bei uns in der Küchenecke ging auch er in die Spur Richtung Dresden. Er hatte zugesagt, so oft wie nur möglich, zu uns in das Lager zu kommen, zumindest zu allen Programmpunkten, die wir im Lager geplant hatten.
Im Lager kehrte Ruhe ein. Zum Abendbrot waren nicht viele Teilnehmer erschienen. Die waren noch abgefüttert vom Nachmittagsangebot. Lediglich die Gemüsebar und die Obstkörbe waren gut besucht und da auch meist von unseren Betreuerinnen, die ja unbedingt auf ihre Figur achten mussten.
Ich war gerade wieder im Lager unterwegs, irgendwas gab es ja immer zu organisieren oder abzustimmen, als ich an das Telefon gerufen wurde. Der Vater von unserem Peter war am anderen Ende der Leitung und entschuldigte sich etwas umständlich, dass sie es nicht geschafft hätten, zur Lagereröffnung zu kommen, aber seine Frau war nach dem Anruf von Peter heute Morgen so zufrieden und glücklich, dass es ihrem Sohn so gut geht, dass er sie überreden konnte, doch ein paar Tage gemeinsam weg zu fahren und ein wenig Urlaub zu machen. Er habe sich kurz entschlossen eine Vertretung gesucht, der seine Patienten übernimmt, dann habe er mit einem Studienkollegen und guten Freund telefoniert und der hat ganz spontan dem Ehepaar seine "Datsche" (Wochenendbungalow in bundesdeutsch) an der Bleilochtalsperre angeboten. Die beiden Geschwister von Peter wurden an die Großeltern "verborgt" und so habe er alles geregelt. Jetzt seien sie schon in Thüringen und wollten nur noch die neuen Telefonnummern durchgeben, damit sie auch immer für uns erreichbar seien. Er klang richtig euphorisch und glücklich, als er mir das alles ausführlich erzählte und ich konnte ihm und seiner Frau nur einen schönen erholsamen Urlaub wünschen.
So, die Angebote für morgen waren abgestimmt und wurden an der neuen Wandzeitung ausgehangen. Die Teilnehmer hatten freie Wahl, wann sie fahren wollten, wünschenswert war lediglich eine Abstimmung im Zelt und mit den Betreuerinnen, denn wir mussten ja den Fahrzeugeinsatz entsprechend planen. Wir haben angeboten, die Teilnehmer vormittags oder nachmittags in die Stadt zu bringen, sie konnten dort in der Fußgängerpassage bummeln, ganz wie sie wollten, sie konnten im Interhotel "Kongreß" das Restaurant in der obersten Etage des Hauses besuchen - sich die Stadt ansehen. Mit dem Restaurantleiter des Hotels hatte ich telefoniert, ihm mit einigem Epos erklärt, was wir hier machen und um Erlaubnis gebeten, das Restaurant besuchen zu können. Er war sofort einverstanden. Im Gegenteil, er freue sich sehr, unsere Teilnehmer begrüßen zu dürfen und er lässt sich bestimmt eine kleine Überraschung einfallen. Die Betreuerin sollte sich nur beim Oberkellner melden. Er wird dafür Sorge tragen, dass diese Gäste einen Platz bekommen, wo sie den besten Blick auf die Stadt haben. Für dieses Entgegenkommen bedankte ich mich natürlich herzlich. Es war für mich ein Zeichen, dass behinderte Kinder durchaus in unserer Gesellschaft beachtet werden.
Die ersten Wünsche bezüglich Stadtausflug wurden noch am Abend notiert. Für Sonntagnachmittag konnten wir also mindestens zwei Fahrzeuge vorsehen. Unsere B1000-Busse waren mit einer Anhängerkupplung nachgerüstet worden, so dass wir unsere PKW-Hänger zum Transport der Rollstühle nutzen konnten. Für die Sicherung der Behinderten hatten wir zumindest Beckengurte in zwei B1000-Bussen nachgerüstet (eine 3-Punkt-Sicherung konnte man in den Fahrzeugen nicht nachrüsten). Für unseren einzigen Teilnehmer mit einem Elektrorollstuhl mussten wir uns eine Ausweichvariante einfallen lassen. Sein Transport erfolgte mit unserem "Karpatenschreck", einem Roca TV12 (rumänischer Klein-LKW):
Das ist zwar ein Lieferwagen mit geschlossenem Kofferaufbau, hatte aber den Vorteil, dass im Autoboden Halteösen waren, die eigentlich für die Sicherung des Transportgutes mittels Spannbändern vorgesehen waren, aber wir konnten so den Elektrorollstuhl samt Behindertem prima sichern und die zehn, fünfzehn Minuten Autofahrt bis in die Stadt waren als Ausweichlösung sicher zumutbar (spezielle Rollstuhl-Transporter hatten wir leider noch nicht). Auffahrtrampen hatte Roland, unser Mann für alle kritischen Fälle, und Manfred, mein Techniker Med. Gruppe, schon zu Hause gebaut. Eigentlich, um mit einem Rollstuhl in den MUS-Faltkoffer zu kommen, aber wie immer, alles war vielseitig einsetzbar und so dienten zwei der Rampen als Hilfe beim Verladen des Elektro-Rolli´s, aber ich greife schon wieder zeitlich vor.
Sonntag, heute konnte jeder länger schlafen, auch das technische Personal. "Ecke" brauchte nicht so zeitig raus, um Brötchen zu holen, heute gibt es Weißbrot zum Frühstück. Na ja, Marianne und Ralf hat es nicht im Bett gehalten, sie hatten schon Kakao und Kaffee vorbereitet, die Butter in Förmchen zu Portionen geteilt, Brot aufgeschnitten und alles für das Frühstück vorbereitet. Auf dem Küchenzug war überhaupt schon reger Betrieb. Die ersten Arbeiten für das Mittagessen mussten gemacht werden. "Grüne Klöße" das war gestern, heute wird wieder etwas Leckeres gekocht. Neuer Tag, neues Essen, heute war Gulasch angesagt, mit Kartoffeln und Blumenkohl als Beilage. Dazu ein Kompott. Schließlich war heute Sonntag!
Apropos Sonntag!
Einer unserer Behinderten war schon in den letzten Tagen ein wenig kritisch eingestellt, vielleicht war es auch nur der äußere Eindruck und er wusste nicht genau, wie er seinen Wunsch anbringen sollte. Ursel machte mich darauf aufmerksam, dass er immer ein Buch mit im Rolli hat. Warum nicht - lesen bildet. Aber beim Lesen hatte sie ihn eigentlich nie gesehen. Dann, etwas später hatte sie es herausgefunden: der Junge hatte eine Bibel ständig bei sich. Auch kein Problem, jeder darf seinem Glauben folgen. Darauf angesprochen bestätigte er seinen festen Glauben und wir möchten es doch akzeptieren.
Natürlich, selbstverständlich, und wenn er von anderen deswegen
unangenehm angesprochen oder gar gehänselt wird soll er uns informieren.
Wir werden das richtigstellen. Über unsere Reaktion freute er sich und
bat, am Sonntag zum Gottesdienst in die Kirche fahren zu können. Bis zur
Dorfkirche käme er sicher alleine.
Gerade, als wir nach dem Frühstück in unserer Küchenecke aufgestanden
waren, steht Ronald, der Rolli-Fahrer aus dem Dorf, vor meinem Zelt.
Fein schmuck gemacht, weißes Oberhemd, blauen Pullover darüber, die
Haare ordentlich gescheitelt - Oma hatte ihren Enkel fein herausgeputzt.
So saß er in seinem Rollstuhl, etwas sehr bescheiden und ängstlich vor
mir.
Alle waren wir einverstanden und Ingrid wollte ihn gleich mit zu den anderen Teilnehmern bringen und ihn dort vorstellen. Kaum vorgestellt, rollte er aber schon wieder vom Platz, allerdings nur, um sich an der Einfahrt zum Lagerplatz zu postieren, um seine Oma nach dem Kirchgang abzufangen.
Gleich nach dem Mittagessen trafen sich die "Stadtbummler" und es begann die erste "Verladeübung", also, erst die Fahrgäste in die Autos hieven, möglichst so, dass neben einem Behinderten eine Betreuerin sitzt und hinter ihm ein Nichtbehinderter, der gegebenenfalls helfen kann, wenn der Behinderte zu sehr geschaukelt wird. Aber diese Vorsichtsmaßnahme war eigentlich nur bei total Querschnittgelähmten notwendig, die anderen Behinderten konnten ja zumindest mit Hilfe einsteigen und sich so setzen, dass es für sie bequem ist. Dann wurden die Rollis verladen. Alles schön ausgepolstert, damit die Rollis ja keine Schramme abkriegen, denn jeder der Besitzer war ja stolz auf seinen Rolli. Die Ladeübung wurde erfolgreich beendet - und los ging die Tour, zur Freude aller Teilnehmer - Richtung Karl-Marx-Stadt - dem heutigen Chemnitz - zu einem ausgedehnten Stadtbummel.
Über die Möglichkeit, oder sogar Einladung zum Besuch des Interhotels "Kongreß" waren die Betreuerinnen von mir informiert, ob sie es wollen, müssen die Kinder entscheiden.
Im Zentrum wurde ein geeigneter Platz zum Ausladen ohne viel Zuschauer gesucht und gefunden. Hier konnten wir auch die Autos parken, ohne gleich einen "Zettel" zu bekommen.
Ich hatte vorsichtshalber telefonisch bei der Polizei nachgefragt und den Hinweis auf diesen Sonderparkplatz bekommen, zugleich mit der Erlaubnis, diesen Parkplatz in den nächsten drei Wochen bei jeder Stadttour mit Behinderten benutzen zu dürfen. Eine entsprechende Information werde dem zuständigen Polizeirevier übermittelt. Unsere Fahrzeuge müssten nur die Kennzeichnung "Behindertentransport" erkennbar angebracht haben. Na bitte, sogar Stadtausflug mit Extra-Parkplatz, was wollen wir noch mehr, da sage einer was gegen "die Polizei - dein Freund und Helfer" - wir können uns nicht beschweren.
Die, die im Lager geblieben sind, oder die vorsichtshalber erst mal warten wollten, was die anderen von der Stadttour so erzählen, machten kleine Spaziergänge durch Euba, überall wurde freundlich gegrüßt, wenn ein Einwohner im Vorgärtchen werkelte oder einfach nur den Sonntag am Stubenfenster verbrachte. Es war eine richtig familiäre Atmosphäre. Ein friedlicher Sonntag.
Heute Vormittag beschäftigten sich die Teilnehmer mit Bastelarbeiten. Die Mädels versuchten sich in Makramee, einer aus dem Orient kommenden Knüpftechnik zur Herstellung von Ornamenten oder Textilien. Das war sowieso gerade schick und jeder versuchte sich in dieser Handarbeit.
Die Betreuerinnen waren da gute Lehrmeister und es kamen erstaunlich gute Arbeiten zustande.
Wer keine Lust zum Knüpfen hatte, der vertrieb sich die Zeit mit malen oder einfach quatschen. Es gab doch genug zu erzählen und die Erlebnisse aus den unterschiedlichen Einrichtungen, in denen die Kinder meist ganzjährig untergebracht waren, sind doch auch interessant. Maik, der in der Sonderschuleinrichtung für Behinderte in Birkenwerder lebt, kann da besonders viel erzählen. Birkenwerder ist neben Berlin-Buch die Vorbildeinrichtung für die Betreuung und Ausbildung von Behinderten. Dort erfolgt auch die Ausbildung von besonders geschulten Behindertenpädagogen.
Maik war sowieso ein kleines Unikum, hatte wirklich ständig gesundheitliche Probleme aber lachte immer und war für jeden Spaß zu haben.
Während sich so die Zeit vertrieben wurde, kam Frau Dr. Meissner zur Visite. Wie abgesprochen, ohne weißen Kittel, sondern wie eine Besucherin.
Sie hatte für jeden Behinderten genügend Zeit und freundliche Worte und schaffte sich nun auch einen persönlichen Eindruck von ihren Probanden.
Die meisten Kinder freuten sich anfänglich über die "Besucherin" und registrierten erst, nachdem sich Frau Doktor vorgestellt hatte, dass diese Besucherin täglich ins Lager kommt und unsere Lagerärztin ist.
Frau Dr. Meissner war aber sehr zufrieden mit dem Gesundheitseitszustand der Kinder, gab hier und da Schwester Ursel eine Anweisung, wie zum Beispiel zusätzliche Diabetes-Kontrolle oder Hinweise auf eine Kontrolle der Lagerung im Bett, gebenenfalls leichte Unterstützung durch eine zusätzliche Polsterung. Nach der Visite noch eine kurze Nachfrage, ob was an Medikamenten oder sonstige Hilfe gebraucht wird und dann musste sie aber auch schon wieder weiter.
Auf dem Weg zum Auto warf sie aber doch noch einen Blick in den Toilettenwagen. Dort war gerade das "Reinigungskommando" am Werk, es roch nach Wofasept- Desinfektionsmittel, das störte die Ärztin aber nicht, im Gegenteil, sie war zufrieden, dass die Hygiene so ernst genommen wird.
Es ist vielleicht noch nachträglich anzumerken, dass der leitende Hygiene-Inspektor von Karl-Marx-Stadt seine Anwesenheit zur Eröffnungsveranstaltung gleich nutzte, um eine Kontrolle zur Einhaltung der Hygienebestimmungen durchzuführen. Die Küchenzüge, den Küchenvorbereitungswagen und die "Kalte Küche" sah er sich besonders gründlich an, kontrollierte die tägliche Rückstellung der Essensproben, ließ sich die Gesundheitspässe von unserer Köchin und vom Koch zeigen und sah sich auch unsere Essensausgabe im Speisezelt sehr genau an - fand aber alles in Ordnung. Auch in den Zelten fand er keine Mängel und sein Eintrag in unser Hygiene-Kontrollbuch war sehr positiv.
Das Angebot zu dem Stadtausflug wurde heute wieder genutzt, aber auch nur wieder am Nachmittag. Heute wollten aber einige Rolli-Kinder unbedingt in das Interhotel "Kongreß".
Am Sonntag hatte sich die erste Runde nicht getraut, weil sie glaubten, dort zu sehr aufzufallen. Der Restaurantleiter hatte mir aber auch schon in der Vorabsprache die Empfehlung gegeben, besser einen Wochentag zu wählen, da wäre der Andrang im Restaurant doch wesentlich moderater als am Wochenende.
Für die Teilnehmer, die im Lager verblieben sind, wurde im späten Nachmittag "Duschen" angeboten. Warmes Wasser wurde ja den ganzen Tag über mit dem Duschzug produziert, morgens zum Waschen (wir hatten ja Waschzelte für Jungen und Mädchen aufgestellt), dann zum Geschirrspülen und nachmittags zum Duschen. Das war immer ein besonderer Spaß, konnten die Teilnehmer im Duschhänger doch richtig toben, mit Wasser rum spritzen, ohne dass jemand schimpft. Für die Behinderten hatten wir erst einen Stuhl in den Duschwagen gestellt, später hatten wir einen alten Rollstuhl von einem Einwohner aus dem Dorf angeboten bekommen, der war natürlich noch besser für die Dusche und wir konnten auch die Querschnittsgelähmten in die Dusche heben. Die Betreuerinnen konnten ihre Schützlinge richtig pflegen und kontrollieren, dabei natürlich auch zum Beispiel auf Druckstellen achten, die zu einem Dekubitus führen könnten. (Na ja, es war sicher auch kein unangenehmer Anblick die Betreuerinnen im Bikini rumspringen zu sehen.) Aber für unsere angehenden Krankenschwestern gab es noch mehr Betreuungsaufgaben.
Sie hatten den Gesundheitsstatus ihrer Schützlinge täglich zu kontrollieren und an Schwester Ursel zu melden, damit sie die "Gesundheitsakte" führen konnte. Schließlich hatten wir uns von Anfang an die Aufgabe gestellt, dass kein Kind im Lager einen gesundheitlichen Schaden nimmt. Insbesondere die Behinderten durften auf keinen Fall einen weiteren gesundheitlichen Schaden erfahren.
Alles sollte aber so diskret erfolgen, dass auf keinen Fall der Eindruck einer ständigen Überwachung entsteht, sich die Kinder aber dabei immer gut betreut und umsorgt fühlen.
Die "Stadt-Bummler" kamen körperlich müde vom Ausflug zurück, aber mit strahlenden Augen, als sie von dem Besuch im "Kongreß"-Hotel erzählten. Da gingen die Türen von alleine auf, wenn man ran fuhr. Das war doch neu und wurde erst mal ausführlich bestaunt und ausprobiert, bis der Portier die Gäste bat, doch zum Fahrstuhl zu kommen. Aufwärts ging es zum Panoramarestaurant im vorletzten Stockwerk. Der Oberkellner erwartete die Gruppe schon und brachte sie an Tische, von wo man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt hatte. Als Aufmerksamkeit des Hauses gab es ein alkoholfreies Getränk und einen kleinen Eisbecher mit zwei Kugeln Eis und einer Waffel. Der Aufenthalt in diesem Nobelrestaurant war natürlich ein besonderes Erlebnis
Das Programm vom Vortag wiederholte sich, nur mit wechselnden Teilnehmern. Wer gestern in der Stadt war und alles Sehenswerte in der Innenstadt bestaunt hatte, nutzte heute die Zeit zum Basteln, Briefe oder Karten schreiben, oder sich anderweitig zu beschäftigen.
Gestern habe ich telefonisch die Stadtwirtschaft in Flöha gebeten, den Fäkalienwagen zu schicken, wenn sie es einordnen können. Heute Morgen steht er schon im Vorhof und pumpt fleißig die Gruben aus. Das muss auch sein, wenn man Ordnung haben und die Hygiene einhalten will. Immerhin, zwei Fuhren musste er machen, denn wir haben ja auch zwei Gruben belegt, eine mit Küchenabfluss und Abfluss Toilettenwagen und eine Grube mit den Abwässern der Dusche und der Waschzelte.
Meine "Windelrunde" habe ich in Absprache mit Frau Dombrowski an den
Wochentagen auf zirca 14:00 Uhr verlegt, da ist im Lager verhältnismäßig
Ruhe, denn auf die Einhaltung einer Mittagsruhe wird schon geachtet,
zumindest sollte eine gewisse Lagerruhe herrschen. Die Zeit nutzte ich,
um nach Erdmannsdorf zu fahren. Dort ist der untere Bahnhof der
Standseilbahn nach Augustusburg. Ja, ich wollte einen Ausflug aller
Lagerteilnehmer auf die Augustusburg vorbereiten und eine Überraschung
sollte die Fahrt mit der Standseilbahn sein. An der Station Erdmannsdorf
angekommen, war in der Schalterhalle eine verdächtige Ruhe. Der
Fahrkartenschalter war geschlossen, niemand da, den ich hätte um Hilfe
bitten können. Erst noch mal raus, rechts und links am Gebäude sehen, ob
da ein weiterer Zugang ist. Nein! Also, wieder rein in den Vorraum und
an die Scheibe des Schalters geklopft. Es dauerte ein paar Minuten, bis
der Vorhang zur Seite geschoben wurde.
Weiter, Richtung Augustusburg, Marienberger Straße, rechts ab und rauf zur Schlosseinfahrt.
Dort treffe ich den "Burgvogt" und den Leiter des Museums. Wieder trage ich mein Anliegen vor. Wieder liegt die Zeitung von gestern auf dem Tisch mit dem Artikel "Gemeinsam zelten, spielen und singen". Ich ärgere mich im Stillen schon, dass ich nicht mehr Exemplare bestellt habe, die routinemäßig 3 Exemplare der "Freien Presse", die wir neben der "Jungen Welt" täglich durch die Postfrau von Euba gebracht bekommen, reichen nicht, um alle Interessenten damit zu versorgen. Mal sehen, ob ich noch ein paar Exemplare nachträglich bekomme, denn offensichtlich hat der Artikel doch eine gute Resonanz bei der Bevölkerung gefunden.
Jetzt muss ich aber erst einmal mein Anliegen hier auf Schloss Augustusburg "durchboxen".
Also, eine kleine Diskussion, weil das Museum ja eigentlich Ruhetag hat. Vielleicht wäre aber eine Ausnahme möglich?
Der Leiter des Motorrad-Museums, denn das wollte ich doch unseren Kindern, vor allem den Jungen zeigen, die Mädels interessieren sich sicher mehr für die Ausstellung über Natur, Pflanzen- und Tierwelt, musste nicht lange überzeugt werden.
Die Ausnahme ist möglich! Er wird mit seinen Leuten reden und den Sperrtag verschieben.
Ich habe leider keine Zeit mal einen Blick auf die ausgestellten Prunkstücke deutscher Motorradwelt zu werfen, denn der Burgvogt will mit mir noch zum Leiter der Burggaststätte gehen. Ich bin ja froh, dass der Burgvogt so viel Verständnis für unsere Wünsche hat. So ganz nebenbei bekomme ich die Erlaubnis, unsere Busse im Brunnenhof an der Seite der Hofeinfahrt zu parken, wenn wir die Kinder wieder abholen wollen.
Beim Gaststättenleiter gleiches Entgegenkommen. Ich brauchte die Genehmigung, einen separaten Raum nutzen zu können, wenn einer unserer Rollifahrer pausieren muss, oder die Windeln gewechselt werden müssen. Dann wollte ich auch eine einfache Mahlzeit für unsere Teilnehmer bestellen, irgend einen Eintopf, kein großes Essen (wegen der Kosten und große Essen können wir auch selber kochen). Der Raum war schnell bestimmt. Die Gaststätte verfügt über einen "Frauenruheraum" (das war gemäß einer staatlichen Festlegung, dass Einrichtungen mit einem hohen Frauenanteil einen Raum vorhalten mussten, in dem sich Mitarbeiterinnen, ausruhen konnten, wenn es der gesundheitliche Zustand erforderte, beziehungsweise es dem Wohlbefinden der Frau dient.) Dieser Raum stände uns selbstverständlich zur Verfügung.
Zu Punkt zwei, wenn wir in der Gaststätte essen wollten:
Dann stand der Küchenchef vor mir. Dieses Mal musste ich mich nicht vorstellen, im Gegenteil. Er erkannte an meinem Ärmelzeichen, dass ich vom Hilfszug bin und er kam sofort zur Sache. Eine Mitarbeiterin von ihm wohnt in Euba und war am Sonnabend zur Lagereröffnung. Sie habe allen Leuten in der Küche vorgeschwärmt, wie toll das Lager ist und was für tolle Küchenzüge wir haben und er würde die sich auch mal gerne ansehen.
Selbstverständlich, eine Einladung zur Lagerbesichtigung wurde gegenüber allen drei Herren ausgesprochen, wenn es ihre Zeit erlaubt.
Ich trug mein Anliegen vor und er war sofort dabei.
Ich musste also meinen Wunsch etwas deutlicher begründen. Wollte eigentlich nicht die Kostenfrage heraushängen lassen, aber der Chefkoch erkannte das Problemchen.
Mit dem Gasstättenleiter wurde noch abgestimmt, dass er kein zusätzliches Personal braucht, Es reicht, wenn er den Saal öffnet, Geschirr und Besteck bereitstellt und das Essen in Terrinen bereitgestellt wird, servieren können unsere Kräfte beziehungsweise die Betreuerinnen.
Ich bedankte mich bei allen drei Herren und verabschiedete mich, denn meine "Windeltour" musste noch absolviert werden. In meinem B1000 roch es auch schon ziemlich streng, schließlich lagen hinten zwei Säcke mit nassen Windeln und manche hatten auch braune Restspuren.
Ich muss an dieser Stelle aber unsere Betreuerinnen loben. Als angehende Krankenschwestern waren sie sich keineswegs zu schade, gebrauchte Windeln zumindest auszuschütteln, bevor sie in den Windelsack kamen. Überhaupt: wir hatten im Lager ein recht strenges Regime, was Abfälle betrifft. Da wurden die leeren Konservengläser kurz ausgespült und in Gemüsestiegen gesammelt, leere Saftflaschen wurden ausgespült und gesammelt. Genauso leere Kartons und die Zeitungen des Vortages. Alles wurde gesammelt und einmal pro Woche machte ein Mitarbeiter eine Fahrt zum "Sero" (Sekundär-Rohstoff- Sammelstelle), wo man diese Sachen noch zu Geld machen konnte. Es war nicht der große "Reibach", aber ein guter Beitrag zur kollektiven Kaffeekasse war es schon. Na und "Mona" war halt besser und allerdings auch teurer als die preiswertere Sorte Rondo zu 8,75 Mark (125 g), Mona zu 10 Mark. Im Delikat gab es noch eine Sorte zu 12,50 Mark für 125 Gramm, das war aber wieder zu "hochtrabend" für uns. Vor Jahren gab es noch Kaffeemix, der war gestreckt und schmeckte auch entsprechend billig, den gab es aus unserer Kaffeekasse allerdings nie(!), da haben wir lieber selber was drauf gelegt.
Weil ich gerade über die Abfallwirtschaft im Lager schwafele, (das muss doch an dem Geruch der Windelsäcke liegen, wenn man auf so ein Thema kommt), unsere Futterabfälle, Schalen, Essensreste - alles wurde ebenfalls gesammelt. Da war die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) unser Abnehmer. Die Kübel wurden täglich abgeholt, die Futtermittel zu Schweinefutter verarbeitet, die Kübel schön gesäubert und am nächsten Tag wieder ausgewechselt. Es hatte alles seine Ordnung, die "Hygiene" wird es freuen.
Frau Dombrowski war gerade fertig geworden mit unseren Windeln, alles wieder schön sauber, fein zusammengelegt - immer das Zeichen der Einrichtung sichtbar nach oben - ich brauchte also nur noch einzusacken und abfahren. Heute wollte Frau Dombrowski doch noch ein Schwätzchen halten. Sie war so begeistert von der Eröffnungsfeier und hat allen, die es hören wollten (oder gegebenenfalls auch nicht) erzählt, was für ein tolles Lager das ist, und dass der Herr Vizepräsident des DRK der DDR sich mit ihr so lange unterhalten habe. Sie war immer noch gerührt und den Tränen nahe. Erst ein tiefer Seufzer verschaffte mir den Augenblick, um zu sagen, dass dies doch alles nichts gegen ihre Hilfestellung sei. Ich bin so froh jemanden gefunden zu haben, der sich unserer dreckigen Windeln annimmt. Jetzt war es wieder an ihr, dies klein zu reden. Das sei doch selbstverständlich, für die Kinder tue sie das doch gerne. So schmeichelten wir uns gegenseitig bis ich zur Tür raus war.
Es war so gegen 14:30 Uhr, als ich im Lager wieder eintraf. Glücklich über das Erreichte, aber mit knurrendem Magen. Marianne, unsere "Küchenseele", hat natürlich an mich gedacht und eine ordentliche Portion für mich reserviert. Die wurde schnell noch mal heiß gemacht und schon konnte ich "los spachteln".
Dann wurde die Lagerleitung von meinen Absprachen unterrichtet und ein Aushang für die Wandzeitung vorbereitet, nach dem Motto: Wer möchte am Donnerstag mit auf die Augustusburg?
Es waren so ziemlich alle Teilnehmer, die sich zeltweise in die Liste eintrugen.
Jetzt hatten wir das Problem "Transport aller Teilnehmer" - möglichst zur gleichen Zeit durchzuführen, aber das ging nur in mehreren Runden, soviel B1000-Busse hatten wir ja auch nicht parat. Roland schlug vor, den Personentransport-LKW für die einzusetzen, die nicht unbedingt mit den B1000-Bussen transportiert werden müssen. Also die Nichtbehinderten, Betreuerinnen oder wer sonst noch mit will. Es sind ja nur 15 bis 20 Minuten Fahrzeit, da kann man schon mal "Holzklasse" zumuten. Für unseren Elektro-Rolli hatten wir auch eine Ausweichvariante. Wir hatten ja vom Generalsekretariat aus dem Bestand an Rollstühlen, die eigentlich für einen Einsatz an den Bahnhofsdiensten des DRK vorgesehen waren, zwei Exemplare abbekommen, so als "Reservefahrzeuge", wenn mal einer kaputt geht, oder wir sonst was für Aus- oder Einfälle haben. Die nehmen wir mit. Einen für unseren "Elektro-Rolli und einen, wenn wir im Motorradmuseum Kinder von einem Raum zum anderen nicht fahren, sondern tragen müssen (das Museum ist - beziehungsweise war zu der Zeit unseres geplanten Besuches nicht durchweg behindertengerecht ausgebaut. Es waren einige Treppen und Absätze zu überwinden, die Nichtbehinderten kaum auffallen, aber ein Rolli-Fahrer steht dann davor und kann nicht ohne fremde Hilfe weiter).
Alles klar! So machen wir es, der Antransport bis Talstation Erdmannsdorf erfolgt in mehreren Fuhren, der Abtransport direkt vom Hof des Schlosses Augustusburg erfolgt dann wieder für die Rolli-Fahrer in Etappen mit den B1000-Bussen, die anderen laufen bis zur Standseilbahnstation und fahren zur Talstation runter. Dort wartet der Personentransport-LKW. Ein kurzes Telefonat mit dem Herrn Vorsteher, ob er unserem Vorschlag folgen könne - Zustimmung - alles ist geklärt! Ich freue mich mächtig auf diesen Ausflug.
Manfred, der Häusler, mit dem ich mich ein wenig angefreundet habe,
geht gerade vorbei zu seinem Gartengrundstück hinter der Turnhalle.
Heute stehen "Innerbetriebliche" Probleme im Vordergrund, zumindest für unsere Betreuerinnen. Angesagt ist "Wäschewechsel". Angesagt ist auch, zumindest für zwei Kandidaten, "Abführtag". Beides sicher keine sehr beliebte Sache, aber notwendig. Unsere "Sch ..... le", Entschuldigung, sagt man nicht (das ist "klinikdeutsch")! Ich korrigiere: unsere jungen Querschnittgelähmten, die mittwochs eine Prozedur durchmachen, haben sich nun doch für den Platz im MUS- Faltkoffer entschieden, ist auch besser so. Hier können die Betreuerinnen ungestört ihre Schützlinge betreuen, Schwester Ursel ist in der Nähe und kontrolliert oder hilft, wenn es erforderlich ist. Inzwischen ist in den Zelten "Wochenputz" angesagt. Man glaubt gar nicht, was für Müll sich trotzdem noch so ansammelt. Danach ist aber alles wieder fein, die Zelte wurden sogar mit einem Hofbesen ausgekehrt, was will man in einem Zeltlager noch mehr?
So gegen 11:00 Uhr hielt wieder mal ein schwarzer "Wolga" im Vorhof. Das regt mich nicht sehr auf, denn interessierte Besucher haben wir eigentlich täglich. Die Artikel in allen lokalen und sogar in überregionalen Zeitungen haben doch einiges Aufsehen erregt. Für unsere Sache ist das ja nur gut. Wir wollen doch beweisen, dass es durchaus möglich ist, mit behinderten und nichtbehinderten Kindern ein fröhliches Ferienleben zu gestalten. Man muss nur ein wenig Rücksicht nehmen und gewisse Einschränkungen beachten und schon klappt das ganz prima.
Zurück zu den Gästen, die gerade vorgefahren sind. Ein Herr im perfekt sitzenden dunkel-braunen Anzug, kleines Parteiabzeichen am Revers, stieg aus und ein Begleiter, etwas sportlich gekleidet kam von der Beifahrerseite aus dem Wagen. Der Fahrer des Wolga mit Berliner Kennzeichen setzte sich, nachdem er dem Herrn die Autotür aufgehalten hatte, wieder in sein Auto. Ich konnte das alles prima beobachten, denn mein Zelt stand direkt am Lagereingang, die Zelttür zur Anfahrt hin. Ich brauchte also nur den Kopf etwas von meiner Schreibkiste in meinem "Büro" drehen und konnte so, ziemlich unauffällig beobachten, wer in das Lager rein will oder es verlässt. Andererseits konnte ich auch aufmerksam sein und solchen Gästen, die mit einem schwarzen "Wolga" vorfahren, aus Höflichkeit entgegen gehen. Der Herr stellte sich vor - ich habe den Namen "Franke" verstanden, aber der Name wurde so leise gesprochen, als ob es üblicherweise so sei, dass der Gesprächspartner den Herrn kennt und nicht er sich vorstellen müsste. Ich habe den Namen dann in unserem wirklich ausführlichen Gespräch möglichst nicht zur Anrede gebraucht. Der Herr neben ihm wurde lediglich als sein "Begleiter" erwähnt.
Ich stellte mich vorsichtshalber mit Namen und Dienststellung vor,
man kann ja nie wissen wer einem gegenübersteht.
Es klappte wieder mal alles wie verabredet, Uwe, unser angehender Hotelfachmann, stand am Gästezelt und hatte die Szene beobachtet. Sofort ging er auf den Fahrer zu und lud ihn ein, ihm doch in das Gästezelt zu folgen. Mir nickte er nur kurz zu, so als wollte er mir sagen: Alles verstanden, ich kümmere mich! Das ist halt der Vorteil, wenn man Kameraden um sich hat, die lange und oft genug mit uns in Großeinsätzen waren, wo solche Situationen immer wieder vorkommen. Es funktioniert (meist) wie einstudiert.
Währenddessen hatte ich mich einigermaßen "warm" geredet und über den Hilfszug des DRK im Allgemeinen, über die technischen Möglichkeiten, die wir einsetzen können, um solche Aufgaben wie hier im Besonderen zu erfüllen. Dabei sind wir ganz gemütlich in den technischen Bereich zu den Küchen gegangen. Na, und wenn ich ins Schwärmen über den Hilfszug komme ist mein Redefluss kaum zu stoppen. Der Herr Franke (?) stellte in einer erforderlichen Atempause meinerseits, sehr fachkundige Fragen. Es entwickelte sich ein richtig gutes Gespräch. Ich merkte, dass ihn fachliche Details interessierten, wie Leistungsfähigkeit der Küchenzüge, Wasserversorgung, Energieversorgung, Entsorgung von Brauchwasser und Abfälle. Natürlich auch der Gesundheitsschutz, also Gesundheitsausweis der Mitarbeiter, Hygienekontrollen, Essensproben-Rückstellung, Lagerung von Frischware, alles wurde sehr detailliert abgefragt. Mein Gast trat aber nicht in die Küche ein. Da lief gerade der Kochprozess - heute Mittag soll es Krautwickel mit Soße und Kartoffeln geben und für die, die kein Kraut wollen, haben Ralf und Marianne Bratklops gemacht. Aber nicht deswegen blieb er vor der Küche auf dem Podest stehen, sondern wegen der Hygiene, er hatte ja keinen weißen Kittel an, leider, den hatte ich jetzt auch nicht zur Hand. Aber Ralf trat zu uns, erklärte die Kücheneinrichtung mit 300-Liter- Elektrokochkessel, Kippbratpfanne, großen Elektrohocker, eigener Hauswasseranlage, direktem Zugang zum Küchenvorbereitungswagen mit Kühltruhe, Küchenmaschine und allen weiteren Arbeitsutensilien einer Großküche. Er erwähnte auch die Gesamtkapazität, wenn alle drei Küchenzüge genutzt werden. Die Zahlen haben unseren Gast offensichtlich beeindruckt, aber das war ja erst der Beginn unseres Rundganges. Die "Kalte Küche", unser umfunktionierter Robur- Verkaufswagen wurde gezeigt, der Lebensmitteltransporter, ein B1000-Koffer, dessen Koffer voll mit Aluminium-Auskleidung versehen war. Der Trinkwasser- Transport-LKW und die verfügbaren Wasseranhänger - beides hier als Reserve, denn wir hatten ja eine Schlauchleitung vom öffentlichen Netz. Für mich aber eine Gelegenheit, die Hilfsbereitschaft zu erwähnen, die wir überall erleben.
Im Gespräch vertieft gingen wir in das Lager, vorbei an meinem Leitungszelt. Auch hier warf der Gast einen Blick rein, begrüßte meine "Sekretärin", die in unserer Organisationskleidung vor der Schreibkiste saß und auf das Telefon achtete. Bloß gut, dass mein Zelt ordentlich aufgeräumt war, auch in meine Schlafecke schaute Herr Franke(?), wollte halt alles ganz genau wissen.
Im Lager ging unser erster Weg zur Lagerleitung. Dort begrüßte er unsere drei Damen. Ich weiß nicht, ob und wie er sich dort vorgestellt hat, denn ich wurde gerade an das Telefon gerufen, der Herr Vorsteher der Standseilbahn wollte wissen, wie viele Teilnehmer direkt im Rollstuhl befördert werden müssen.
Zurück zu unserem Gast, der inzwischen mit Ingrid und Ursel durch jedes Zelt ging, sich mit den Teilnehmern unterhielt, dabei aber auch alle Details der Ausstattung im Auge hatte. Er wollte wissen, ob und wie wir die Zelte beheizen können, wenn erforderlich, wie die Wasserversorgung der Waschständer erfolgt, die in jedem zweiten Durchgang standen und nur in das Zelt gerückt wurden, wenn sie dort gebraucht werden. Wir hatten in jeder Zeltreihe auch ein Sauerstoffkoffer-Gerät vorsorglich stationiert, all das fiel unserem Gast auf. Ich war nur zufrieden, dass wir gerade unser "Großreinemachen" beendet hatten. So sahen alle Zelte wirklich fein herausgeputzt aus.
Sogar die Zelte der Betreuerinnen wurden inspiziert. Da war der "Großputz" zwar noch im Gange, aber er nutzte die Gelegenheit wieder, um Fragen zu stellen, wollte wissen, welche Ausbildungsstätte, welches Ausbildungsjahr, welche Vergütung für den Einsatz festgelegt waren.
Viel Zeit ließ sich unser Gast bei der Besichtigung unserer MUS-Faltkoffer. Hier war Schwester Ursel in ihrem Element und schwärmte von jedem Detail der Ausrüstung.
Wir waren bestimmt eine Stunde im Lager unterwegs, bis wir an unser Gästezelt kamen.
Das war jetzt Uwes Auftritt. Er bat den Gast in das Zelt und bot ihm an, bei uns Mittag zu essen. Das wollte er aber nicht in Anspruch nehmen, eine Tasse Kaffee lehnte er allerdings nicht ab. Die wurde ihm ganz "hotelmäßig" serviert, sogar mit kleinem Gebäckstück auf einem Unterteller extra. Natürlich wurde auch der Begleiter bewirtet.
Der Begleiter unseres Gastes hatte die ganze Runde über kaum ein Wort gesagt. Er war stets unauffällig ein bis zwei Schritte hinter dem Herrn im dunkelbraunen Anzug, hatte aber alles genau im Blick. So langsam "klingelte " es bei mir, dass dieser Begleiter sicher nicht ganz zufällig dabei ist, das störte mich aber nicht. Bei den Großeinsätzen des Hilfszuges, besonders bei Festivals in Berlin, Dresden oder wie im letzten Jahr hier in Karl-Marx-Stadt haben wir solche Typen eigentlich immer erlebt.
Der Fahrer des schwarzen Wolga saß inzwischen bei uns in der Küchenecke. Marianne hatte ihm eine Portion Krautwickel serviert, denn hungrig lässt Marianne niemanden vom Hof. Da klappte alles, ohne vorher etwas abgesprochen zu haben. Ich freute mich jedes Mal, wie toll unser Kollektiv aufeinander eingestimmt war.
Herr Franke(?) bedankte sich für die ausführlichen Informationen und beglückwünschte die Teilnehmer, in solch einem schönen Lager eine so gute und herzliche Betreuung zu erfahren und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass er die hier erlebten Eindrücke sicher in bester Erinnerung behalten werde.
Ich begleitete unseren Gast noch zu seinem Auto, wünschte eine gute Fahrt und schon rollte der schwarze Wolga vom Platz.
Jetzt greife ich der Zeit wieder kurz voraus. Am nächsten Morgen, wir waren gerade beim Verladen unserer Teilnehmer zur Fahrt nach Augustusburg, kam ein Anruf aus Dresden.
Kamerad Vizepräsident Dr. Hagemoser selber am Apparat: Großes Lob! Ganz toll gemacht mit dem ausführlichen Rundgang mit dem gestrigen Gast. Er hat noch am gleichen Tag dem Genossen Minister des Gesundheitswesens über seinen Besuch in unserem Lager ausführlich und offensichtlich "über den grünen Klee" lobend berichtet. Jedenfalls hat der Minister es als sehr angemessen befunden, den Präsidenten des DRK umgehend anzurufen und sich über das Lager sehr lobend zu äußern. Sein Staatssekretär also (aha, der Herr im dunkelbraunen Anzug war sein Staatssekretär!) habe einen sehr guten Eindruck bekommen. Prof. Dr. Ludwig hat sofort Dr. Hagemoser, als zur Zeit amtierender Chef des DRK, über diesen Anruf des Ministers informiert und Dr. Hagemoser hat das Dankeschön des Präsidenten umgehend an uns weitergegeben.
Das waren bestimmt keine umsonst vertanen eineinhalb Stunden, die wir dem Gast gewidmet haben (ohne genau zu wissen, wer da vor uns stand, da hätten die Knie sicher auch ein wenig gezittert und ich hätte sicher weniger auf ihn eingeredet, andererseits, was hat mir meine Mutter in solchen Fällen immer wieder beigebracht: Stell dir den Mann in langen Unterhosen vor, schon ist das Angstgefühl verschwunden - sie hatte recht!).
Heute muss unser Transportplan einwandfrei klappen! Es ist die erste Ausfahrt mit fast allen Teilnehmern. Zwei, drei Betreuerinnen haben sich "ausgeklinkt", sie fühlen sich heute nicht recht wohl, da haben wir natürlich Verständnis. Die jungen Damen sind ja auch hier aus der Gegend, kennen also die Augustusburg. Vom technischen Personal bleibt neben der Küchenbesatzung auch Heinz, unser Nachrichtenmann, im Lager. Er hat an seinem Nachrichtenwagen zu bauen. Den hat er sowieso fast alleine ausgebaut, zumindest den ganzen nachrichtentechnischen Teil. Da kann ihm keiner reinreden, allerdings auch nur bedingt helfen.
Das Einladen geht auch in einer bestimmten Reihenfolge, denn wir müssen ja mehrmals hin und her fahren. Alle auf einmal geht leider nicht, da fehlt ein geeignetes größeres Fahrzeug. Aber mit unseren B1000-Bussen schaffen wir das auch. Da kommen halt erst die dran, die eine kurze Wartezeit verkraften können bis die zweite Runde auch vor Ort ist.
Der Herr Vorsteher hatte dieses Mal eine richtig gute Stimmung. Er begrüßte die Teilnehmer auf dem Parkplatz der Standseilbahnstation, war freundlich und machte sogar hier und da einen kleinen Witz, einfach ganz anders als zu meiner Vorabsprache.
Den bereits angekommenen Gästen erklärte er warum das nicht Drahtseilbahn, sondern Standseilbahn heißt, ganz einfach, weil dieser Bautyp auf Schienen steht und von dem Seil gezogen, beziehungsweise gehalten wird. Eine Drahtseilbahn hängt an dem Drahtseil und schwebt über dem Erdboden. Natürlich gingen die technischen Erläuterungen gleich weiter. Die Zuhörer hatten sich richtig um den Herrn Vorsteher versammelt, er stand in der Mitte und alle lauschten seinen Ausführungen.
Der Wagen rollte in die untere Station ein, die Fahrgäste stiegen aus und wir eroberten den Wagen. Natürlich, die Jungens wollten möglichst alle nach vorne, neben dem Führerstand, aber alle passten da auch nicht hin. Wir hatten schon einige Rolli-Fahrer aus ihren Stühlen gehoben, auf die Bänke gesetzt, die Rollstühle zusammengeklappt und in einer Sitzreihe zusammen hingestellt. Trotzdem, alle konnten diese erste Tour nicht gleich mitmachen. Der Herr Vorsteher hat natürlich alles genau beobachtet und erst als er zufrieden war, dass alle Fahrgäste einen Platz hatten, gab er das Startsignal für diese Sonderfahrt. Dann legte er gleich fest, dass mindestens drei Bergfahrten erforderlich seien, um alle Fahrgäste so zu transportieren, dass man auch etwas auf der Fahrt sehen kann.
Der Wagen entfernte sich doch relativ zügig aus der Talstation.
Inzwischen war auch der zweite Teil unserer Teilnehmer eingetroffen. Hier waren die Rolli-Fahrer dabei, die möglichst mit dem Rollstuhl verladen werden mussten. Natürlich, unser Roland hatte wieder mitgedacht und hatte die kleinen Auffahrtrampen mitgebracht, sicherheitshalber. Der Herr Vorsteher versammelte die Neuankömmlinge um sich und erläuterte mit gleicher Freundlichkeit und Geduld die technischen Angaben zur Bahn und ging auch auf Fragen zum Alter der Bahn, oder wie oft das Zugseil gewechselt werden muss, ein.
Plötzlich wurde er an das Diensttelefon gerufen. Ich stand auf dem
Bahnsteig, nahe dem offenen Fenster des Dienstraumes und verstand nur
noch:
Inzwischen war die "Verladung" der zweiten "Fuhre" fast abgeschlossen. Der Herr Vorsteher kam wieder auf den Bahnsteig und kontrollierte persönlich, dass alle bequem sitzen, bevor er das Fahrsignal gab. Auf meine fragenden Blicke, was denn da oben passiert sein könnte, reagierte er überhaupt nicht. Nur ein verschmitztes Lächeln in den Augenwinkeln, sonst mit einer völlig ernsten Miene drehte er sich um und ging schnurstraks wieder in den Dienstraum. Ich muss ein ziemlich depperten Eindruck gemacht haben, aber er ließ mich zappeln. Dann rollte der Wagen in den Haltepunkt ein. Ich sah hinten zwei Jungen im Rollstuhl sitzen und eine Betreuerin. Ich stürmte gleich an die Wagentür, die ließ sich aber noch nicht öffnen, erst Sekunden später hatte die Wagenführerin den Knopf zum Öffnen der Türen gedrückt und stieg aus. Der Herr Vorsteher war auch wieder auf dem Bahnsteig und kam dienstbeflissen ebenfalls zur hinteren Tür. Die beiden Jungen sahen aber bestimmt nicht krank aus, im Gegenteil, die Gesichter strahlten wie "Pfannkuchen".
Die Fahrgäste, die vor der Talstation auf den Einlass warteten, waren schon ein wenig überrascht, so viele "Krankenwagen" zu sehen, und Hänger hatten sie auch dran, mit alten Matratzen beladen und ein LKW vom Roten Kreuz. So richtig erklären konnten sie sich diesen Aufzug sicher nicht.
Wir bildeten einen kleinen Konvoi und fuhren die Straße nach Augustusburg hoch, bis hoch zum Schlosshof. Dort stellten wir die B1000-Busse ab. Unser LKW parkte gleich neben der Bergstation, denn dort wollte er ja seine Passagiere wieder aufnehmen.
Inzwischen waren die Ersten schon auf dem Schlosshof angekommen. Der Aufstieg war steil und mit den Rollis ist mancher ganz schön ins Schwitzen gekommen. Als dann alle eingetroffen waren, meldeten wir uns beim Leiter des Motorradmuseums. Drei seiner Mitarbeiter hatten ihren freien Tag geopfert und übernahmen jetzt jeweils eine Gruppe zur Führung durch die Ausstellung.
Ich hatte keine Zeit, um mit zu
gehen, sondern ich meldete mich in der Burggaststätte. Der
Gaststättenleiter sagte nur kurz "Hallo", hatte es eilig und schickte
mich gleich zum Chefkoch. Der rührte fleißig im einem großen Kessel
herum.
Mit Gisela und Schwester Ursel hatte ich vorher abgesprochen, dass die Rückfahrt der Rolli-Kinder ab Schlosshof und der anderen ab Parkplatz Bergstation erfolgt. Karl-Heinz, der "Boss" unseres Jugendzuges, war ja auch dabei. Da konnte ich mich voll darauf verlassen, dass alles wie abgesprochen klappt. Na, und unseren hauptamtlichen Mitarbeitern brauchte ich auch nichts sagen, die wissen auch was zu tun ist.
Heimwärts fuhr ich noch zur Fleischerei und bedankte mich beim
Meister für die Wurstspende. Er freute sich, etwas für das Lager tun zu
können, er hat in der Zeitung die Artikel gelesen und findet das eine
ganz prima Sache, die man unbedingt unterstützen muss.
Es ist sicher an der Zeit, dass ich mich bei unseren Teilnehmern entschuldige, weil ich immer von "unseren Kindern" rede, aber mir war die Sache so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mich wirklich für die Teilnehmer verantwortlich fühlte, als wären sie alle unsere Kinder. Das geht nicht nur mir so, alle hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden, die mit in diesem Einsatz sind, fühlen sich mitverantwortlich und das ist gut so!
Im Ferienlager war eine sehr angenehme Ruhe. Die daheim Gebliebenen hatten mal nicht den täglichen Stress. Unsere Küchenbesatzung brauchte nur "auf kleiner Flamme" kochen und hatte Zeit für eine gemütliche Verschnaufpause. Sonst geht es ja vom Frühstück an durch, den ganzen Tag.
Bald war es aber mit dieser Ruhe auch schon wieder vorbei. Gegen 15:00 Uhr traf die erste Gruppe wieder ein. Übersprudelnd vor Begeisterung erzählten die Jungen von den Motorrädern, und dass sie sogar auf einige Exemplare drauf steigen durften, so weit es ging. Die Mädels schwärmten mehr von der Ausstellung über die Tier- und Pflanzenwelt im Erzgebirge. Na und das Mittagessen war "Klasse", an der Linsensuppe war ein Schuss Essig und Senf - ganz original!
Was wollten wir noch mehr? Alles in allem war das wieder ein gelungener Ausflug, den insbesondere die behinderten Kinder sicher nicht so schnell wiederholen können.
Freitag. Meine Güte, ist die Woche schnell verflogen. Vorigen Freitag hatte ich noch Sorge, dass alles zur Eröffnung des Lagers klappt, jetzt ist die erste offizielle Woche schon wieder fast vorbei.
Großes Programm war heute nicht vorgesehen. Unser "Kulturmanager" hatte eine Bildbetrachtung organisiert. Der Karl-Marx-Städter Maler Lutz Voigtmann war eingeladen, seine Bilder vorzustellen und den Blickwinkel des Künstlers auf seine Bilder zu erklären.
Frau Dr. Meissner machte ihre Runde, sah nach allen Teilnehmern und freute sich, dass es nichts für sie zu tun gibt.
Unsere technischen Kräfte nahmen sich, wie jeden Tag, die defekten Rollis vor. Zu reparieren gab es da ständig was, mal ein kaputter Schlauch, mal klemmte eine Fußraste, Ronald,unser Freund aus Euba, der eigentlich schon völlig zur Lagerbesatzung gehört und sich nur noch abends bei seiner Oma zum Schlafen sehen lässt, überwacht mit fachmännischem Blick diese Arbeiten.
Es konnte jeder Teilnehmer ein wenig ausspannen, Post an Freunde und Familie fertig machen und dabei von dem Ausflug auf die Augustusburg schwärmen, oder einfach die Seele baumeln lassen.
Das "fleißige Bienchen" vom DRK-Jugendzug hat sich eine Kochhose vorgenommen. Sie war wirklich eine sehr fleißige Kameradin.
Entweder, sie besetzte mein "Büro", wenn ich unterwegs war, oder sie war bei der Essensausgabe, half beim Basteln genauso gerne wie bei den Arbeiten im Küchenbereich. Sie war ständig beschäftigt. kümmerte sich um Teilnehmer, genauso im Küchenbereich. Sie war den ganzen Tag über ständig im Lager unterwegs.
Roland, unser Mann für alle schwierigen Fälle, hatte sich heute einen "Waschtag" verordnet. Das musste auch mal sein, wenn man fünf Wochen von zu Hause weg ist.
Für mich ergab sich bei diesen Anblicken die Schlussfolgerung, beim nächsten größeren Einsatz, der länger als eine Woche dauert, ist unbedingt eine kleine Haushaltswaschmaschine zu beschaffen, dazu gleich noch eine kleine Wäscheschleuder. Wir wollen so ein technisch moderner Hilfszug sein, an dieser Ausrüstung fehlt es aber noch.
Mit solchen Beschäftigungen vergeht der Vormittag. Am späten Nachmittag fährt ein "312 - Wartburg" vor. Unerlaubterweise rollt er gleich bis in unsere Küchenecke. Ich wollte gerade "los meckern", da stieg Rainer aus. Großes Hallo in der Küche, Alle stürzten raus und begrüßten Rainer ganz herzlich. Als erstes packte er zwei Kästen gutes Lausitzer Bier aus. Von einer Privatbrauerei, ein ganz tolles, dunkles Starkbier - ein herrliches "Gesöff"!. Dann kam ein richtig schöner Bauernschinken zum Vorschein.
Alles so als "kleine" Mitbringsel von einem prima Kumpel. Rainer ist von Haus aus Fleischer, macht gerade seinen Meister und ist auf dem besten Weg sich selbständig zu machen. Zum Hilfszug ist er bei einem größeren Einsatz im Raum Dresden als ehrenamtlicher Koch gekommen und seitdem immer, wenn es irgendwie möglich ist, bei Einsätzen dabei, und wenn es nur für ein verlängertes Wochenende ist. Dieses Mal hat er sich bis Montag von seiner Arbeit frei genommen, um bei uns zu arbeiten!
Es dauerte auch nicht lange und er stand wieder in der Küche. Er hat sich noch nicht einmal die Zeit genommen, das Lager anzusehen. Erst wurde bei der Vorbereitung des Abendessens geholfen.
Die Bierkästen waren in der "Kalten Küche" schön kühl gestellt, um nachher beim "Feierabendbier" spendiert zu werden - das ist Rainer! So ist aber auch echte Kameradschaft, man ist einfach füreinander da, ohne zu fragen, ob es was dafür gibt, man hilft!
Nur Max, der Küchentechniker und unser Nachrichtenmann, Heinz, wussten vorher von diesem Besuch. Die drei hatten sich persönlich angefreundet, daher wusste Rainer wo wir sind und ließ diese Gelegenheit natürlich nicht aus.
Es war Abend geworden, das schöne Wetter vom Tage hat sich ziemlich gewandelt. Der Himmel ist grau verhangen, es sieht nach Regen aus. Unserer Lagermannschaft hat das Abendbrot wieder geschmeckt, alle sind satt und zufrieden. Nur ein bisschen kühl ist es geworden und die Betreuerinnen empfehlen ihren Schützlingen, lieber die Trainingssachen anzuziehen, die halten wärmer.
Trotzdem, das "Feierabendbier" schmeckt uns, die Stimmung ist gut. Die Kameraden des Hilfszuges sitzen zusammen in unserer Küchenecke, wir schwatzen, erzählen von dem Ausflug nach Augustusburg, von der Hilfsbereitschaft und der Unterstützung, die wir wieder erfahren haben. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass es immer wieder Menschen gibt, die nicht Mitleid, sondern Mitgefühl für Behinderte empfinden. Die Behinderten wollen ja gar kein Mitleid, sie wollen anerkannt werden so wie sie sind und was sie leisten können, trotz aller Behinderungen. Dieses Empfinden ist sogar schon bei den Kindern zu spüren. Dabei wissen sie oft noch nicht einmal genau, ob sie "Fisch oder Fleisch" sind. Denken wir doch mal zurück, wie wir uns in dem Alter zwischen 12 und 15 Jahren gefühlt haben und da konnten wir uns körperlich frei bewegen. Sie müssen dieses mit ihrer Behinderung erst noch lernen, sie wollen sich auch zu erwachsenen Jugendlichen entwickeln und dabei wollen wir helfen, wo und wie wir nur können.
Hebbel hat die Lagerbeleuchtung eingeschaltet. Wir hatten Scheinwerfer so aufgestellt, dass der ganze Zeltplatz gut ausgeleuchtet war, auch der Weg zu den Waschzelten und dem Toilettenwagen wurde ausgeleuchtet. Schließlich war Sicherheit oberstes Gebot. In der Nacht wurde dann diese "Festbeleuchtung" wieder reduziert. Es gab da ja noch unsere Nachtwache, die zusätzlich mit Handscheinwerfern ausgestattet war, wenn Hilfe notwendig ist.
Es fing an zu regnen. Erst noch ganz sanft, eigentlich nur so viel, um den Staub zu binden, der auf den Hauptwegen im Lager lag. Der Rasen hatte an diesen Stellen doch schon ganz schön gelitten, da werden wir uns nach dem Abbau des Lagers noch was einfallen lassen müssen. Aber soweit ist es ja noch lange nicht. Komisch, wenn das Wetter so trübe ist, wird die Stimmung der Gedanken auch bedrückter.
Der Regen wird auch stärker. Ich bitte die Kameraden, doch noch mal die Spannseile der Zelte zu prüfen. Wenn die Zeltplane richtig nass wird, spannt sie sich und könnte im Extremfall die Zeltheringe raus ziehen. Also sind die Zeltleinen zu prüfen, ein wenig nachzustellen, beziehungsweise die Spannung nachzulassen. Gleichzeitig sind die Dachluken zu kontrollieren, dass sie richtig geschlossen sind und es ist zu prüfen, ob über den Zeltheizgeräten, die ja außerhalb der Zelte stehen, die Verpackungskisten als Abdeckung richtig aufliegen. Ja, und die Fensterklappen sind zu prüfen, ob sie richtig eingerollt sind. Werden sie nach außen aufgerollt, also wie ein Handtuch, sammelt sich das Regenwasser in der Rolle. Die Fensterklappen müssen nach innen eingerollt werden und wie ein kleiner Sims am Fenster anliegen, dann läuft das Regenwasser ab. Am besten ist, wenn jetzt abends die Fensterklappen runter gerollt und die Laschen fest geschlossen sind, also, alle Mann noch mal raus - alles kontrollieren!
Den Kindern macht es in den Zelten noch Spaß, wenn der Regen auf das Zeltdach trommelt. Wir haben alle darauf hingewiesen, dass sie bitte nicht mit den Händen die vollgesogene Zeltwand von innen abstreifen, dann regnet es an diesen Stellen nämlich durch. In den Zelten selbst ist das ja durch die eingezogenen Innenhäute kaum möglich, aber in den Durchgängen von Zelt zu Zelt sind ja keine Innenhäute und diese Gänge sind immerhin auch zwei Meter lang. Natürlich, kaum waren wir durch die Zeltreihe durch, wurde es ausprobiert, ob wir auch wirklich recht haben. Bitte, den Ärger haben die Neugierigen, der Regen kann an diesen Stellen leicht durch den Zeltstoff dringen, da konnten auch die Betreuerinnen nichts mehr machen, die wir gebeten hatten, bei ihren Schützlingen zu bleiben, wenigstens eine Betreuerin pro Zelt.
Das Sauwetter wird noch stärker. Ein Meteorologe würde vom Starkregen sprechen. Unser Zeltplatz stand nach einer Viertelstunde schon völlig unter Wasser. Weil er offensichtlich doch ein geringes Gefälle zum Lagereingang hin hat, trat am oberen Zelt der Reihe Wasser ein. Wir hatten ja aus Rücksicht auf die Sportler, die hier wieder Fußball spielen wollen, kleine Staugräben um die Zelte gezogen und die Faulstreifen der Zelte nicht angeworfen. Jetzt hatten wir das Problem. Vom oberen Zelt her bildete sich schön in der Mitte der Durchgänge ein kleiner Bach und wanderte durch alle fünf Zelte der Reihe durch.
Bei den Zelten der Mädels war es nicht ganz so drastisch. Trotzdem, wir mussten was machen. Also habe ich doch angewiesen, am ersten Zelt einen Staugraben zumindest an der Stirnseite auszuheben und mit der Grasnarbe den Faulstreifen anzuwerfen. Dann sollten alle Zeltheizungen in Betrieb genommen werden, damit die Zelte warm aufgeheizt werden und alles bei dem Regenguss. Wir, die hauptamtlichen Mitarbeiter, hatten ja unsere Gummistiefel, quasi so eine Form der Notfallausrüstung. Jeder Mitarbeiter des Hilfszuges hatte unter anderem Gummistiefel und für den Winter Wattejacken, Wattehosen und Filzstiefel.
In Badehose, Turnhemd und Gummistiefel - ein toller Anblick, wenn es Tag gewesen wäre - suchte sich die eine Gruppe Spaten und Hacke zum Graben ziehen, andere suchten Bretter, Latten, leere Gemüsestiegen oder sonstiges Material zum Beschweren der Faulstreifen. Hebbel, Horst, Max und Rainer kümmerten sich um die Zeltheizungen. Immerhin sechzehn Heizungen mussten gestartet und kontrolliert werden, dass sie auch richtig heizen, und das alles bei diesem Wetter. Es wollte einfach nicht aufhören mit dem Starkregen. Horst hatte in einem Kasten in der Dusche noch einige Paar Gummistiefel, immer als Notreserve gedacht, diese wurden an die Lagerleitung und ein paar Kameraden des Jugendzuges verteilt. Auf passende Größen konnte da keine Rücksicht genommen werden. Hauptsache war, dass die Damen nicht mit ihren leichten Schuhen rennen mussten. Es goss was vom Himmel runter wollte, ohne Rücksicht auf unser schönes Ferienlager. Erst gegen Mitternacht wurde der Regen etwas schwächer. Es reichte aber auch, die Kinder waren inzwischen doch ganz schön aufgeregt, hier und da war etwas Wasser an den Fenstern rein gelaufen. da mussten die Betten etwas abgerückt werden. Die Betreuerinnen taten ihr Bestes um die Kinder zur Ruhe zu bringen.
Viel konnten wir jetzt in der nächtlichen Dunkelheit nicht mehr machen. Wir hatten kurz überlegt, ob wir das Lager evakuieren und die Kinder in die Turnhalle verlegen, haben aber diese Überlegung wieder verworfen. Bei dem Regen die Kinder und die Betten umzulagern wäre Frevel an der Gesundheit der Kinder gewesen. Besser war, die Zelte gut zu beheizen, die Kinder zu beruhigen und zum Schlafen zu bringen, auch wenn das Geräusch der Heizung sicher stört. Da haben wir lieber die Heizungsgeräte soweit wie möglich von den Zelten weg gerückt und nur den Lüftungsschlauch durch die Zeltwand geführt (dazu gab es extra Öffnungen in der Zeltwand).
Draußen war sowieso nichts zu retten. Auf dem Sportplatz, oder das, was davon übrig war, stand bestimmt vier Zentimeter hoch das Wasser. Bei jedem Schritt quietschte das Wasser unter den Gummistiefeln. Der Hauptweg zum Lager war kaum passierbar, alles Schlamm.
Wir hatten uns im Speisezelt alle getroffen und das weitere Vorgehen beraten. Alle waren bis auf die Haut durchnässt, in den Gummistiefeln stand teilweise Wasser. Um uns ein wenig aufzuwärmen hatte ich eine Flasche Klaren aus der Reserve geholt. Da wurde nicht lange gefackelt und der Schnaps in Kaffeetassen ausgeschenkt. Jeder einen kräftigen Schluck zum aufwärmen. Unsere Nachtwache vom Jugendzug haben wir abgelöst. Es hatte keinen Zweck, die Jugendlichen jetzt alleine zu lassen. Die nächste Schicht habe ich selber übernommen, Roland will mich um 04:00 Uhr ablösen und um 05:00 Uhr übernimmt Horst, der muss sowieso die Dusche anheizen, damit genügend warmes Wasser zum Waschen da ist.
Alle anderen habe ich sofort "in die Nester" geschickt, damit sie wenigstens noch eine "Mütze" voll Schlaf bekommen. "Ecke" wollte am liebsten auch gleich aufbleiben, weil er doch sowieso zum Bäcker muss, Brötchen holen, das Weißbrot für sonntags ist erst später fertig.
"Ab ins Nest!" galt das Kommando, auch für ihn, ohne Ausnahme. Ob sie viel geschlafen haben weiß ich nicht, aber für ein paar Stunden trat Ruhe im Lager ein. Gegen 03:00 Uhr hörte auch der Regen auf. Pünktlich 04:00 Uhr kam meine Ablösung, Roland, jetzt aber im Trainingsanzug und Gummistiefeln.
Als es hell wurde konnten wir das Ausmaß der Schäden, die der Regen verursacht hatte, erst richtig begutachten. Es war schlimm! Unser Hauptweg von den Zelten zu den Waschzelten und dem Toilettenwagen war knöcheltief nur Schlamm! Trotzdem, die Rollis mussten da durch. Mit "Hauruck" und Unterstützung aller, die mit anpacken konnten wurden die Kinder zum Toilettenwagen gebracht und zu den Waschzelten. Die Nichtbehinderten haben wir durch die schlimmsten Schlammtellen getragen, oder sie sind hinter den Zelten lang gelaufen, dort war aber der Rasen auch klitschnass. Mit ein wenig Phantasie geht alles. Nur nicht die Laune verderben lassen, obwohl mir mehr Heulen als zum zum Lachen war.
Aber alle gaben ihr Bestes. Die Lagerleitung war im Großeinsatz, Heinz spielte über seinen Lagerfunk fröhliche Musik und gab zwischendurch einige lustige Kommentare, wenn wieder einer im Schlamm fast ausgerutscht wäre.
Die Bürgermeisterin und Kurt kamen, um nach dem Lager zu sehen. Sie hatten schon eine Runde durch das Dorf gemacht, um eventuelle Schäden festzustellen und gegebenenfalls Sofortmaßnahmen zu treffen.
Bei uns war die Hilfeleistung schnell festgelegt. Es musste Schotter und Splitt her, um den Hauptweg wieder zu befestigen. Kurt ging gleich an unser Telefon und organisierte alles. Zwei Stunden später war die Fuhre bei uns auf dem Hof, wurde neben der Turnhalle und unserem Duschzug abgekippt. Sogar einigermaßen sortengerecht, ein Haufen Schotter, ein Haufen Splitt. Der Fahrer hatte mit seinem Dreiseitenkipper ganze Arbeit geleistet.
Frühstückszeit war gerade vorbei, wir überlegten noch, wo wir jetzt Schubkarren herbekommen und vielleicht sogar ein paar Steingabeln, da standen unsere Nachbarn vor uns. Albert, Friedhelm, Manfred, alle männlichen Nachbarn standen vor uns, hatten Schubkarren dabei und Schippen. Sogar zwei Steingabeln hatten sie mit. Gemeinsam machten wir uns ans Werk, es dauerte nicht lange und wir hatten mit dem Schotter bald einen Grund in dem Schlamm. Der Splitt diente als Oberschicht. Im Dorf selbst muss das Unwetter noch mehr gewütet haben. "Ecke" erzählte nur, dass er auf der "Brötchenrunde" mehrfach durch richtige Schlammbäche fahren musste. Die Freiwillige Feuerwehr von Euba war auch schon im Einsatz und räumte oder spritzte besser die Hauptstraße soweit frei, dass der Verkehr wieder ungehindert rollen konnte. Bei uns war es ja "nur" ein Stück des Hauptweges, der "trocken" gelegt werden musste. Mit dem Schotter und dem Splitt, der Hilfe der Nachbarn und unserer Kräfte war das Problem auch bald wenigstens soweit behoben, dass man wieder über die Strecke mit den Rollis fahren konnte.
Den Boden in den Zelten unseres Jugendzuges hat der Regen völlig aufgeweicht. Die standen auch im Schlamm, hatten aber erst was gesagt, als der Schaden auf dem Hauptweg einigermaßen behoben war.
Da machten wir kurzen Prozess: Vier Mann, vier Ecken, Zelt hoch und zehn, fünfzehn Meter weiter auf dem Rasen wieder abgesetzt. Die Betten wurden auch auf diese Weise transportiert.
Jeder beteiligte sich an den Aufräumarbeiten so gut er konnte. Die Seitenwände des Speisezeltes wurden ein Stück hochgebunden, damit der Wind beim Trocknen hilft. Die Kinder wurden durch die Betreuerinnen und unseren Kulturmanager in den Zelten beschäftigt.Die Heizgeräte sorgten für eine wohlige Wärme in den Zelten und die nassen Stellen trockneten schnell ab. Gegen 11:00 Uhr konnte ich dem Diensthabenden im Generalsekretariat telefonisch melden, dass es allen Kindern gut geht, keiner Schaden genommen hat und wir die Situation vor Ort beherrschen. Diese Information wurde sofort an Kamerad Dr. Hagemoser weitergegeben und bei einem Rückruf seinerseits konnte ich eigentlich nur noch vermelden, dass alles getan wurde, um die Kinder so gut wie nur möglich zu umsorgen.
Seine besorgte Nachfrage, ob er sofort nach Euba kommen sollte, konnte ich verneinen.
Das Wetter war wieder aufgeklart, es sah fast so aus, als wollte die
Sonne durch die Wolken kommen.
Die Küchenbesatzung hat, quasi als zweites Frühstück, für jeden eine Portion Melone zurechtgemacht und das wurde den "Herrschaften" bis ans Bett - oder besser Zelt - gebracht, zur Freude aller.
Die Sonne war wieder da, in voller Pracht und Wärme, als sei es nie anders gewesen. Es wurde zwar mächtig schwülwarm, denn die Erde dampfte ja förmlich.
Den Dank und die Grüße des Vizepräsidenten gab ich gerne an alle Helfer weiter. Unsere helfenden "Häusler" lud ich zu einem "Feierabendbier" kurz vor Mittag ein. Albert, Friedhelm, Kurt, Manfred, alle nahmen dieses Angebot nach der "Einlage" gerne an.
Das Lagerleben nahm wieder gewohnte Formen an. Jetzt lachten alle über die Ereignisse der Nacht. Es war ja "fast" nichts passiert. Den Schlamm auf dem Hauptweg haben die Männer doch prima abgedeckt und man konnte mit dem Rolli wieder durchfahren. Gut, ein wenig holprig war es und etwas Hilfe war manchmal auch nötig, aber es ging, man kam wieder alleine zum Toilettenwagen.
Die Stimmung der Teilnehmer war auch wieder auf "Schönwetter" eingestellt. Draußen war es zwar noch recht feucht auf dem Rasen des Lagerplatzes, aber dafür war in den Zelten allgemein eine gute Stimmung.
Rainer, unser Wochenend-Koch, nahm sich die Zeit, um mit unserem "Küken" zu albern, was ihr natürlich viel Spaß machte. Sie brauchte schon ihre "Streichel-einheiten" und bekam sie auch von allen. Sicher, mit zehn Jahren in so einem Zeltlager und dann so eine aufregende Nacht, das war schon was Besonderes.
Zum Mittag gab es einen richtig guten Gemüseeintopf und hinterher Kompott.
"Ecke" hatte vom Bäcker außer dem sonntäglichen Weißbrot noch Plunderstücken mitgebracht. Die waren eigentlich auch für Sonntag zum Kaffee gedacht, aber da wurde halt kurz umdisponiert, die Plunderstücke gab es heute zum Kaffee und für morgen waren ja noch Kekse im Angebot.
Für den Nachmittag haben wir in der Turnhalle unsere Filmapparate und die große Leinwand aufgebaut. Wir hatten ja einen "Filmwagen" B1000-Koffer, ausgerüstet mit zwei 16-Millimeter-Filmprojektoren und aufrollbarer Perl-Filmleinwand. Filmmaterial hatte ich in Leipzig bei der Kreisfilmstelle für Schulen besorgt. Da ja große Ferien für alle Schüler waren, hatte man mir dort gerne geholfen und ein ganzes Sortiment von Filmen zusammengestellt. Nicht nur Naturfilme, auch Animationsfilme - ein richtiges Kinderprogramm. Unser "Kulturmanager" und Gisela von der Lagerleitung hatten auch die offizielle Erlaubnis als Filmvorführer, eine Erlaubnis, diese Projektoren zu bedienen.
Da der Filmwagen ganz neu in unserem Technikbestand war, hatten wir es noch nicht geschafft, diese Erlaubnis zu erlangen, denn da musste man doch einen mehrstündigen Lehrgang besuchen. In der Hoffnung, jemanden zu finden, der diese Erlaubnis hatte, haben wir den Filmwagen mit zu diesem Einsatz genommen. Bei den Betreuerinnen waren auch noch zwei Mädels dabei, die diese Erlaubnis hatten, also stand dem Filmnachmittag nichts mehr im Wege - außer, die total verschmutzten Reifen unserer Rolli-Fahrer und damit in die neue, noch nicht einmal offiziell übergebene Turnhalle, auf den neuen Fußboden? Das ging auch nicht! Erst wurde große "Fahrzeugwäsche" angeordnet. In der Auffahrt zum Lager hatten Roland und Horst einen Wasserschlauch an die Zuleitung gekoppelt und alle Rollis wurden abgespritzt.
Vor der Turnhalle hatten wir alte Decken ausgelegt, als Trockenstrecke gedacht, um den neuen Fußboden in der Turnhalle zu schonen. Mit ein wenig Verspätung, bedingt durch die "Fahrzeugwäsche", konnte die Kinoveranstaltung beginnen, natürlich zuerst ein Animationsfilm. Das hob die Stimmung der Zuschauer. Für den Abend hatte die Lagerleitung zu einer Pyjama-Party eingeladen.
Unser "Kulturmanager" hatte mit Heinz die Musik organisiert, die Betreuerinnen hatten sich mit ihren Schützlingen entsprechend kostümiert. Die Decken, die vor der Turnhalle lagen, erfüllten wieder ihren Zweck zur Reifenreinigung und los ging das Fest! Es gab sehr viel Spaß und die Augen der Kinder strahlten wie zu Weihnachten.
Sie konnten ausgelassen toben, keiner störte sich daran, wenn ein Tanz nicht ganz so elegant wie auf dem Opernball ausfiel. Die Betreuerinnen lernten mit Rolli-Fahrern zu tanzen, das will auch geübt sein, aber wenn es klappt, macht es allen Beteiligten einen riesigen Spaß.
Um 21:00 Uhr wurde das erste Mal zum letzten Tanz aufgespielt - unter Protest aller! Die Lagerleitung gestand noch eine halbe Stunde zu. Um 21:30 Uhr reichte es den Teilnehmern immer noch nicht. Ein großes Betteln begann, um noch eine halbe Stunde raus zu schlagen.
Bloß gut, dass ich für die "innerbetrieblichen" Veranstaltungen nicht den "Hut" aufhatte, diese Entscheidung konnte nur die Lagerleitung treffen. Meine Empfehlung war lediglich, halt noch einmal "Katzenwäsche" für den Abend zuzulassen, gestern musste es ja wegen dem Regenguss auch gehen und heute hatten sich ja die Kinder und die Betreuerinnen zu dieser Party extra schmuck gemacht. In unserer Dusche war am späten Nachmittag ganz schöner Andrang und Horst hatte Mühe, das warme Wasser ständig bereitzuhalten.
Die Lagerleitung gab letztendlich nach und verlegte die Nachtruhe auf 22:30 Uhr - aber auch nur unter Protest - zur Freude aller anderen Anwesenden. Für Ronald, der ja abends immer zu seiner Oma fuhr, wurde eine Begleitung festgelegt. Er musste ja nicht allzu weit durch das Dorf, aber die Oma schaute doch schon recht aufgeregt am Fenster und war froh, als sie Ronald die Straße runterkommen sah. Wir haben uns bei ihr entschuldigt, aber es war halt so eine tolle Stimmung. Eigentlich freute sich ja die Oma, dass ihr Enkel so herzlich im Kreis der Lagerteilnehmer aufgenommen wurde, war es doch ein wunderbares Urlaubserlebnis für ihn und jeden Abend wurde er gar nicht fertig, mit erzählen, was er alles am Tag bei uns erlebt hat.
Der Sonntag war ein Tag, wie aus dem Bilderbuch, strahlende Sonne, schön warm, und weil es gestern Abend doch ein wenig später wurde als regulär festgelegt, wurde heute Morgen halt auch eine Stunde später geweckt. Sonntags darf ja immer ein wenig länger geschlafen werden.
Nach dem Frühstück wurde es noch einmal ernst, ich hatte gebeten, dass von den Betreuerinnen einige Mädels unseren Kameraden und Kameradinnen vom Jugendzug helfen und das tägliche "Reinigungskommando" verstärken, denn neben den Aufräumarbeiten im Speisezelt und dem üblichen Geschirrspülen, war der morgendliche Reinigungseinsatz im Toilettenwagen zu erledigen und heute musste auch die Turnhalle gründlich gereinigt werden. Hans, der ehrenamtliche Hallenwart, meinte zwar, er mache das schon alleine, aber die Spuren, die von den Rollis beim Tanzen auf dem Fußboden geblieben waren, sind wirklich nicht zu übersehen. Keine Schlammspuren, denn dagegen hatten wir ja noch die Decken vor der Halle als "Abtreter" liegen lassen, nein, richtige "Bremsspuren" waren das. Da half auch nicht bloß ein feuchter Lappen, da musste schon richtig geputzt werden. Die angehenden Krankenschwestern und künftigen Hausfrauen, die sie ja auch mal werden wollen, konnten bei diesem Einsatz richtig beweisen, wie Fußböden klinisch sauber zu sein haben. Lob! Lob! Lob! Sie haben ihre Sache ganz toll gemacht. Nach dem Einsatz sah der Fußboden der Turnhalle wie neu verlegt aus, keine einzige Strieme war mehr zu sehen.
Hans hat sich auch gefreut, wie fleißig die Mädels waren, es ist wirklich alles ganz tipptopp gewesen, als wir diesen Einsatz kontrollierten.
Die Betreuerinnen konnten wieder ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen und sich um ihre Schützlinge kümmern und das taten sie mit einer wahren Hingabe. Es gab viel Spaß dabei, es wurde gelacht und gescherzt, ein richtig fröhliches Ferienleben.
Dass ein Teil der Kinder Behinderungen haben, fiel kaum auf. Wenn ein Kind Hilfe brauchte, war es eine Selbstverständlichkeit zu helfen, ohne einen Kommentar. Hilfe kam von dem, der gerade neben dem Hilfesuchenden war. Es war eine wirklich gute Gemeinschaft. Dieses Gefühl der selbstverständlichen Hilfe müsste in der Gesellschaft zum Allgemeingut werden, dann wäre es ein richtig gutes Zusammenleben. Warum Behinderte immer wieder diskriminiert werden, oder auch nur schief aus den Augenwinkeln angesehen werden, ist eigentlich unverständlich. Wir sollten die Selbstverständlichkeit, die diese Kinder, ob behindert oder nichtbehindert, uns in den paar Tagen der Gemeinsamkeit gezeigt haben, verallgemeinern, dann ging es in der Gesellschaft sicher um vieles besser.
Am späten Nachmittag, ich war wieder bei Manfred im Garten, eine Pause machen und dabei schon wieder neue Sachen aushecken. Wir haben ja in der kommenden Woche das "Bergfest". Ja, die Hälfte der Ferien war dann schon wieder vorbei. Die Lagerleitung und unser Kulturmanager haben für den 18. August ein Meeting anlässlich des Todestages von Ernst Thälmann geplant. Es wäre ja ein würdiger Anlass, unser Bergfest an diesem Tag zu begehen. Aber was machen wir da? Manfred schlug vor, zu dem Meeting auch wieder die Einwohner von Euba einzuladen. Selbstverständlich, das sollte problemlos zu machen sein, und weiter?
Das war die Idee! Ein Brennplatz für Lagerfeuer war ja am oberen Ende des Sportplatzes, müsste nur noch ein wenig wieder hergerichtet werden. Schönes trockenes Holz brauchten wir - haben wir weiter sinniert. Wie auf ein Stichwort lief gerade in diesem Augenblick unten auf der Hauptstraße ein Mann entlang, grüßte zu Manfred hoch und wünschte uns einen schönen Abend.
Günter schaute einen Augenblick verdutzt, weil er ja nicht wusste,
wovon wir gerade gesprochen haben. Aber diese Situation war schnell
aufgeklärt. Manfred erläuterte Günter, dass wir schönes trockenes Holz,
Reisig, große Fichtenäste oder so was brauchen, um am Dienstagabend ein
großes Lagerfeuer zu machen.
So werden Probleme im Dorf unter Freunden gelöst, kurz und bündig, aber man kann sich auch darauf verlassen.
Manfred versprach mir auch, mit dem Chef der Freiwilligen Feuerwehr zu reden. Sie fahren jeden Morgen zusammen mit dem Linienbus zur Arbeit in die Stadt. Da blieb mir nur übrig, mit unseren Leuten zu reden und das mach ich gerne. Gleich zum Abendbrot werde ich den Vorschlag unterbreiten.
Abendbrotzeit, Ruth kam und wollte eigentlich nur Bescheid sagen, dass Manfred bitte kommen möchte, es ist alles gerichtet. Natürlich wurde sie sofort über unseren Einfall informiert, dass alles so prima geklappt hat, dass Günter wie auf ein Stichwort aufgetaucht ist und wir alles absprechen konnten.
Abendbrotzeit auch bei uns. Wie alle Tage, trifft so nach und nach die ganze technische Mannschaft in der Küchenecke ein. Unsere Jugendlichen hatten sich nach dem wettermäßig erzwungenen Umzug eine neue eigene Essecke geschaffen und haben sich ihre Portionen schon rüber geholt. Unsere Leute habe ich über die ausgeheckte Überraschung zum Bergfest informiert. Klar, da wurde gleich weiter diskutiert, nicht nur Lagerfeuer machen wir, natürlich "werfen" wir auch den Holzkohlegrill an. "Zu was haste denn die Holzkohle ergattert, wenn nicht zum Grillen!" Sie haben ja recht, also machen wir Bergfest, die Lagerleitung kann nachmittags ihr geplantes Meeting machen und wir organisieren das Lagerfeuer und das Grillen. Gleich wurden die Aufgaben verteilt. Roland, Wolfgang und zwei Jungens des Jugendzuges am Dienstag Holz zu holen, "Ecke" besorgt bei der Fleischer-Genossenschaft ordentliche Bratwurst und Steaks, zwei, drei Kisten Club-Cola und Fruchtsaft, für die Erwachsenen zwei Kästen Bier auf Kosten "des Hauses", wer mehr will auf eigene Kasse. Wir freuten uns wie kleine Jungens, die einen Streich ausgefressen haben und ich war überzeugt, dass alles nach Wunsch geht.
Eigentlich hatte ich ja noch ein "Ass" im Ärmel, aber darüber wollte ich noch nicht sprechen. Ich wartete noch auf einen ganz bestimmten Anruf. Es machte mich nervös, dass ich noch keinen Bescheid bekommen habe - aber warten wir es ab. Lediglich mit Kamerad Dr. Hagemoser war die Sache abgestimmt und er war genauso gespannt, ob es ein Erfolg wird.
Auf alle Fälle wollte er am Dienstag schon gegen Mittag hier sein, hatte er mir am Telefon versprochen.
Der Montag verlief harmonisch. Im Lager wurde gefaulenzt, gebastelt oder gemalt. Die Betreuerinnen helfen immer wieder bei den Makramee-Arbeiten. Eine kleine Gruppe wollte baden gehen. Bitte, kein Problem, ein Bus wurde startklar gemacht, PKW-Hänger dran, Rollis verladen und die paar hundert Meter bis zum Waldbad zwischen Euba und Yorckgebiet am Stadtrand von Karl-Marx-Stadt war ja kein Problem, hätte man fast auch laufen können, aber unsere Teilnehmer sind ja verwöhnt. Der Bademeister wusste über uns Bescheid und vormittags war im Bad sowieso ziemliche Ruhe. Wir waren ja schon bei gutem Wetter abends dort baden gewesen und haben mit ihm gesprochen. Der Bademeister hatte auch keine Einwände, wenn Behinderte kommen wollten, im Gegenteil, er würde sich freuen und hatte extra ein paar Autoschläuche rausgesucht und aufblasen lassen, damit man einen Querschnittgelähmten in so einen Reifen hängen kann und er auch seinen Spaß beim Baden hat. Natürlich nur unter Kontrolle der Betreuerin und des Bademeisters. Aber, das klappte wunderbar. Es waren ja meist nur kleine Gruppen, die gerade mal Lust hatten und das Wetter musste ja auch danach sein. Erkälten durfte sich kein Kind - entsprechend unseres Grundsatzes, dass kein Kind während der Lagerzeit krank wird, oder gar krank nach Hause fahren müsste.
Nach Hause fahren musste heute leider Rainer. Die Arbeit rief, schließlich musste er als angehender Meister wieder in das Schlachthaus. Es war schade, denn er ist auch so ein prima Kumpel, den man gerne um sich hat. Wir haben uns versprochen, beim nächsten größeren Einsatz in seiner Gegend, sind wir wieder zusammen. Max und Heinz hatten mit Rainer schon ein Treffen im Herbst abgesprochen, aber ganz privat.
Marianne und Ralf klärten alles für den Grillabend, die Küche würde sich darauf einstellen und wollte das planmäßige Abendbrot halt nicht ganz so üppig machen wie sonst. Da fällt die Salatbar etwas kleiner aus und es gibt mehr Käse zum Abendbrot, als sonst üblich eine reichliche Wurstauswahl.
Verraten wurde aber nichts! "Top secret!" (Wir hatten einen deutscheren Ausdruck dafür, aber der passt sicher nicht hierher: "Fresse halten, nicht quatschen!" - Entschuldigung, unter Kraftfahrern geht es halt manchmal etwas derb zu.)
Der Dienstag begann genauso schön sonnig wie der Vortag endete. Was wollten wir noch mehr?
Um 08:00 Uhr stand Günter vor meinem Zelt, er hatte noch nicht einmal Zeit für eine Tasse Kaffee, dabei war meine Kaffeemaschine gerade fertig geworden, nein, er wollte gleich los. Da blieb mir nichts weiter übrig, als unsere Leute zusammen zu trommeln, Wolfgang hatte seinen LKW fahrbereit gemacht und los ging die Fuhre. Fünf Kräfte, außer dem Revierförster, das muss doch was werden.
Wir hatten den heutigen Tag zum "Tag des Bergfestes" erklärt, nicht völlig korrekt gerechnet, aber was macht das schon. Das Lagerleben nahm seinen Lauf, wie verabredet war der Fäkalienwagen wieder da und hat die Gruben geleert, das muss auch sein.
Ich habe meine "Windelrunde" ausnahmsweise mal auf vormittags verlegt, wollte doch spätestens ab Mittag im Lager sein und auf ganz bestimmte Gäste warten. Das Warten wird aber zu einer Geduldsprobe. Ich weiß nicht wie oft ich auf die Uhr und auf die Einfahrt zum Lager geschaut habe, aber es tat sich nichts.
"Ecke"hatte seine "Brötchenrunde" schon lange hinter sich und wollte jetzt gleich in die Stadt - Einkäufe erledigen. Die Bestellung bei der Fleischer-Genossenschaft hatten wir noch am Vorabend telefonisch aufgegeben und vom Chef eine Zusage bekommen, dass er die Bratwürste für uns frisch machen lässt. Die Getränke holt "Ecke" direkt in der Brauerei, so eine Art "Betriebsverkauf", da gibt es die Sachen etwas preiswerter.
Heinz baut die Mikrophonanlage für das Meeting am Nachmittag auf. Jeder hat so seine Arbeit.
Gegen Mittag traf Kamerad Dr. Hagemoser im Lager ein. Er wollte eigentlich auch da sein, wenn unsere Gäste hier eintreffen. Selbstverständlich freute er sich auch, dass wir nachmittags ein Meeting zum Todestag von Ernst Thälmann durchführen werden. Die Lagerleitung hatte dazu Frau L. Wetzel eingeladen. Sie war als junge Frau Mitstreiterin gegen die Hitlerdiktatur und wurde dafür wiederholt eingesperrt. Jetzt wurde sie für ihren Kampf als Veteranin vielfach geehrt.
Es wurde Mittag, unsere "Holzsammler" waren wieder zurück und hatten genügend "Futter" für unser Lagerfeuer rangeschafft. Jetzt musste alles nur noch in Form eines Tipifeuers aufgebaut werden. Der Holzstapel wurde schön hoch, damit es heute Abend richtig lodern kann. Unsere Kameraden waren noch fleißig beim Aufschichten, als eine Gruppe Feuerwehrleute ankam. Sie waren von der Freiwilligen Feuerwehr der Gemeinde Euba und hatten von ihrem Oberfeuerwehrmann den Auftrag, die Sicherheit an unserem Lagerfeuer zu überprüfen. Manfred hatte also wieder einmal Wort gehalten und den Chef der Freiwilligen Feuerwehr über unser Vorhaben informiert. Die Kameraden der Feuerwehr schleppten eifrig große Steine ran. Den Haufen hatte ich bisher nicht beachtet. Er lag unauffällig ganz am Rande des Sportplatzgeländes, aber offensichtlich bereits schon mehrfach gebraucht, denn die Steine wiesen doch schon Schmauchspuren auf. Mit diesen Steinen bauten die Kameraden einen Sicherheitsring um den Holzstapel, so groß, dass sich niemand am Feuer verletzen konnte, aber trotzdem nah genug, um an den Flammen sitzen zu können. Dann prüften sie noch unsere Schlauchleitung, die wir eigentlich rund um das Lager gelegt hatten, um überall einen Wasseranschluss verfügbar zu haben. Sie prüften, ob der Wasserdruck ausreichend ist, um gegebenenfalls zum Löschen des Feuers zu reichen.
Der Truppführer kontrollierte nochmals alle Maßnahmen, bevor sich die Kameraden verabschiedeten und unsere "Feuerbauer" sahen zu, dass sie unter die Dusche kamen, denn geschwitzt hatten sie offensichtlich genug.
Ich wurde immer unruhiger, immer noch kein Anzeichen von unseren so sehnsüchtig erwarteten Gästen. Schwester Ursel dachte schon mein Kreislauf spielt mir einen Streich und wollte unbedingt, dass ich mit in "ihre" Krankenstation komme und sie mir den Blutdruck messen kann - aber das war es nicht. Ich konnte und wollte aber auch den wahren Grund nicht verraten, ich habe mich doch so sehr auf die Überraschung aller gefreut.
Unser Vizepräsident - inzwischen schon ein gut bekannter Freund im Lager, die Teilnehmer waren ganz schnell zu dem freundschaftlichem "Du, Kamerad Hagemoser " in der Anrede übergegangen, den "Doktortitel" oder die Stellung "Vizepräsident" hatten sie einfach unterschlagen, denn er war ja allen schon als netter Gesprächspartner, guter Beobachter und Zuhörer bekannt - hatte sich wieder unter die Teilnehmer gemischt, sich erkundigt, wie sie das Unwetter erlebt haben, ob sie sich im Lager wohlfühlten, oder ob irgendwas fehlt. Er ließ sich auch die Knüpfarbeiten zeigen, war an allem interessiert und wurde in jedem Zelt aufgenommen als gehöre er einfach dazu.
Gegen 15:00 Uhr ich hatte überhaupt keine Ruhe mehr, war überall und nirgends, nur unsere Gäste waren immer noch nicht da. Dann, die Sekretärin der Bürgermeisterin kam ziemlich aufgeregt aus ihrem Büro mit einer Nachricht. Unsere so sehr erwarteten Gäste haben im Gemeindeamt angerufen und lassen ausrichten, dass sie leider nicht kommen können, das Auto habe Motorschaden und die Werkstatt kann nicht sagen, wann es wieder einsatzbereit ist.
Ich war enttäuscht, so sehr enttäuscht, dass meine "Überraschung" wegen solch einer Sache ins Wasser fallen sollte, ich konnte es gar nicht ausdrücken, wie mir mit dieser Nachricht die "Butter vom Brot" gefallen ist.
Kamerad Dr. Hagemoser kam an meinem Zelt vorbei und sah mich
"Häufchen Elend" dasitzen:
Gut! Fünf Minuten Bedenkzeit, dann mein Vorschlag: heute können wir
mit keinem Überraschungsbesuch mehr rechnen. Ich werde mit unseren
Gästen telefonieren und ihnen anbieten, sie selber abzuholen. Sie wohnen
in Berlin, durch meine Besuche bei ihnen kenne ich ja ihre Adresse.
Also kein Problem. Wenn ich heute Abend nach Berlin fahre, dort
übernachte (im Bahnhofsdienst in Berlin gab es ein Zimmer für die
Mitarbeiter des Generalsekretariats, das wir in Ausnahmefällen auch
nutzen durften), dann kann ich morgen früh unsere Gäste abholen und bin
spätestens gegen 12:00 Uhr wieder hier!
Na. soweit, so gut, das hat sie ja auch gemacht, aber wie weiter?
Ich bot an, heute noch nach Berlin zu kommen und unsere Gäste selber abzuholen, kurze Pause, ich hörte wie sie diesen Vorschlag mit ihrem Mann diskutierte, dann eine Zusage unter Vorbehalt, sie wolle nochmals mit der Werkstatt telefonieren, sie habe dem Meister die Situation mit unserer Einladung erzählt und er habe zugesagt, alles Mögliche zu tun. Sie bekam meine Rufnummer und wir haben für den Abend ein nochmaliges Telefonat verabredet.
Im Lager lief das geplante Meeting ab. Eine Reihe Einwohner von Euba haben sich auch eingefunden und verfolgten interessiert die Veranstaltung. Kamerad Dr. Hagemoser ergreift das Wort und begrüßt Frau Wetzel und ihre Begleitung. Frau Wetzel berichtet aus ihrem Leben. Die Lagerteilnehmer sind ergriffen von den Berichten. Dann tragen die Jugendlichen ihren Beitrag vor.
Es ist eine eindrucksvolle Veranstaltung, die nicht nur bei den Lagerteilnehmern gut ankommt. Nach dem Meeting wird noch eine ganze Zeit diskutiert und viele Fragen gestellt. Die geschichtliche Seite kennen die Kinder ja aus dem Schulunterricht, aber einen Menschen persönlich kennen zu lernen, der in dieser Zeit aktiv gekämpft hat, ist doch etwas Besonderes.
Wir laden Frau Wetzel ein, doch noch bis zum Abend bei uns zu bleiben und sie nimmt diese Einladung gerne an, denn es hat auch sie bewegt, wie aufgeschlossen die Kinder und Jugendlichen waren.
Die Teilnehmer nutzten vor dem Abendbrot noch fleißig unsere Dusche. Die Lagerleitung hatte informiert, dass wir heute, anlässlich unseres Bergfestes, ein Lagerfeuer abbrennen werden, da wollten alle dabei sein und haben die Abendtoilette entsprechend vorverlegt, denn nach dem Lagerfeuer geht es doch nur wieder mit einer "Katzenwäsche" ins Bett.
Endlich, kurz nach 18:00 Uhr, unser Vizepräsident wollte sich gerade wieder auf den Weg nach Dresden begeben, denn dort wartete noch Arbeit auf ihn, da klingelte das Telefon. Der heiß erwartete Anruf aus Berlin:Elfriede und Wilhelm Thom haben unsere Einladung, bei uns im Lager eine Lesung zu ihrem Buch "Rückkehr ins Leben" durchzuführen, gerne angenommen. Auch, wenn widrige Umstände es verhinderten, dass das Ehepaar Thom wie eigentlich geplant, schon heute zum Bergfest hier sein wollte, ich denke, wir freuen uns alle sehr auf den Besuch. Thoms werden ein paar Tage bei uns sein und es wird für jeden die Gelegenheit geben, mit Herrn und Frau Thom über das Buch zu sprechen und sich auch sonst mit ihnen zu unterhalten. Fast alle Behinderten und auch viele Betreuerinnen klatschten spontan Beifall zu dieser Mitteilung. Die Behinderten wussten zumindest von dem Buch, die wenigsten hatten aber bisher die Möglichkeit, es zu lesen. Bei den Betreuerinnen war es gerade der "Renner" in der Fachschule. Zu kaufen gab es schon eine ganze Zeit keine Exemplare mehr, die ganze Auflage war absolut vergriffen und die zweite Auflage erst in Vorbereitung. Es wird also ein ganz besonderes Erlebnis werden, denn Wilhelm Thom ist nach einem schweren Unfall querschnittsgelähmt, sitzt auch im Rollstuhl, wie ein Teil von unseren Lagerteilnehmern und hat, trotz der massiven Schädigung, den Mut und die Kraft gefunden, ein Buch über seine Rehabilitation zu schreiben. Ein sehr, sehr ehrliches Buch, ohne Beschönigung der Schwierigkeiten, die er gehabt hat, trotz seiner gesellschaftlichen Stellung. Eine Rückenmarksverletzung zwischen dem sechsten und siebenten Halswirbel bedeutete für Wilhelm Thom, dass zwanzig Zentimeter unterhalb der Halsmuskulatur die Lähmung begann und er neben schweren Kreislaufstörungen, Phantomschmerzen sowie Verdauungs- und Abführschwierigkeiten die oberen Schultergürtelmuskulatur nur noch teilweise und die unteren Gliedmaßen überhaupt nicht mehr bewegen kann. Er ist also vollständig auf Hilfe angewiesen und seine Frau ist wohl die beste Pflegerin, die ich kenne.
Mit all diesen Erlebnissen und Informationen an dem Tag des Bergfestes ist es Abend geworden. Ein schöner, sonnendurchfluteter Abend. Das Idealwetter für einen gemütlichen Abend am Lagerfeuer, aber Vorsicht, wenn die Sonne weg ist, wird es schnell frisch! Die Betreuerinnen haben deshalb dafür Sorge getragen, dass ihre Schützlinge sich warme Sachen angezogen haben, oder sie haben einfach das Regime übernommen und festgelegt, was anzuziehen ist. Nach und nach trudelten alle am Holzstapel ein, waren fröhlich und aufgeregt - eine tolle Feierstimmung.
Plötzlich, es war gerade 19:00 Uhr, eine Feuerwehrsirene heult auf und mit vollem Signal und Blaulicht rast ein Löschzug die Einfahrt von der Straße zum Lager hoch, biegt am Technikbereich in Richtung Küchenzüge ab, um dann hinter den Zelten lang unmittelbar auf unseren Lagerfeuerplatz zuzufahren. Der Gruppenführer sprang aus der Fahrerkabine und gab den Befehl: "Einsatzgruppe absitzen, Löschzug zur Branddemonstration vorbereiten!" Alles lief schnell und konzentriert ab. Die Kameraden öffneten alle Rolltüren des Aufbaus des Löschzuges, räumten Teile raus und bauten alles zur Besichtigung auf. Die Einsatzkräfte stellten sich exakt in einer Reihe vor ihrem Löschzug auf. Erst dann begrüßte der Chef der Freiwilligen Feuerwehr die Lagerteilnehmer und lud alle ein; sich die Technik anzusehen. Das war natürlich besonders für die Jungen ein tolles Erlebnis. Sie bekamen von den Kameraden der Feuerwehr alles erläutert, durften in das Fahrerhaus klettern oder wurden rein gehoben, durften die Feuerwehrhelme aufsetzen, das Sondersignal einschalten, sich, wenn auch nur für ein paar Minuten, als Feuerwehrmann fühlen. Na, und welcher Junge hat diesen Traum nicht geträumt?
Dann wurden wieder Weisungen durch den Truppführer erteilt. Das Fahrzeug wurde wieder eingeräumt und einsatzbereit gemacht. Der Truppführer lud jetzt Teilnehmer des Lagers ein, mit ihm eine kurze Einsatzfahrt zu machen. Kann man sich die Freude vorstellen, behinderte Jungen durften in einem Feuerwehrauto sitzen und eine Einsatzfahrt mitmachen! Volles Signal, Blaulicht, Martinshorn und mit aufheulendem Motor fährt das Löschfahrzeug durch den Ort. Natürlich haben sich die Einwohner erst einmal gewundert, was denn passiert sei, dann haben sie die Kinder in dem Fahrzeug gesehen und sich mit gefreut über diese gelungene Überraschung.
Es dauerte einige Zeit bis sich die Gemüter wieder beruhigt hatten, als diese Einsatzfahrten beendet waren. Die Mitfahrer haben noch lange davon geschwärmt, was wohl auch sehr verständlich ist.
Zwischenzeitlich haben unsere Leute einen großen Holzkohlegrill aufgestellt, die Holzkohle angezündet und richtig zum Glühen gebracht. Dann wurden Rostbrätel aufgelegt und Bratwürste. Erich und Max hatten die Rolle als Grillmeister übernommen. Marianne hatte schon einen großen Tiegel mit Zwiebelringen geschmort, die dann auf die Brätel gepackt werden. Wieder eine Überraschung für die Lagerteilnehmer, sie durften futtern soviel sie wollten und konnten, meist aber waren die Augen größer als der Magen. Nach einem Rostbrätel und maximal einer Bratwurst dazu eine Club-Cola oder ein Fruchtsaft und es ging nichts mehr. Satt und zufrieden setzten sich alle um das Lagerfeuer, das die Kameraden der Feuerwehr inzwischen richtig zum brennen gebracht haben. Es wurde still rund um das Lagerfeuer.
Jeder schaute begeistert in die Flammen, ließ sich von diesem Augenblick verzaubern. Eine sehr gemütliche Atmosphäre verbreitete sich. Die Gespräche der Umstehenden wurden leise geführt. Dann begann einer ein Lied anzustimmen. Ich weiß nicht wer es war, aber es war schön, als alle einfielen und mitsangen, nicht laut eher zurückhaltend vor sich hin singend und trotzdem alle zusammen. Die Stimmung übertrug sich und wurde zugleich immer fröhlicher. Die Ausstrahlung eines Lagerfeuers hat einfach alle umfangen und damit meine ich nicht nur die Wärme, die das Feuer ausstrahlte.
Ich stand etwas abseits vom
Feuer, eigentlich, um zu fotografieren, da kam ein Mädel mit ihrem Rolli
zu mir, stellte sich neben mich auf und schaute auch erst eine Zeit
verzaubert auf das Feuer. Ein hübsches Mädel mit strahlenden Augen und
blonden Locken. Ich hatte den Eindruck, ihre Behinderung störte sie im Moment überhaupt nicht.
Dann, ganz leise, als wollte sie den Augenblick nicht zerstören, sagte
sie zu mir:
Warum gibt es solche Schicksale und der große Teil der Bevölkerung sieht da nicht hin?
Ich habe so was wie Wut im Bauch und bin zugleich froh und dankbar, was kann man doch mit solch einfachen Mitteln, wie einem Lagerfeuer, für Freude bereiten?
Ich zwang mich mit einigermaßen fester Stimme zu antworten:
Wir haben lange am Feuer gesessen, merkten kaum, wie der Abend in die Nacht überging. Erst als die Kameraden der Feuerwehr einen Löschschlauch an unsere Wasserzuleitung angekoppelt hatten und unter großem Hallo das Feuer langsam ablöschten, wurde uns wieder die Realität bewusst; Die Kinder müssen ins Bett, es ist höchste Zeit!
Es dauerte trotzdem noch eine Zeit, bis die Glut funkensprühend abgelöscht war. Vorher wollte kaum einer der Teilnehmer ins Bett, da konnte die Lagerleiterin reden wie sie wollte.
Die Kameraden der Feuerwehr zogen die letzten Glutnester auseinander, löschten sie ab und zogen sich dann ganz leise in ihren Stützpunkt zurück. Der Chef des Stützpunktes Euba und ein Kamerad blieben noch als Brandwache. Ich konnte mich bei ihnen nur herzlichst bedanken und damit die Brandwache nicht zu trocken wird, habe ich noch ein paar Flaschen Bier geholt und wir haben gemeinsam auf diese Einlage angestoßen.
Ausnahmsweise durfte heute eine Stunde länger geschlafen werden. Es ist gestern spät geworden, bis Ruhe im Lager eintrat und für heute Morgen war wieder "innerbetrieblicher Ordnungsdienst" angesagt mit Wäschewechsel und großem "Stuben reinigen". Die Dusche war schon morgens angeheizt, wer wollte konnte statt waschen gleich duschen gehen. Es hatte sich alles schön eingespielt mit der Einhaltung der "Duschordnung". Bald war alles in den Zelten wieder "auf Vordermann" gebracht, schließlich hatten wir ja angehende Krankenschwestern im Einsatz und Betten machen gehört ja zum Grundhandwerk einer Pflegekraft.
Das Wetter war wieder schön, ein friedvoller Tag. Die Ereignisse des Vortages wurden allgemein diskutiert und alle fanden das Lagerfeuer als eine gelungene Sache. Die Jungens schwärmten immer noch von den "Einsatzfahrten" mit dem Löschfahrzeug, ein Erlebnis, was sie so schnell nicht vergessen werden.
Gemeinsam mit Schwester Ursel habe ich auch unseren "Gäste-Faltkoffer" nochmals kontrolliert, aber es gab nichts zu beanstanden. Unser "Reinigungskommando" hat eine gute Arbeit geleistet. Frische Blumen hatten uns die Gartennachbarn wieder über den Zaun gereicht. Einige von ihnen waren ja gestern Abend auch bei uns, haben mitgefeiert.
Nein, ich kann nicht von Gästen sprechen, es sind schon gute, fürsorgliche Nachbarn für uns, die jederzeit zu uns kommen können. Wie oft ein Korb frisches Obst oder ein Blumenstrauß einfach hingestellt wird, ich habe aufgehört es zu zählen.
Manfred erzählte mir letztens eine Episode von seiner täglichen Fahrt mit dem Bus zur Arbeit. Die Frauen, die mit dem gleichen Bus morgens zur Arbeit fahren unterhalten sich nicht etwa über die Hausarbeit oder den Garten, nein, sie fragen:" Na, was werden unsere Ferienkinder denn heute machen, hoffentlich hält das Wetter aus!" Und eine der Frauen kann dann den anderen berichten, was sie gestern im Lager gesehen und gehört hat, was die Kinder erlebt haben, ob das Essen gut war - die Nachbarn nehmen Anteil an unserem Lagerleben, das ist sehr, sehr schön. Es war ein guter Gedanke, den ersten Versuch, ein solches Lager in einer kleinen Gemeinde durchzuführen und mit der Gemeinde Euba war es wirklich ein Glückstreffer.
Es ist kurz vor 13:00 Uhr, da fährt ein taubenblau-grauer B1000-Bus unsere Einfahrt hoch. Berliner Kennzeichen - das sind Elfriede und Wilhelm Thom - sie haben ihr Versprechen einhalten können! Beide sehen etwas abgespannt aus, Elfriede Thom, weil ja der neue Motor richtig eingefahren werden musste und Wilhelm Thom war die Fahrstrecke auch anzusehen. Ich habe sie nur kurz begrüßt und dann gleich gebeten, mit dem Wagen bis vor unser "Gästehaus" zu fahren. Die Ankunft blieb natürlich im Lager nicht unbemerkt und viele der Teilnehmer kamen heran und wollten das Schriftstellerpaar sehen und begrüßen. Wilhelm Thom musste mit seinem Rollstuhl rückwärts über eine Rampe aus dem B1000-Bus raus fahren, das war gar nicht so einfach, aber etwas Übung hatte er ja schon und es klappte alles. Herr Thom begrüßte die Umstehenden freundlich und bedankte sich für die Einladung, während seine Frau eine Menge Sachen ausladen musste. Sie hatte unter anderem einen Personenlifter dabei, mit dem sie ihren Mann ohne wesentlichen Kraftaufwand alleine aus dem Rollstuhl heben und im Bett ablegen kann.
Ich konnte das Ehepaar Thom mit der Lagerleitung bekannt machen, die Umstehenden bat ich, vorerst Thoms etwas Ruhe zu gönnen, Zeit, dass sie sich einrichten können, etwas essen und etwas Ruhe haben. Frau Thom bewunderte als Erste unser "Gästehaus", ich zeigte ihr die Räumlichkeiten und die technischen Möglichkeiten wie Licht, Wasser, Heizung, Lüftung. Dann brachte sie ihren Mann über die Rampen, die Roland extra für die Faltkoffer gebaut hatte, in den vorbereiteten Ruheraum. Wir hatten selbstverständlich die Fenster von innen abgehangen, damit sie ungestört ihren Mann mit Hilfe des Lifters in das Bett legen konnte. Es wurde auch Zeit, denn man sah ihm die Schwierigkeit an, die die Anreise mit sich gebracht hatte.
Erst dann gingen wir zusammen zur Küche, ich stellte ihr unsere Küchenbesatzung vor und bat sie, sie möge frei verfügen, was sie für sich und ihren Gatten haben möchte. Erst wollte sie gar nichts haben, sie habe ja noch belegte Brote dabei, meinte sie, aber da kannte sie unsere Küchenbesatzung noch nicht. Es wurde regelrecht protestiert, weil sie unsere Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollte, dabei wollte sie uns ja nur keine zusätzlichen Scherereien machen. Schließlich hat Marianne nicht locker gelassen, die Essenswünsche aus Frau Thom herausgelockt und sich sofort an die Zubereitung gemacht. Zwanzig Minuten später konnte unser angehender Hotelfachmann, Uwe, das Mittagessen im "Gästehaus" servieren.
Unser Vizepräsident war auch eingetroffen und hatte weitere Gäste mitgebracht. Wir konnten unseren Generalsekretär, Kamerad Hengst, begrüßen sowie einen weiteren leitenden Mitarbeiter des Generalsekretariates. Unsere Gäste wurden erst mal richtig bewirtet, wie es sich für solche hohen Gäste gehört, schließlich hatten sie auch noch nicht zu Mittag gegessen, das war natürlich für unsere Küche das Signal, sich von der besten Seite zu zeigen. Im Lager war jetzt sowieso Mittagsruhe, also Zeit in aller Ruhe was zu essen und anschließend mit Kamerad Hengst und Begleiter eine Runde durch das Lager zu machen.
Kamerad Dr. Hagemoser unterhielt sich inzwischen mit der Lagerleitung, informierte sich, ob gestern Abend alles gut abgelaufen war, denn bis zum Schluss konnte er ja leider nicht da bleiben.
Dann war es soweit, ich hatte das Vergnügen unseren Vizepräsidenten, Kamerad Dr. Hagemoser, unseren Generalsekretär, Kamerad Hengst, Kurt, den Parteisekretär, die Bürgermeisterin von Euba und weitere Gäste dem Ehepaar Thom vorzustellen. Es war eine herzliche Begrüßung, so als kannten sich alle schon eine Ewigkeit. Wilhelm Thom wurde natürlich ständig von unseren Teilnehmern umringt, es war eine Atmosphäre, wie sie nur unter Freunden und Gleichgesinnten zu erleben ist. Natürlich wurden viele, viele Fragen gestellt; "Wie hast Du, Genosse Thom, die Kraft gehabt, das Buch zu schreiben?, Wie hast Du es überhaupt geschafft, deine gelähmten Muskelpartien so zu aktivieren, dass Du den Arm anheben kannst? Wie viel Zeit hast Du gebraucht, um eine Seite zu schreiben?
Die Fragen nahmen kein Ende, bis er seine Frau bat, ihm doch mal seine Schreibmaschine und die Schreibhilfe zu bringen, damit er das demonstrieren kann. Ein Holzgriff von einem Korkenzieher, die Metallspirale entfernt und dafür an einem Ende einen kleinen Stift eingesetzt und damit bearbeitet Herr Thom dann die Tastatur mit der zur Faust geballten Hand, wie mit einem Stechwerkzeug, nur dass er bei jedem Buchstabe zielen muss, um die richtige Taste zu treffen, etwa vergleichsweise, als wenn wir im "Adlersystem" schreiben lernen: Buchstaben anvisieren, Hand leicht zur Faust geballt und ein Finger zum Sturzflug dann auf die Taste.
Eine Zeile bedeutet zirka 80 mal zielen und genau den Buchstaben treffen, den man treffen möchte und das mit einem Arm und einer Hand, in dem man kein Gefühl mehr hat und die Muskeln nur mit richtiger körperlicher Gewalt angespannt werden können, wie ein mechanisches Werkzeug. Eine unglaubliche Willensstärke ist da wohl nötig, denn dabei muss man ja noch die Gedanken auf das konzentrieren, was man gerade schreiben will.
Die Demonstration löste allgemeine Bewunderung aus und die Achtung vor dem Schriftsteller Wilhelm Thom stieg noch mehr. Aber auch vor seiner Frau, denn eine neue Seite Papier einspannen, das Geschriebene lesen und sortieren, all die Arbeiten musste sie ja machen. Nicht nur ich habe vor dieser Frau alle Hochachtung, denn sie war ja nicht nur "Sekretärin", sie war ja die persönliche Pflegerin 24 Stunden am Tag (und das 25 Jahre lang!), sie war Hausfrau und Mutter zweier Kinder, die zwar schon, jetzt wo wir uns kennenlernten, fast erwachsen waren, aber ihre Mutter trotzdem noch brauchten.
Während Herr Thom immer noch von unseren Kindern umringt ist und sich mit ihnen unterhält, zeigt uns Frau Thom, welche Hilfsmittel ihr zur Pflege des Ehemannes zur Verfügung stehen, denn dieser, doch eher zierlichen Frau, ist es kaum zuzumuten, ihren, na sagen wir "gewichtigen" Ehemann alleine aus dem Rollstuhl zu heben und in das Bett zu legen.
Sie verfügt seit einiger Zeit über einen Lifter. Mit diesem Gerät kann sie Ihren Mann, wie mit einem Kran, aus dem Rollstuhl heben und mit dem Lifter auf einigermaßen glattem Untergrund sogar ein paar Meter hin und her fahren, auf alle Fälle aber sicher in das Bett legen und die meiste Zeit des Tages musste Herr Thom ja liegen, weil er sonst zu starke Kreislaufstörungen bekommt.
Für uns war diese Demonstration sehr lehrreich, denn bis zu diesem Augenblick konnte ich mir unter einem Personenlifter eigentlich nicht viel vorstellen (es gab noch kein Internet, dass man hätte den Begriff googeln können).
Herr Thom musste wieder in die Waagerechte, also Vorführung beenden und Rückzug unserer Gäste in den MUS-Faltkoffer. Ich habe mir von Frau Thom bestätigen lassen, dass der vorhandene Platz schon ausreichend ist, um auch so schwerbehinderte Menschen zu pflegen und zu betten.
Zum Abendessen waren Thoms wieder auf der Bildfläche, Wilhelm Thom hatte sich erholt und war damit einverstanden, dass wir eine ausgiebige Runde durch das Lager machen.
Er ließ sich alles erklären und da, wo er ran oder rein fahren konnte, nutzte er die Gelegenheit, sich alles genau anzusehen. Auch unser "Glanzstück" - Toilettenwagen wurde inspiziert und für gut befunden. Die Möglichkeit, dass ein Helfer hinter das Becken für den Behinderten treten kann, wurde besonders gelobt, denn so war jederzeit eine Hilfeleistung möglich. Auch die Einteilung der Zelte, dass wir Behinderte und Nichtbehinderte zusammengelegt haben, lobte das Ehepaar Thom, dadurch konnten "Berührungsängste" gar nicht erst aufkommen. Schließlich baten sie, das Abendbrot mit im Speisezelt einzunehmen. Das ehrte uns sehr, denn so konnten sie erleben, wie unsere Lagerteilnehmer versorgt werden.
Wir haben dann noch einige Zeit vor dem "Gästehaus" zusammen gesessen und geklönt, bevor es Zeit wurde sich auf die Nacht vorzubereiten.
Für heute Nachmittag war die Lesung durch das Ehepaar Thom angesetzt. Alle waren darauf gespannt. In der Turnhalle haben wir Stuhlreihen aufgestellt, vorn einen Tisch als Ersatz für ein Rednerpult. Heinz hat eine Mikrophonanlage aufgebaut und wollte die ganze Lesung und anschließende Diskussionsrunde auf Tonband mitschneiden. Die erforderliche Technik hatte er installiert und einen Soundcheck gemacht. "Ecke" hatte ein paar Blümchen für Frau Thom mitgebracht - es war alles vorbereitet.
Als Wilhelm Thom, gefolgt von seiner Frau, in die Turnhalle rein rollte, kam Beifall auf - die Gäste wurden herzlich begrüßt und das schaffte eine Stimmung zwischen Vortragenden und Hörern, die spannungsvoll und doch warmherzig war.
Eine kurze offizielle Begrüßung meinerseits, ein paar Blümchen für die Dame und Wilhelm Thom ergriff das Wort. Er erzählte ganz kurz die Vorgeschichte zu seinem Buch, erwähnte den Unfall in Berlin auf dem Adlergestell und die Probleme, die er während seiner Rehabilitation hatte. Dabei ließ er nicht unerwähnt, dass er durch seine Funktion als Cheftrainer beim Armeesportklub durchaus eine Bevorzugung erlebt hat gegenüber anderen Geschädigten. Aber die persönlichen Schwierigkeiten sind dadurch nicht weniger gewesen. Er dankte seiner Frau, die sehr viel Mut bewiesen hatte und immer wieder hat, um die Pflege zu bewältigen.
Dann wählte er einen Ausschnitt aus seinem Buch "Rückkehr ins Leben" und las vielleicht eine dreiviertel Stunde. In der Turnhalle war es mucksmäuschenstill, man hätte eine Nadel fallen hören können. Der eine oder andere Betroffene nickte mal zustimmend, mal unsicher mit dem Kopf, denn nicht alle hatten offensichtlich solch eine bevorzugte Rehabilitation erlebt, aber alle Behinderten haben irgendwie die gleichen Probleme durchlebt.
Als Wilhelm Thom zu Ende war mit dem Auszug, Frau Thom noch einige Anmerkung von ihrer Seite gemacht hatte, herrschte erst eine ganze Zeit noch absolute Ruhe. Jeder der Zuhörer musste das Gehörte erst verarbeiten, auf sich wirken lassen, bevor die Diskussion begann. Anfangs schüchtern, doch dann immer offener kamen die Fragen. Fragen, nicht so sehr zur Rehabilitation, sondern gezielt Fragen zum familiären Zusammenleben, zur Bewältigung des Pflegeaufwandes, Fragen, wie die Familie dieses einschneidende Ereignis verarbeitet hat, wie die Kinder von Thoms das erlebt und verarbeitet haben.
Auf alle Fragen haben Thoms sehr offen und ehrlich geantwortet. Sie haben von sehr schwierigen Augenblicken in ihrem Leben gesprochen, aber auch immer wieder von der Hilfsbereitschaft der Mitmenschen und gingen dabei auch auf die Eindrücke ein, die sie hier im Lager in der kurzen Zeit ihres Besuches erlebt haben. Sie dankten im Namen der Teilnehmer dem Präsidium des DRK der DDR, dass dieses Lager ermöglicht wurde, und dass sie mit besonderer Freude die Einladung zur Lesung in diesem Rahmen angenommen haben.
Zum Schluss dankten die Zuhörer dem Ehepaar Thom mit einem lang anhaltenden Applaus für die Lesung.
Die Lagerleitung bereitete schon für den nächsten Tag ein Sportfest vor. Alle sollten sich daran beteiligen können, also wurden Wettkämpfe ausgesucht, die von Behinderten absolviert werden können und auch solche, bei denen sich Nichtbehinderte beteiligen können.
Heute startet ein Sportfest. Gleich nach dem Frühstück trafen sich die Teilnehmer an einzelnen Stationen. Für die Behinderten war ein Parcours in der Turnhalle aufgebaut, den sie mit ihren Rollstühlen bewältigen mussten. Die Nichtbehinderten konnten bei Interesse diese Prüfung auch absolvieren. Wir hatten ja "Reserve-Rollis", da wurden sie rein gesetzt und wegen der Chancengleichheit wurden ihnen die Unterschenkel mit einer Bandage fixiert. So war die Strecke doch ganz schön anstrengend, zumal die Übung fehlte, die unsere Rolli-Kinder zwangsweise haben. Aber Spaß hat die Sache gemacht, es wurde sehr viel dabei gelacht und angefeuert, wenn die Kurven um die Hindernisse nicht exakt genommen wurden.
Draußen wurde der Dartmeister auserkoren, es wurde Ball-Zielwurf gemacht oder Würfeln mit großen Schaumstoffwürfeln. Alles Wettkampfspiele, wo sich eigentlich alle beteiligen konnten. Außen vor blieben Spiele, die hätten so was wie Neid aufkommen lassen können, wie zum Beispiel Fußballtorschießen. Die Organisatoren wollten auf alle Fälle vermeiden, dass zwischen den Teilnehmern eine ungesunde Rivalität auftritt. Sportlicher Wettkampf - ja, aber im ehrlichen Vergleich.
Der ganze Vormittag ging damit hin. Alle waren beschäftigt und es herrschte eine ausgelassene fröhliche Stimmung unter den Teilnehmern. Die Betreuerinnen feuerten natürlich ihre Schützlinge besonders an und auch die nichtbehinderten Bettnachbarn brüllten fleißig, wenn ihr Kumpel (oder Kumpeline) im Wettkampf war.
Kamerad Dr. Hagemoser hatte sich wiederum die Zeit genommen, um auch zu diesem Ereignis im Lager zu sein. Mitgebracht hatte er drei Kartons, die er geheimnisvoll bei mir im Zelt abstellte. Ein Karton beinhaltete Souvenirs des Roten Kreuzes, die allseits sehr begehrte "Gesundheitshelferpuppe" - eine zirka 13 Zentimeter große Puppe mit langen blonden Haaren, die als Gesundheitshelferin in der typischen DRK-Kleidung viel Anklang bei den Menschen fand, die als Dank für ihre Einsatzbereitschaft damit bedacht wurden. Uns hatte der Vizepräsident diese Puppen mitgebracht, um denen Dank sagen zu können, die sich für dieses Lager eingesetzt haben. Dazu unseren Wimpel - es sollte einfach eine kleine Aufmerksamkeit sein.
Die anderen beiden Kartons habe ich möglichst unauffällig zu unserem "Gästehaus" getragen. Wilhelm und Elfriede Thom waren ausgeruht, hatten ganz gemütlich gefrühstückt, er hatte seine morgendlichen Übungen gemacht - ein ruhiger Vormittag. Ich hatte in Abstimmung mit Kamerad Dr. Hagemoser ein "Attentat" auf Wilhelm Thom vor, dem er gerne nachkam. Unser Vizepräsident hatte nämlich noch irgendwo 45 Exemplare des Buches "Rückkehr ins Leben" aufgetrieben und die Bitte, das Wilhelm Thom jedes der Exemplare signieren möchte. Dieser Bitte kam Herr Thom natürlich gerne nach, auch wenn es schon wieder eine Anstrengung war, 45 mal mit einem dicken Filzstift sein W. Thom zu schreiben.
Nach dem Mittagessen und einer ausnahmsweise verkürzten Mittagsruhe fand dann die Siegerehrung der Besten des Sportfestes statt.
Unter viel Beifall nahmen die Sieger ihre Urkunden und Medaillen entgegen.
Zum Schluss konnte Kamerad Dr. Hagemoser jedem Teilnehmer das Buch von Wilhelm und Elfriede Thom mit der persönlichen Signatur überreichen.
Wieder eine gelungene Veranstaltung, alle waren zufrieden. Die Ausgezeichneten trugen stolz ihre Medaillen und es wurde sofort mit Lesen in dem eben erhaltenen neuen Buch begonnen. Viele der Behinderten konnten vergleichend mit ihrer eigenen Leidensgeschichte die Darstellung von Wilhelm Thom bestätigen. Oft ist es ihnen ja genauso ergangen. Gerade die Teilnehmer, deren Behinderung durch Unfall- oder Sportverletzungen eingetreten sind.
Das Ehepaar Thom nahm sich noch viel Zeit, um mit unseren Teilnehmern zu sprechen, aus eigenem Erleben Hinweise zu geben, oder einfach Mut zu machen. Kommt so ein Ratschlag von einem Menschen, der ebenfalls geschädigt ist, wird er ganz anders angenommen, als wenn Menschen, die keine solche Behinderung haben "kluge" Ratschläge geben. Oft ist da das Gefühl; der soll das erst mal mitmachen, was ich durch habe, ehe er mir einen Rat gibt!
Man braucht eine Menge Feingefühl, wenn man einem Behinderten helfen will, ihm einen Rat geben will. Meist kommen die Behinderten selbst auf einen von uns zu und sagen "Bitte", wenn sie Hilfe brauchen, andererseits wollen sie sich aber auch immer wieder selbst beweisen.
Wir wollten mit diesem Lager und allen durchgeführten Aktionen beweisen, dass es möglich ist, auch als Behinderter solche Ferien zu machen. Sicher, wir hatten die volle Unterstützung des Präsidiums und des Generalsekretariates unserer Organisation aber auch diese Unterstützung musste mit Leben erfüllt werden. Allein die Zeit, die unser Vizepräsident neben all seinen täglichen Aufgaben und Verantwortung aufbrachte, um im Lager präsent zu sein, ist sehr anerkennenswert.
Das Ehepaar Thom rüstete zur Heimreise. Wir haben den Besuch als eine tolle Unterstützung in unseren Bemühungen angesehen und waren ausgesprochen dankbar, dafür, dass sie die Strapazen der Reise auf sich genommen haben, um unseren Behinderten ein Vorbild zu sein, das erlebbar ist. Viele der Teilnehmer standen um dem B1000 und wollten sich persönlich verabschieden. Das Händeschütteln wollte kaum ein Ende nehmen, bis Frau Thom konsequent ihrem Mann die Weisung erteilte, in den Fahrgastraum zu rollen, den Rollstuhl mit Wilhelm Thom sicherte, um dann den Motor zu starten und langsam aus dem Lager zu fahren. Wir haben noch lange hinterher gewunken, denn es war wohl ein Höhepunkt im Lagerleben, dieses Zusammentreffen von behindertem Schriftsteller und unseren Teilnehmern. Wie sich später zeigen wird, hat dieses Zusammentreffen auch bei den Besuchern einen tiefen Eindruck hinterlassen. In dem zweiten Teil seines Berichtes, dem Buch: "Mitten im Leben", widmet Wilhelm Thom diesem Besuch doch eine ausführliche Würdigung.
Unser Lagerleben geht weiter, wir haben ja noch fast eine ganze Woche Ferienzeit vor uns und die wollen wir so angenehm wie nur möglich nutzen.
Es ist schon zu einer täglichen Selbstverständlichkeit geworden, dass unsere Lagerärztin unauffällig, aber liebevoll, freundlich und doch für jeden ein offenes Ohr hat und durch die Zelte geht. Alle Teilnehmer und besonderes unsere Behinderten werden so täglich auf ihren Gesundheitszustand überwacht. Für uns ist es angenehm, wenn sie nach ihrem Rundgang feststellt, dass er eigentlich nicht notwendig war.
Die Teilnehmer haben immer mehr Vertrauen auch zu uns gefasst. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, und das machen eigentlich alle Kameradinnen und Kameraden des technischen Personals, wenn es die Zeit zulässt, dann erzählen sie manchmal von alleine, wie es zu der Behinderung gekommen ist. Der eine Junge ist beim Schulsport so ungünstig vom Stufenbarren gestürzt, dass er eine Querschnittslähmung erlitt, ein anderer hat einen Badeunfall erlitten, Impfschäden, Verkehrsunfälle, einige sind auch von Geburt an behindert. Es ist schon hart, wenn man diese jungen Menschen erlebt und doch wieder bewundernswert, wie sie mit ihrer Behinderung umgehen und lernen, das Leben zu meistern.
Wir gewähren unseren Teilnehmern soviel Selbständigkeit wie nur möglich. Wenn eine kleine Gruppe in der Stadt bummeln will, organisieren wir selbstverständlich den Transport hin und zurück. Wir haben ja die Möglichkeit, auf dem gekennzeichneten Parkplatz die Fahrzeuge jederzeit problemlos abzustellen. Dasselbe ist, wenn eine Gruppe baden will, da ist nur das Wetter ein entscheidender Faktor, sonst klappt alles nach Wunsch. Das selbständige Entscheiden, was der Teilnehmer machen möchte, ist für uns immer wieder eine zu lösende Aufgabe. Es wurden keine Einzelgänger unterstützt, nein, immer kleine Gruppen. Die jeweiligen Betreuerinnen waren selbstverständlich immer dabei. Es ist meist gelungen, diese Aufgabe zu lösen, den Wunsch zu erfüllen und darauf sind wir stolz, das ist beim Ausflug so, aber auch beim Essen. Hat ein Teilnehmer einen besonderen Wunsch - ich denke da zum Beispiel an Eierkuchen - dann hat Marianne, unser "Küchen-wunder", sich hingestellt und hat Eierkuchen gebacken.
Richtig schönes "Wunschkonzert" war das manchmal. Marianne hat alles möglich gemacht. Aber ich kenne sie nicht anders. Ihre selbstverständliche Hilfsbereitschaft, für andere da zu sein, zeichnet sie immer wieder aus. Sie hat aber auch immer was zu schaffen, wenn nicht in der Küche, dann beim Abwasch. Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube sie hat nicht einmal die Zeit gefunden, in diesen Wochen in die Stadt zu kommen und zu bummeln. Ihr ging das Wohl unserer Kinder über alles.
Genauso hilfsbereit waren auch "Ecke" und Roland. Wenn die einen Augenblick frei hatten, dann waren sie bestimmt bei den Kindern zu finden. Es ist ein Erlebnis, mit solchen Kameraden arbeiten zu dürfen. Die kennen im Einsatz keinen Feierabend, die sind da, wenn man sie braucht.
Diesen Sonnabend hatte die Lagerleitung schon Anfang der Woche zum "Besuchertag" auserkoren. Die Teilnehmer konnten ihre Eltern, Angehörigen oder Freunde einladen, sie im Lager zu besuchen und so zu erleben, wie sie diese Ferien verleben können.
Die ersten Besucher waren meist junge Männer, nämlich die Freunde unserer Betreuerinnen. Na ja, die Freundin so zweieinhalb Wochen nicht sehen zu können, das ist schon schmerzlich. Da waren die meisten "Kerle" natürlich sofort da, mussten aber in Kauf nehmen, dass gegebenenfalls noch ein (Rolli-)Junge dabei war, denn von ihren Betreuerpflichten haben wir die Mädels nicht entlassen.
Eine Reihe Eltern oder Geschwister unserer Teilnehmer nutzten die Gelegenheit zum Besuch im Lager. Die Eltern von Peter, der Sohn der Zahnarzt-Familie, kamen frisch erholt direkt aus dem "Zufallsurlaub", den der Herr Doktor kurzfristig für seine Frau und sich organisiert hatte. Die beiden Geschwister waren auch mit dem Opa gekommen. Es war ein richtiges Familientreffen. Natürlich, die Mutti war mehr aufgeregt als ihr Peter. Der war aber ganz stolz, seiner Familie alles im Lager zeigen und erklären zu dürfen. Der Herr Doktor war so glücklich darüber, dass er mit seiner Frau seit dreizehn Jahren wieder mal einen richtigen Urlaub machen konnte, ohne Sorge um die Kinder, insbesondere ihren behinderten Sohn, dass er mir im Überschwang der Freude hundert Mark als Dankeschön zustecken wollte (hundert Mark waren damals viel "Trinkgeld", wenn man bedenkt, dass der Monatsgehalt eines Mitarbeiters so etwa 650,- bis 700,- Mark war). Trotzdem, habe ich das abgewiesen mit der Begründung, dass wir das Lager im Auftrag des Präsidiums des DRK der DDR durchführen. Wenn die Eltern zufrieden sind, sich Sohn Peter bei uns im Lager wohl und gut betreut fühlt, dann kann er gerne eine Spende dem Roten Kreuz zukommen lassen. Für uns ist diese Aufgabe hier unsere Arbeit und die machen wir so gut wie nur irgend möglich. So richtig wollte es der Herr Doktor anfänglich nicht verstehen. Ich weiß, er wollte einfach seine Dankbarkeit damit ausdrücken, aber wir freuen uns, wenn alles gut klappt, Teilnehmer und Angehörige zufrieden sind und dieser Ferienaufenthalt auch später noch eine Erinnerung bleibt.
Unsere Kameradinnen und Kameraden des Jugendzuges und einige Betreuerinnen haben einzelne Stationen der Technik besetzt, um diese den Besuchern zu erläutern. Sie hatten unseren Filmwagen aufgebaut, die Projektoren eingerichtet und spielten in ein Zelt hinein Filme ab. Die Betreuerinnen haben an unserem MUS-Faltkoffer - die natürlich viel Interesse finden - eine kleine medizinische Station aufgebaut und bieten Blutdruckmessungen an, demonstrieren die Handhabung eines EKG-Gerätes und die Handhabung eines Sauerstoffgerätes, geben Hinweise in der Ersten Hilfe oder zeigen schulmäßige Verbandstechniken. Der Nachrichtenwagen wird genauso bestaunt. Hier hat aber Heinz das Regime selber in der Hand behalten.
Zu meiner Überraschung kam erst der Chefkoch von der Gaststätte auf der Augustusburg mit der ganzen Familie aus Karl-Marx-Stadt. Er interessierte sich natürlich besonders für unsere Küchentechnik, während seine Söhne durch das ganze Lager streiften.
Später durfte ich auch die Frau Oberin und zwei ihrer engsten Mitarbeiterinnen aus dem Krankenhaus Karl-Marx-Stadt begrüßen. Der Termin war nicht abgesprochen, aber es freute mich, dass sie ihre Zusage eingehalten haben. Die eine begleitende Dame ist übrigens für die praktische Ausbildung unserer Betreuerinnen mit zuständig. Sie freute sich über die spontane Aktion, die die Mädels an unserem MUS-Faltkoffer durchführten.
Bei einem sehr ausführlichen Rundgang konnten wir die Frau Oberin doch einigermaßen beeindrucken, welche Bedingungen wir zur Pflege und Betreuung unserer Teilnehmer bereitgestellt haben. So umfangreich hatte sie sich das Lager nicht vorgestellt. Natürlich kontrollierte sie gleich die Einsatzfähigkeit ihrer Schülerinnen, die von diesem Besuch genauso überrascht waren. Da wurde schon mal eine Bettdecke angehoben, um zu sehen, ob das Laken auch richtig gespannt war und die Unterlage sauber ist, oder sie sprach Behinderte direkt an und informierte sich, wo und wie sie sich waschen, beziehungsweise gewaschen werden - halt so richtig "Frau Oberin". Sogar, ob die Bettpfannen richtig sauber waren und die Urinflaschen nach Desinfektionsmittel rochen wurde kontrolliert (und Wofasept- Desinfektionsmittel riecht unverkennbar).
Aber, wir bekamen ein sehr wohlwollendes Urteil und sie wurde dafür mit ihrer Begleitung zu einer gemütlichen Tasse Kaffee eingeladen. Das war jetzt Uwes Stunde, jetzt konnte er zeigen, was für ein künftiger Hotelfachmann in ihm steckt - und er hat es gezeigt! Frau Oberin und ihre Begleitung waren ganz begeistert, wie vorzüglich sie bei uns bewirtet wurden.
Noch ein kurzes Gespräch mit Gisela, unserer Fachlehrerin und zur Zeit Mitglied der Lagerleitung, sie kannten sich von dienstlichen Begegnungen und Frau Oberin war voll des Lobes über das Lager und sehr zufrieden mit der Arbeit, die ihre Schülerinnen hier leisten. Was wollten wir noch mehr?
Wir begleiteten die Damen zu ihrem Auto, ganz bescheiden, ein PKW Trabant, Frau Oberin steuerte selbst. Ich bedankte mich nochmals für den Besuch und die wirklich wertvollen Hinweise zur weiteren Verbesserung der Pflege von Behinderten in solch einem Lager, denn es könnte ja sein, dass wir in den kommenden Jahren wieder solch einen Auftrag erhalten. So empfahl sie, unbedingt elektrische Wärmedecken zu beschaffen, damit man bei Wetterumschwüngen, wie letztens das Unwetter, sofort die Behinderten warm einpacken kann. Zur Sicherheit müsste eine Vakuummatratze zur Verfügung stehen, oder auch einfache Pflegehilfsmittel, wie Schnabeltassen sollten verfügbar sein sowie ein Nachtstuhl, alles Hilfsmittel, die in der Pflege von Behinderten eigentlich unumgänglich sind. Es ist schon so, eine langjährig erfahrene Pflegeleiterin sieht auf Anhieb, was zu verbessern wäre.
Trotzdem, auf das Lob der Frau Oberin und ihrer Begleitung sind wir schon ein wenig stolz!
Es ist inzwischen später Nachmittag geworden, die meisten auswärtigen Besucher mussten sich verabschieden und die Heimfahrt antreten. Komisch, ich habe bei unseren Teilnehmern kaum eine Träne im Auge gesehen, offensichtlich freuten sie sich noch einige Tage hier Ferien zu haben.
Ein paar Bewohner vom Dorf waren noch im Lager. Sie haben die Gelegenheit genutzt sich das Lager auch mal anzusehen und Ronald, unser "Zusatz-Teilnehmer" war natürlich in Hochform. Er kannte die Bewohner, sie kannten ihn und er konnte ganz stolz das ganze Lager zeigen und hatte überall was zu erzählen. Er war richtig aufgeblüht, seine sonstige Zurückhaltung war völlig verflogen und er erzählte ungehemmt. Als dann noch seine Oma kam - offensichtlich auch überraschend - da war Ronald der Größte. Seiner Oma zeigen, wo er Ferien macht, das war doch was. Er machte seine Runde, begann im Technikbereich (ausnahmsweise an diesem Tag für Besucher frei gegeben), stellte jede Kameradin und Kameraden der Oma namentlich vor. Für die Eubaer war er doch heute so etwas wie der Mittelpunkt. Dann wurde die Oma durch das ganze Lager "geschleift". Die alte Dame tat mir fast leid, aber Ronald war doch so stolz, diese Freude wollte ich ihm auch nicht nehmen.
Zum Abendbrot war dann wieder Ruhe im Lager eingekehrt. Unsere Küchenbesatzung hatte den Grill wieder angeheizt und es gab zum Abendbrot Grillsteaks und Bratwürste. Schon wieder richtig gut essen, das wird von allen Lagerinsassen natürlich freudig angenommen und meine Mühe zur Beschaffung der Holzkohle war nicht umsonst.
Der Sonntag wird ein richtiger "Faulenzer-Sonntag". Für unseren jungen Freund haben wir wieder den Besuch des Gottesdienstes gesichert, dieses Mal allerdings in Niederwiesa. Der Herr Pfarrer muss möglicherweise mehrere Gemeinden besuchen. Aber das ist für uns auch kein Problem. Der Wunsch eines unserer Teilnehmer ist entscheidend.
Faulenzer-Sonntag heißt aber nicht, dass es kein Programm gibt, das gibt es jeden Tag, nur an diesem Sonntag eben ohne Ausflugsplanungen. Trotzdem, wie immer, wenn eine kleine Gruppe in die Stadt will - alles kein Thema, Bedarf anmelden und wenn ein Wagen oder auch zwei Wagen da sind, wird gefahren. Die Anderen machen es sich im Lager bequem.
Da wird eine Partie Schach gespielt. Ein Partner findet sich immer, oder es wird gebastelt, gemalt, einfach die Zeit im Freien verbracht. Die Betreuerinnen nahmen ihre Aufgaben wirklich ernst, es machte ihnen aber auch Freude die Behinderten richtig zu bemuttern und wenn es beim ersten Versuch nicht klappte, dann wurde so lange probiert, bis der Schützling ein Erfolgserlebnis hatte. Diese Fürsorge ist so rührend und zugleich so selbstverständlich als wäre es nie anders gewesen. Die Nichtbehinderten banden sich in dieses Zusammenspiel wunderbar ein. Wir können auf solche Mitglieder des Roten Kreuzes und seiner Rot-Kreuz-Jugend richtig stolz sein. Die Entscheidung, die Nichtbehinderten aus dem gleichen Bezirk einzuladen, aus dem die Behinderten sind, war eine völlig richtige Entscheidung. Es wurden Freundschaften gegründet, für die man nur hoffen kann, dass sie lange halten, denn solche Kontakte sind im Leben sehr wichtig. Gerade in der Altersgruppe, wie wir sie eingeladen haben, ist es eine Kameradschaft zwischen Behinderten und Nichtbehinderten eine wichtige Lebenshilfe für beide Seiten.
Jeden Tag 17 bis 18 Stunden in höchster Anspannung, damit alles einwandfrei klappt, das bringt manchen schon an seine Leistungsgrenzen. Karl-Heinz, der Leiter der Grundorganisation Leipzig-Süd, und meine Stütze bei der Durchsetzung der inneren Ordnung im Lager, musste Mitte der letzten Woche zurück nach Leipzig. Sein Chef, der technische Direktor vom Hotel, hat ihn zurückbeordert, da ein Mitarbeiter im Bereich für längere Zeit ausgefallen ist. Also, habe ich mich auch intensiver um die Einsatzkräfte des Jugendzuges zu kümmern. Es sind schließlich auch nur Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren, die nicht nur die Einsatzaufgabe im Kopf haben.
Um etwas abschalten zu können, habe ich mir am Nachmittag ausnahmsweise zwei Stunden frei genommen und bin in aller Ruhe durch den Ort geschlendert. Das muss auch mal sein, durchatmen, an die eigene Familie denken, die nun schon wieder eine geraume Zeit ohne Vater auskommen (muss?), abschalten von der täglichen Hektik, etwas Zeit haben, um sich selbst wieder zu finden, und da ist ein Spaziergang ganz erholsam. Bei meinen Kameraden habe ich mich abgemeldet, die kommen auch alleine zurecht. Ich hatte mir erzählen lassen, dass es in Euba früher eine Reihe Mühlen gegeben hat, also interessierten mich insbesondere alte Häuser, die früher Mühlen gewesen sein könnten. Fast am Dorfausgang in Richtung Niederwiesa fand ich ein charakteristisches Haus auf der rechten Straßenreihe, das noch ein sehr schönes altes Fachwerk hatte.
Ich stand am Zaun und suchte eine gute Stelle zum fotografieren, da sprach mit der Bewohner des Hauses, der im Garten Holzstücke gespalten hat, an. Wir kamen ins Gespräch, wegen meiner Dienstkleidung erkannte er sofort, dass ich zur Lagerbesatzung gehöre. Nach dem "Woher" und was der Hilfszug eigentlich für eine Einrichtung ist, lud er mich in den Garten ein. Ein sehr gut gepflegter Garten, aber ich war neugierig geworden, was für Holz das ist was er gerade gespalten hat und dabei jedes Stück genau ansah.
Wenn es nur Brennholz
werden sollte, wird es sicher nicht so intensiv kontrolliert.
Schließlich habe ich ja irgendwann mal ein Handwerk erlernt, als Bau-
und Möbeltischler, da steckt die Neugierde nach Holzarten einfach drin.
Noch konnte ich mir keinen allzu großen Reim darauf machen. Drechselbank - ja da hatte ich eine Vorstellung, aber Drehbank und Obstgehölz - wo ist da ein Zusammenhang?
Ich wurde schnell aufgeklärt, man dreht auf der Drehbank kleine Kunstwerke!
Diese, den Amphoren nachempfundenen, wunderschönen Arbeiten, erhalten durch die Auswahl des Obstgehölzes eine ganz besondere Zeichnung der Holzmaserung, dafür muss man ein Auge bereits bei der Holzauswahl haben, um dann diese kleinen Kunstwerke herstellen zu können, wobei die größte dieser Holzvasen nicht mehr als 7 bis 8 cm hoch ist, die kleinste vielleicht 2 bis 2,5 cm. Eine ganz besondere Oberflächenbehandlung, kein Farblack, sondern naturell behandelt mit einer selbst entwickelten Wachsmischung, einfach wunderbar!
Ich greife der Zeit wieder kurz voraus.
Als ich etwa sechs Wochen später die Ehre hatte, anlässlich einer feierlichen Auszeichnung der Gemeinde Euba mit einer Ehrenurkunde des Präsidiums des DRK der DDR, im Rahmenprogramm einen Dia-Vortrag über das Lager zu halten, schenkte mir anschließend der Künstler drei dieser kleinen Kunstwerke und sie sind nach nunmehr 33 Jahren immer noch eine Zierde in meinem Wohnzimmer und eine wunderschöne Erinnerung.
Zurück in die Werkstatt des Hobby-Künstlers. Wir haben uns intensiv über die Holzauswahl, die Lagerung zur Trocknung und schließlich die Verarbeitung und die Oberflächenbearbeitung unterhalten. Es war sehr interessant und das Gespräch hat mich von meiner täglichen Hektik im Lager etwas Abstand gewinnen lassen. Eine wirklich erholsame Pause.
Nach zwei Stunden war ich wieder zurück und habe mich auch wieder über die Aufgabe im Lager gefreut. Ein Kontrollgang war zu absolvieren, ob alles in und an den Zelten in Ordnung ist, die Fensterabdeckungen an den Zelten richtig aufgerollt sind, die Beleuchtung in den Zelten funktioniert, nichts in den Durchgängen rumsteht, was da nicht hingehört, der Toilettenwagen sauber ist und überall Toilettenpapier bevorratet ist. Das sind eigentlich Kleinigkeiten oder Selbstverständlichkeiten, aber die müssen auch kontrolliert werden. Denn, wie heißt es so schön: "Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser!"
Ich weiß, meine Kameraden lächeln über mich, wenn ich solche Rundgänge mache, aber wir haben Rollstuhlfahrer im Lager, für die kann ein rumliegender Ast oder Schaufelstiel schon ein Hindernis sein, deshalb die täglichen Kontrollen, besonders abends, bevor es dunkel wird. Die Wege im Lager und zu den Waschzelten oder Toilettenwagen müssen immer frei befahrbar sein und nachts immer gut ausgeleuchtet. Unsere Nachtwachen sind ja auch verpflichtet, nicht nur um das Lager herum zu kontrollieren, sondern auch vor und gegebenenfalls auch in den Zelten.
Ja, unsere Kameraden und Kameradinnen nehmen ihre Aufgaben schon ernst, sie wissen aber auch, dass ich ganz schön meckern kann, wenn etwas nicht richtig funktioniert.
Die letzte Ferienwoche beginnt mit strahlendem Sommerwetter. Die meisten Teilnehmer wollen heute nochmals den Tag im Freibad verleben. Also haben wir einen "Pendelverkehr" zwischen Lager und Freibad eingerichtet, denn schon, wenn ein querschnittgelähmtes Kind auf die Toilette muss, kann das der Grund für eine schnelle Fahrt ins Lager sein, wobei eine Urinflasche sowieso immer greifbar sein musste.
Im Freibad hat sich der Bademeister einige Spiele einfallen lassen, so wurde ein "Wettschwimmen" mit Querschnittgelähmten organisiert. Der "Wettkämpfer" wurde in einen großen Reifen gehoben, mit den Armen musste er sich festhalten, ein Schwimmer bekam den Reifen samt "Inhalt" an einer kurzen Leine angehängt und musste durch das Becken schwimmen. Mindestens eine Betreuerin immer daneben und natürlich hatte der Bademeister alles genau im Blick. Nach kurzer Zeit hatte er sogar noch Unterstützung durch einen Rettungsschwimmer, den er telefonisch in das Bad beordert hatte. Das Ganze gab unheimlich viel Spaß, es wurde gelacht und auf der Wiese herumgetobt, es war eine Freude, diese Ausgelassenheit zu sehen. Zum Mittag waren alle wieder im Lager, ohne eine Schramme und ohne Sonnenbrand, denn unsere Betreuerinnen hatten ihre Schützlinge gut mit Sonnenschutzcreme eingeschmiert.
Zwischenzeitlich habe ich ein Telefonat mit dem Wirt der Ausflugsgaststätte "Sternmühle" geführt. Manfred hatte dieses Ausflugsziel vorgeschlagen und mir gleich die Telefonnummer dazu gegeben. Den letzten Ausflug wollten wir in das idyllische Sternmühlental machen. Ich bin die Strecke schon mal abgefahren und war von der Landschaft sehr beeindruckt. Der Wirt hatte schon von unserem Lager in der Zeitung gelesen und am Stammtisch habe man sich von der Lagereröffnung und unserem Ausflug zum Schloss Augustusburg samt Fahrten mit der Standseilbahn erzählt. Deshalb war mein Anruf eigentlich nur noch der Auslöser für eine Einladung in die Sternmühle. Obwohl montags und dienstags Ruhetage sind, lud mich der Wirt ein, doch möglichst sofort persönlich vorbei zu kommen, um alles abzusprechen, er wäre gern bereit, einen Ruhetag für unseren Besuch auszusetzen.
Also, nichts wie ins Auto und nach Kleinolbersdorf in die Sternmühle fahren! Das sind ja alles keine großen Strecken von Euba, vielleicht 12 Kilometer bis zur Sternmühle, somit durchaus für unsere Kinder eine zumutbare Fahrstrecke.
Der Wirt begrüßte mich im Hof. Der ältere Herr war gerade beim Holzstapeln. Als ich in den Innenhof einfuhr, ließ er aber von seiner Arbeit ab und lud mich in den schönen historischen Gastraum ein. Wir setzten uns an den Stammtisch, er bot mir eine Tasse Kaffee an und erst dann kamen wir in ein anfänglich sehr einseitiges Gespräch. Er erzählte von der Historie der Sternmühle, erstmalig 1541 als "Brettmühle" erwähnt, später erweitert zu einer Getreidemühle mit Bäckerei und 1849 schließlich die Ausschankkonzession. Nach mehreren Erweiterungsbauten wurde es diese idyllisch gelegene Ausflugsgaststätte, die er nun in vierter Generation führt und bald die fünfte Generation das Zepter übernehmen wird. Dann kam er wieder auf das Stammtischgespräch zu sprechen, das er bereits am Telefon erwähnte, und das sich eine längere Zeit nur um unser Lager gedreht haben muss. Der Bäckermeister aus Niederwiesa gehört zur Handwerker-Stammtischrunde und hat von seiner Aktion zur Lagereröffnung erzählt, mit welcher Freude die Kinder das Kuchengeschenk angenommen haben. Überhaupt muss der Bäckermeister sehr von dem Lager und der Idee geschwärmt haben, und dass er extra wegen dem Lager seinen Urlaub um eine Woche verkürzt habe.
Er, der Wirt der Sternmühle, freue sich, dass er nun auch die Gelegenheit habe, etwas zu den Erlebnissen der Kinder beizutragen und er lädt uns gerne zu Kaffee und Kuchen morgen, also Dienstag, in sein Haus ein!
Ich war von dieser Einladung, die so von Herzen kam und so spontan ausgesprochen wurde, fast überwältigt. Dabei wollte ich doch nur die Möglichkeit einer Einkehr nach einer kurzen Wanderung durch das Sternmühlental abklären. Der Wirt ließ mich kaum zu Wort kommen, bevor er nicht seine Einladung ausgesprochen hatte. Natürlich habe ich mich über so eine Reaktion sehr gefreut. Jetzt kam ich ins Erzählen, habe von dem Anlass zu diesem Lager gesprochen, von unserem Einsatz im Vorjahr in Euba und dem dort übertragenen Auftrag des Vizepräsidenten und habe dann von dem Lager, den Erlebnissen und der großen Hilfsbereitschaft berichtet, die wir in der Bevölkerung und in den einzelnen Einrichtungen erleben durften.
Wir haben bestimmt eine gute Stunde zusammengesessen, inzwischen hatten sich weitere Familienmitglieder eingefunden, sich zu uns gesetzt und sehr aufmerksam meinen Erläuterungen zugehört. Na, und wenn ich erst mal ins Schwärmen über unsere Arbeit komme, dann stoppt mich so schnell nichts. Die meiste Heiterkeit habe ich wohl mit den Episoden zur Beschaffung des Toilettenwagens hervorgerufen. Jedenfalls wurde mir sofort ein Raum für mögliche Pausen der Behinderten angeboten, eine geeignete Toilette war vorhanden und am Haupthaus führt eine Rampe zur Gaststätte. Ich habe versprochen, alle notwendigen Utensilien für alle Fälle vorher vorbeizubringen. Nach dieser gemütlichen Kaffeerunde haben wir uns herzlich verabschiedet, gegenseitig für morgen schönes Wetter gewünscht, und verabredet, dass gegen 15;00 Uhr die ersten "Wanderer" da sein werden.
Zurück ins Lager und alles mit der Lagerleitung abgestimmt, das war eins. Das Programm für Dienstag stand damit fest.
Wieder ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Strahlende Sonne, kaum ein
Lüftchen, es hat Spaß gemacht, aufzustehen und den Tag zu beginnen.
Womit? Natürlich mit einer gründlichen Körperpflege. Brr, war das Wasser
kalt!
Die "Techniktruppe" saß schon geschlossen am Frühstückstisch, es wurde abgesprochen, was den Tag über jeder zu erledigen hat. Es wurde festgelegt, wer heute die Anfahrten bis Kleinolbersdorf macht, wo wir die Teilnehmer aussteigen lassen und wo sie später wieder abgeholt werden. Die Haltepunkte hatte ich bei meiner Runde ausgesucht.
Wie immer, haben wir die Teilnahme an dem Ausflug natürlich freigestellt, es hatte sich aber der größte Teil unserer Teilnehmer gemeldet, also haben wir die Abfahrt so organisiert, dass 14:00 Uhr die erste Tour starten konnte. Am Ortsausgang von Kleinolbersdorf wurden die "Fahrgäste" wieder abgesetzt, um sofort die nächste Gruppe zu holen.
Die Straße bis Sternmühle ist in sehr gutem Zustand, man hat den Eindruck, sie ist neu asphaltiert, rechts und links ein schöner Baumbestand und ein wunderbarer Blick in das Sternmühlental. Bis zur Gaststätte wandert man ganz gemütlich vielleicht eine gute halbe Stunde. Auf der Straße ist kaum Verkehr, und das Wetter könnte nicht besser sein. Es passte also alles zusammen für einen sehr geruhsamen Ausflug.
Während ich Versorgungsfahrer spielte, die "Vorsorgepakete" (frische Windeln, Pflegemittel, Urinflaschen, Vorlagen) in die Gaststätte brachte, um sie dort für den Notfall zu deponieren, machten unsere Spaziergänger und -fahrer mit viel Freude eine schöne Wanderung. Wir hatten ja nicht verraten, dass der Wirt zu Kaffee und Kuchen eingeladen hat, sondern hatten nur gesagt, dass es eine sehr schöne Landschaft ist und die Teilnehmer an der Gaststätte wieder von unseren Fahrzeugen abgeholt werden. Nachdem alle Gruppen in Kleinolbersdorf ausgeladen waren, sind die B1000-Busse vorgefahren, lediglich ein Fahrzeug fuhr als "Lumpensammler" am Schluss der Wandergruppen hinterher.
In der Gaststätte wurden unsere Teilnehmer herzlich empfangen, in die Veranda geführt. Dort hatte die Wirtsfamilie alles schön eingedeckt, ein Kuchenbuffet mit verschiedenen frischen Obstkuchen aufgebaut, wo sich jeder bedienen konnte wie er möchte. Dazu wurde wunschgemäß "Blümchenkaffee", Kakao und für die Erwachsenen Kaffee angeboten. Alle waren über diesen Empfang überrascht und trauten sich anfänglich gar nicht an dem Buffet zuzulangen. Die Wirtin lud alle herzlich ein und es wurde eine fröhliche "Kaffeerunde" - habe ich mir erzählen lassen, denn ich war inzwischen schon wieder zurück im Lager. Mit den Wirtsleuten hatte ich abgesprochen, dass ich gegen 18:00 Uhr nur noch schnell die "Vorsorgepakete" und gegebenenfalls den Windelsack abhole.
Dieses Mal hatten wir aber auch für die Wirtin der Sternmühle eine kleine Überraschung. "Ecke" hatte einen ordentlichen Blumenstrauß aus der Stadt mitgebracht, den haben wir in unserem "Karpatenschreck", dem Kofferwagen, mit dem wir unseren "Elektrorolli" immer extra transportieren, deponiert und unseren Elektro-Rollifahrer hatten wir auch eingeweiht, mit der Bitte, den Strauß zum Schluss der "Kaffeerunde" der Wirtin als Dankeschön zu überreichen. Ursel hatte noch eine DRK-Puppe und Wimpel dabei, und ich habe mir erzählen lassen, dass bei diesem "Danke" die Tränen bei der Wirtin geflossen sind. Mit solch einer Reaktion hatte sie wohl nicht gerechnet. Als ich um 18:00 Uhr unsere "Vorsorgepakete" und die gebrauchten Windeln abholte, kam sie extra nochmals in die Gaststube um danke zu sagen. Bei der Abrechnung der "Kaffeerunde" merkte ich dann am Preis, dass der Wirt sich auch sehr über dieses Dankeschön gefreut hat, denn ich wurde mit meinem dienstlichen Geldbeutel fast aus dem Lokal gejagt. Nein, ganz so hart war es nicht. Wir haben uns ganz herzlich verabschiedet, unserem Lager und der Idee dazu wurde alles Gute gewünscht. Der Wirt wollte mir noch einen heimischen "Kräuter" ausgeben, aber ich musste dankend ablehnen, war ja Autofahrer und damit bei "0,00" Promille.
Trotzdem, es war ein gelungener Ausflug, der unseren Kindern sicher auch in Erinnerung bleibt.
Inzwischen haben wir - eigentlich unsere Truppe vom Jugendzug - mit Hilfe von unserem Nachrichtentechniker Heinz und einem Discjockey, den unser "Kulturmanager" organisiert hatte, eine Abschlussparty in der Turnhalle vorbereitet. Wir wollten den Tag richtig fetzig ausklingen lassen.
Im Lager bereiteten sich alle auf die Disco vor. Nach dem Abendbrot wurde sehr zügig geduscht und dann schick für den Schwof gemacht. Heute Abend wollten es noch mal alle so richtig genießen. Unsere Betreuerinnen haben sich und ihre Schützlinge herausgeputzt. In der Turnhalle wurde ganz ausgelassen, gefeiert.
"Ecke" machte mit unserem "Küken" den Eintänzer und es dauerte nicht lange, da war richtig Betrieb auf der Tanzfläche. Keiner hatte Hemmungen, es war ja kein Fremder da, der unsere Rolli-Kinder beobachten könnte und sie legten alle sonst gezeigte Hemmungen ab und freuten sich einfach des Lebens.
Der letzte Tag im Lagerleben beginnt mit der gewohnten Routine. Hebbel und Horst sorgen für warmes Wasser im Dusch-Motorwagen, "Ecke"! holt frische Brötchen beim Bäcker, unsere Kinder werden durch Heinz mit Musik über die Lautsprecheranlage geweckt. Dann wird Frühstück vorbereitet und das Speisezelt füllt sich langsam.
Unsere beiden "Abführ-Kandidaten" bekommen wieder nur ein leichtes Grieß-Süppchen, bevor sie in der Krankenstation einziehen und dort ihren Abführtrunk einnehmen müssen. Die beiden Betreuerinnen wechseln sich in der Überwachung der Beiden ab, versorgen sie mit Getränken und beschäftigen sich mit ihnen. Da wird Karte gespielt oder Zeitung gelesen. Musik haben sie aus dem Kofferradio. Sie haben ja keine Schmerzen, sie merken ja kaum was, aber es muss halt sein.
Die ganze "Aktion" dauert meist zwei bis drei Stunden, dann sind sie wieder etwas erleichtert und können, wenn sie wollen, draußen spielen als sei nichts gewesen. Die Betreuerinnen haben aber noch zu tun. Der MUS-Faltkoffer muss gründlich gereinigt und gelüftet werden, Betten sind zu desinfizieren und neu beziehen - auch, wenn es nur noch ein Tag bis zur Abreise ist - wir könnten ja noch einen Zwischenfall haben und brauchen dann eventuell die Krankenstation. Die Mädels kennen ja das Zeremoniell und gaben sich Mühe, schnell damit fertig zu sein. Ursel kam aber erst noch kontrollieren, ob tatsächlich alles wieder in Ordnung ist, bevor die angehenden Krankenschwestern sich angenehmeren Sachen zuwenden können. In den Zelten ist heute sowieso eine Unruhe. Da werden Koffer und Taschen gepackt. Die Inhaltsverzeichnisse der Koffer müssen abgeglichen werden, ob alle Sachen vollständig sind. Unsere Windelträger wurden in das Wirtschaftszelt gebeten, dort hatten wir schon seit Tagen die sauberen Windeln nach Einrichtungen sortiert, um sie wieder mit den Kindern zurückzugeben.
Unser "Reinigungskommando" wurde wieder durch Mädels aus Reihen der Betreuerinnen verstärkt, denn die Turnhalle sollte doch wieder ganz gründlich sauber gemacht werden.
Neben diesen sehr prosaischen Tätigkeiten wurden natürlich Adressen ausgetauscht, sich fest versprochen, dass man bestimmt Kontakt hält und sich gegenseitig schreibt, in der Hoffnung, sich irgendwann mal wieder zu treffen. Das ist wohl in allen Kinderferienlagern gleich, unser Lager bildet da keine Ausnahme.
Einige der Makramee-Arbeiten, gemalte Bilder oder auch ein in "Schönschrift" geschriebenes Gedicht wurden in der Lagerleitung abgegeben. Wir hatten die Teilnehmer gebeten, uns solche Arbeiten zu überlassen und wollten sie als kleine "Dankeschön - Erinnerungen" an die Menschen weitergeben, die sich für das Gelingen des Lagers mit eingesetzt haben.
Zum Mittag hatte unsere Küchenmannschaft noch mal richtig "Dampf gegeben" und ein gutes Drei-Gänge-Menü gezaubert, sehr zur Begeisterung aller Teilnehmer.
Dann war zum letzten Mal "Mittagsruhe" angesagt. Na ja, so richtig Ruhe wollte nicht aufkommen, aber es durfte nicht draußen herumgetobt werden. Meist waren die Betreuerinnen bei ihren Schützlingen und man alberte in den Betten herum.
Nach dem Kaffee wurde wieder in die Turnhalle eingezogen. Wir hatten Stuhlreihen aufgestellt, alles ein wenig feierlich gemacht und hatten für 16:30 Uhr die Menschen eingeladen, die uns so tatkräftig in den letzten drei Wochen unterstützt haben. Kamerad OMR Dr. Hagemoser ist gekommen, um im Namen des Präsidiums des DRK zu danken.
Ursel übernahm es, im Namen der Teilnehmer dem Präsidium des DRK der DDR dafür zu danken, dass dieses Lager stattfinden konnte, dann wandte sie sich an unsere heutigen Gäste, oder besser, unsere Nachbarn, die uns sehr oft und mit herzlicher Selbstverständlichkeit Hilfe und Unterstützung gaben.
Manfred, Kurt, Albert, Hans gehören dazu, aber auch unsere Lagerärztin, die Frau Bürgermeisterin von Euba - sie alle aufzuzählen würde den Rahmen der Feierstunde sprengen. Den aktivsten konnten Ehrenurkunden überreicht werden und von allen Teilnehmern ein herzlicher Applaus.
Die Bürger von Euba haben uns wieder eingeladen, sie würden sich freuen, wenn das DRK im nächsten Jahr wieder so ein Ferienlager durchführen würde und wieder nach Euba käme. Die Gesichter unserer Teilnehmer wurden immer trauriger, als ihnen bewusst wurde, dass es der letzte Abend ist, den wir gemeinsam erleben.
Morgen stehen die Fahrzeuge wieder auf dem Platz, um die Teilnehmer abzuholen. So ganz gelang es nicht, diese Stimmung wieder aufzulockern. Es sollte doch eigentlich ein freudiger Abschluss sein. Da mussten aber erst einige Tränen aus den Augen gewischt werden.
Kamerad Dr. Hagemoser versprach, dass er alles in seiner Kraft stehende tun wird, dass auch im Folgejahr ein Ferienlager für Rollstuhl-Kinder durchgeführt wird.
An diesem Abend dauerte es lange bis Ruhe in das Lager einzog. Natürlich, wie in allen Kinderferienlagern wurde am letzten Abend viel Unfug verzapft. Da wurden Schlafanzughosen zu einem einzigen Wäscheknäuel verknotet, Ärmel oder Hosenbeine waren zugenäht, Lichtschalter mit Zahnpasta präpariert, die Mädchen mit weißen Kapuzen und Taschenlampen im Mund erschreckt - alles solcher Unfug, den wir wohl alle gemacht haben, als wir in dem Alter waren und die letzte Nacht in einem Ferienlager uns um die Ohren geschlagen haben. Warum sollte es in unserem Lager anders sein? Die Teilnehmer sind im gleichen Alter, zehn bis fünfzehn Jahre, sind doch noch Kinder - also, habt euren Spaß! Wir hatten ihn schließlich auch und ich denke gerne an meine Ferienaufenthalte in den Kinderferienlagern zurück.
Irgendwann ist dann auch der letzte Spaßmacher eingeschlafen, unsere Nachtwachen mussten nur aufpassen, dass sie nicht in die Zahnpasta an dem Lichtschalter greifen, die vielleicht noch daran klebt. Passieren konnte ja nichts, die Schalter waren gegen Feuchtigkeit schutzisoliert.
Am Morgen schauten einige Teilnehmer noch recht müde aus. So lange hatten sie herumgetobt, jetzt fehlte der Schlaf. Ein letzter Besuch im Waschzelt, noch ein wenig mit dem Wasser gespritzt. Die Betreuerinnen hatten schon ihre Problemchen mit den Schützlingen bis alle frisch und schmuck am Frühstücktisch Platz nehmen konnten. Es war reichlich am Buffet vorgelegt, wer wollte konnte sich gerne noch einen Imbiss für unterwegs zurecht machen, oder machen lassen. Obst lag bereit und kleine Getränkeabfüllungen, alles, damit die Heimfahrt nicht zu langweilig wird.
Um 10:00 Uhr waren die ersten B1000-Krankenfahrzeuge und Kleinbusse da. Das "große Abschiednehmen" begann. Es flossen Tränen, keiner wollte eigentlich das Lager verlassen, es muss den Teilnehmern wohl doch bei uns gefallen haben, und das ist sicher das schönste "Dankeschön", das wir bekommen können.
Da haben wir bestimmt doch so einiges richtig gemacht und konnten Kindern ein Erlebnis schaffen, das sie hoffentlich nicht so schnell vergessen werden.
Es wurde Mittag bis alle Teilnehmer auf ihrer Heimtour waren. Peter wurde selbstverständlich wieder von seinen Eltern abgeholt. Ihm fiel das Abschiednehmen besonders schwer. Die Tränen wollten einfach nicht aufhören und kullerten ununterbrochen über das ganze Gesicht. Die Mutti heulte gleich mit, so gerührt war sie über den Abschied.
Der Nachmittag war eine Zeit zum "Abschalten". Die Betreuerinnen mussten sich beruhigen, denn ihnen ist es wohl auch schwer gefallen, sich von ihren Schützlingen zu verabschieden. Es ist doch etwas anderes, ob man sich von einem Patienten im Krankenhaus verabschiedet, der hoffentlich gesund entlassen werden kann, oder ob man sich von einem kleinen Freund oder einer kleinen Freundin verabschieden muss, denn die Schützlinge waren den Betreuerinnen in den drei Wochen doch ziemlich ans Herz gewachsen. Es war für die Betreuerinnen nicht nur ein Berufspraktikum, es waren offensichtlich auch sehr lehrreiche Erlebnisse, die man mit Behinderten machen konnte. Diese Erfahrungen sind bestimmt sehr wichtig, wenn man eine gute Krankenschwester werden will, denn dieser Beruf müsste für Jeden, der diese Tätigkeit erfüllt und Menschen helfen will, Berufung sein.
Im Speisezelt hatten wir Tische zu einem großen "U" zusammengestellt, zum Kaffee wurden zwei schöne Kaffeeschüsseln serviert, die Lagerleitung führte ein abschließendes Leistungsgespräch mit den Betreuerinnen. Sie sollten ihre Erfahrungen berichten, die Lagerleitung bewertete die Arbeit der Betreuerinnen im Einzelnen und händigte dann die Leistungsbögen aus. Allen Betreuerinnen konnten sehr gute beziehungsweise gute Leistungen bescheinigt werden. Diese Bewertung geht in die Jahreszeugnisse der Ausbildung mit ein.
Am Abend haben wir dann nochmals den Grill angefeuert, um in großer Runde gemeinsam den Abschluss des Berufspraktikums in diesem Ausbildungsjahr zu feiern. Es war ein lustiger Abend, die Mädels waren froh über den erfolgreichen Abschluss und wir gratulierten ihnen und uns, dass wir nicht einen Kranken in den drei Wochen hatten. Nicht mal einen Schnupfen. Wir hatten unser selbstgestecktes Ziel, dass kein Kind während des Lagers krank wird, erreicht! Das war eine gute Leistung aller Beteiligten. Nun darf auch gefeiert werden. Der Abend wurde lang, aber gemütlich. Der Druck, der ja doch auf allen Erwachsenen lastete, ist verschwunden. An diesem Abend hatten auch unsere Kameradinnen und Kameraden vom Jugendzug frei, denn eine Nachtwache musste nicht gestellt werden. Beendet wird der Einsatz für die Betreuerinnen aber erst Morgen.
Freitag, der letzte Arbeitstag für die Krankenpflegeschülerinnen. Heute wurde auch nicht wie sonst mit Musik geweckt. Es durfte ausgeschlafen werden - verdient hatten wir uns das wohl alle. Die Mädels hatten noch die Aufgabe, die Zelte soweit zu beräumen, so dass wir nur noch die Betten raus tragen und verladen brauchten. Also, Betten abziehen, die Wäsche sortiert und gezählt bündeln, damit sie gleich so in die Wäscherei gebracht werden kann, die Decken zählen und in die Deckensäcke verpacken und diese kennzeichnen, denn die Decken gingen auch sofort in die Reinigung. Dann waren die Betten mit einer Desinfektionslösung abzuwischen, denn in unserer Dienststelle war dafür kein Platz vorhanden. Die Regale wurden abgebaut und alle "Verzierungen" der Innenwände der Zelte mussten entfernt werden, denn die Innenwände werden auch gleich in die Wäscherei gebracht. Die Kinder hatten sich ja teilweise Bilder über ihr Bett geheftet, warum auch nicht, so lange sie die Innenwände nicht bemalt haben, gab es keine Einwände unsererseits. Unsere Einsatzkräfte vom Jugendzug machten von allen Sachen, die aus den Zelten geräumt wurden, sofort eine Bestandsaufnahme, das erspart später eine weitere Einsatzinventur.
Letztlich mussten die Mädels noch ihre eigene Sachen packen und auch diese beiden Zelte ordnungsgemäß leer räumen. Erst nachdem alle diese Arbeiten erledigt waren, durften die Mädels abreisen. Wer nicht von der Familie oder Freund abgeholt wurde, den brachten wir mit einem B1000-Bus zum Bahnhof.
Zwischenzeitlich haben unsere Kameraden die ersten Transport-LKWs auf den Lagerplatz gefahren. Die Bettteile wurden verladen, gleich so geordnet, dass wir bei der Entladung der Fahrzeuge in Leipzig, alles sofort in unsere Lager einsortieren können.
Ursel räumte gemeinsam mit mir und Manfred die MUS-Faltkoffer auf. Anschließend erfolgte auch hier eine gründliche Reinigung. Wände und Böden wurden feucht gewischt. Manfred baute alle externen Zu- und Ableitungen ab. Die Wasserschläuche wurden zum Trocknen aufgehangen. Die Faltkoffer wurden zusammengeklappt und dann der ganze Koffer mittels der Hebestützen so hoch gehoben, dass der zugehörige LKW den Koffer rückwärts unterfahren kann. Koffer aufsetzen und verriegeln, die Stromkabel im dazugehörigen Aggregat-Hänger verstauen und fertig ist der MUS-Faltkoffer zum Abtransport. Der eigentliche Vorgang des Anbaues und Verladens dauert zirka 20 Minuten. Ist schon eine tolle Sache mit den Faltkoffern. Wir sollen ja noch mehr solche spezielle Technik in der nächsten Zeit bekommen.
Komisch, der Abbau eines Lagers geht immer schneller als der Aufbau.
Es mussten alle Verkabelungen abgebaut werden. Da waren die Nachrichtenkabel, die Lautsprecheranlage, die Lagerbeleuchtung, die Stromkabel - alles musste wieder auf Kabeltrommeln gewickelt werden.
Die Küchenbesatzung hat einen Küchenzug transportfertig gemacht. Eine Küche reichte völlig aus zur Versorgung der Mannschaft.
Der Filmwagen, die "kalte Küche" und der Nachrichtenwagen wurden fahrbereit abgestellt. Die Stromaggregate, soweit sie nicht noch benötigt werden, wurden an die Transport-LKWs gekoppelt und alles auf Verkehrssicherheit geprüft.
Alle Fahrzeuge, die beladen waren, konnten am Sonnabend bereits nach Leipzig gebracht werden. Wir hatten uns abgestimmt, dass die erste Transportkolonne am Sonnabend nachmittags fährt und die Kameraden Montag früh wieder in Euba sind.
Bei all diesen Arbeiten brauchte keiner unserer Kameraden eine Anleitung. Jeder kannte seine Aufgaben genau. Feierabend wurde erst gemacht, als die Dunkelheit eine Weiterarbeit nicht mehr zuließ.
Der Sonnabend brachte wunschgemäß schönes Wetter, so dass die Zelte schnell trocken wurden. Das Speisezelt wurde als erstes Zelt abgebaut, alle Teile ordnungsgemäß zusammengelegt, die gefalteten Zeltbahnen zusammengerollt und gleich verladen.
Die Zeltheringe mussten vor dem Verladen gesäubert und gebündelt werden. Da wären Gitterboxpaletten sicher angebracht gewesen, aber die standen uns leider nicht in ausreichender Menge und Größe zur Verfügung.
Am Nachmittag fielen sogar schon die ersten Unterkunft-Zelte und wurden ordnungsgemäß zusammengepackt. Darin waren unsere jungen Einsatzkräfte schon geübt. Sie brauchten kaum eine Anleitung dafür. Lediglich Manfred blieb dabei, denn die Gestänge der Durchgänge der Med.-Zelte mussten extra verpackt werden. Gegen 15:00 Uhr war dann die erste Transportkolonne zusammengestellt und konnte vom Platz rollen.
Bis in die Stadt, mit dabei waren die Damen der Lagerleitung, unser "Kulturmanager" sowie Ursel, unsere Seele von Krankenschwester. Sie hatten ihre Sache wirklich gut gemacht und es war eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Lagerleitung und Einsatzleitung. "Danke" dafür, es hat Spaß gemacht mit euch zusammen zu arbeiten. Wir verabschiedeten uns auch von einigen Mitgliedern des Jugendzuges. Sie hatten ab der kommenden Woche andere Verpflichtungen und sollten so wenigstens den Sonntag noch für sich haben. Ein herzliches Dankeschön für ihre Einsatzfreude, die sie hier im Lager wieder bewiesen haben. Wir sehen uns ja spätestens zum nächsten Clubabend in Leipzig wieder. Es war mit Karl-Heinz verabredet, dann eine Gesamtauswertung des Einsatzes vorzunehmen. Wenn meine Fotos geworden sind, wollte ich dann einen Dia-Vortrag zu dem ersten Rollstuhl-Ferienlager halten. Na ja, ich hatte noch mit einer analogen Kamera fotografiert und da war man erst sicher, dass die Bilder was geworden sind, wenn man den entwickelten Film in der Hand hatte. Ich hatte da noch einen kleinen Vorteil, denn das Entwicklungslabor war bei mir zu Hause im Hinterhof und da wurde ich bevorzugt, wenn ich Filme abgab. Meist am selben Tag bekam ich die entwickelten Filme zurück und wurde nicht noch tagelang auf die Folter gespannt, wie "Otto Normalverbraucher", der teilweise eine Woche auf die Entwicklung seiner Filme warten musste. Digitaltechnik, so wie heute, wo man sofort nach dem Auslösen auf dem Bildschirm sieht, wie das Foto gespeichert wird, gab es damals für uns noch nicht.
"Also, Tschüss, gute Fahrt, bringt die Fuhre heil heim. Schönen Sonntag und beste Grüße an eure Frauen. Sie werden euch ja hoffentlich wiedererkennen und zu Hause reinlassen!"
Unsere hauptamtlichen Kameraden wollten Montag spätestens 09:00 Uhr wieder hier sein, damit der Lagerabbau zügig weiter gehen kann.
Für uns, die noch hier vor Ort waren, habe ich auch bald zum Feierabend "geblasen". Ab unter die Dusche, das war der erste Wunsch. Dann ein gutes Abendbrot und ein "Feierabend-Bier". Das haben wir uns ehrlich verdient, da murrte keiner, das war allen recht.
So ganz ohne Räumen ging es dann am Abend aber doch nicht. Ich musste meine Büroarbeit erledigen, das Kassenbuch und die Handkasse abgleichen und mich noch mal vergewissern, dass für Montag die Leute bestellt waren, die den Telefonanschluss zurück bauen. Die Kollegen der Energieversorgung wollten auch Montagvormittag da sein und ihren Netzanschluss kappen. Wir hatten ja noch Aggregate da, um unsere Technik autonom betreiben zu können. Schließlich wollten wir, dass wir den Sportplatz so verlassen, wie wir ihn vorgefunden haben - nein, das werden wir nicht schaffen, denn die Spuren, die wir hinterlassen in der Grasnarbe brauchen bestimmt einige Zeit, aber der Vorsitzende der Sportgemeinschaft sah das nicht so eng. Er war überzeugt, "... dass, wenn die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, der Autor) mit einer Egge über den Rasen geht, alle Löcher zugemacht sind und ein Eimer Grassamen wieder drauf kommt, kann man im späten Herbst sogar wieder Fußball auf dem Platz spielen!"
Sein Optimismus in allen Ehren - wir wünschen uns, dass es keine bleibenden Schäden gibt.
Auch der Sonntag bescherte uns trockenes Wetter. Das ist beim Abbau von Zelten immer besonders wichtig, dass sie trocken verpackt werden können, denn Zelte im Materiallager aufzuhängen ist eine Quälerei. Da muss einer ins Dachgebälk klettern und die Zeltleinen über die Querbalken ziehen und unten hängen zwei, drei Mann dran, um das Zelt hoch zu kriegen. Da warten wir lieber am Einsatzort bis die Zelte an der Luft abgetrocknet sind (wenn das Wetter uns keinen Strich durch die Rechnung macht). Es gab ja genug andere Sachen, die eingepackt werden mussten, ob das die Papierkörbe waren oder die Tische und Stühle, alles wurde geschrubbt, in die Sonne zum Trocknen gestellt und dann erst verladen. Mit solchen Arbeiten kann man einen Sonntag auch verbringen. Bloß gut, dass Marianne die Stimmung mit einem vorzüglichen Mittagessen und Abendbrot wieder auffrischt.
Ralf, ihr Ehemann, war schon am Donnerstag mit nach Leipzig gefahren, die berufliche Pflicht ruft! Der ehrenamtliche Koch wird wieder zum Wagenmeister der Deutschen Reichsbahn und beides macht er mit Liebe zur Sache.
Mit diesen Putzarbeiten geht der Sonntag vorüber. Jetzt stehen nur noch die leeren Zelte, die sind aber morgen erst dran.
An diesem Abend trafen wir uns nochmals mit unseren Nachbarn, die inzwischen gute Freunde für uns waren. Wir haben uns bei ihnen bedankt und gemeinsam ein "Abschiedsbier" getrunken, denn wenn sie morgen von der Arbeit heim kommen, sind wir hoffentlich schon über alle Berge. Also, Prost!
Montagmorgen sind die Kameraden ganz pünktlich wieder vor Ort. Noch ein gemeinsames Frühstück, inzwischen hat die Sonne die Zelte abgetrocknet und wir können mit dem Abbau beginnen. Das geht heute besonders zügig, denn jeder kennt die Handgriffe. Es sind ja nur noch unsere hauptamtlichen Kräfte und einige Mitglieder des Jugendzuges, aber die haben das auch schon so oft mitgemacht, dass alles reibungslos klappt.
Marianne hat ein "Reste-Mittagessen" gemacht. Unsere Küchenbesatzung hat prima kalkuliert, es sind kaum ein paar Konserven übrig, alles andere ist aufgebraucht. Fast alle bestellten Firmen sind pünktlich vor Ort. Das Telefon wird abgeschlossen, nachdem ich dem Vizepräsidenten gemeldet habe, dass wir das Lager abgebaut haben und spätestens Dienstag die letzten Kräfte den Einsatzort verlassen, denn auf die Leute der Energiewirtschaft warten wir noch und den Fäkalienwagen habe ich auch nochmals bestellt, schließlich wollen wir auch die Gruben leer übergeben.
Bei dem zuständigen Hygieniker des Gesundheitsamtes und beim Bezirksarzt habe ich unser Lager abgemeldet und mich für die gute Zusammenarbeit bedankt. Der Bezirksarzt hat seinerseits uns weiterhin viel Erfolg gewünscht und würde sich freuen, wenn er uns im nächsten Jahr wieder begrüßen könnte - das steht allerdings nicht in meiner Macht.
Zum Mittagessen haben wir alle anwesenden Techniker mit eingeladen. Es war eine lustige Runde und die Mittagspause wurde etwas länger als sonst.
Gleich nach dem Essen habe ich unsere Abschiedsrunde gemacht. Zuerst zur Frau Dombrowski, der liebenswürdigen Chefin der Einmann-Wäscherei. Ein ordentlicher Blumenstrauß, eine Makramee-Arbeit, eine DRK-Puppe und ein DRK Wimpel, so bin ich angetreten, um uns ganz herzlich bei ihr zu bedanken für die tolle Unterstützung, die sie uns gewährt hat. Sie war überrascht, damit hatte sie überhaupt nicht gerechnet und dieses Mal war es an ihr, mich in die Arme zu nehmen und sich herzlich für diese Überraschung zu bedanken. Der Heimleiterin habe ich auch "Danke" gesagt und die Adresse unserer Dienststelle wegen der anteiligen Stromrechnung da gelassen.
Anschließend ging es zum Bäcker. Heute hatte er ja eigentlich Ruhetag, aber den Weg zur Backstube kannte ich ja. Dabei fiel mir auf, dass wir in den drei Wochen der Lagerzeit von einem Ruhetag der Bäckerei überhaupt nicht bemerkt haben. Hat der Meister etwa nur für uns montags Brötchen gebacken? Die Frage wurde mir einfach nicht beantwortet.
Die gleiche freudige Überraschung. Auch hier für die Frau Meisterin einen Blumenstrauß, für den Meister eine Flasche Rotwein, für den Laden eine DRK-Puppe und unseren Wimpel.
Eine weitere Tour habe ich noch in die Stadt gemacht, die Windeln mussten zurückgegeben werden und bei der Frau Oberin konnte ich mich nochmals herzlich bedanken. Sie war inzwischen informiert, dass wir die Leistungen der Schülerinnen mit guten Ergebnissen bescheinigen konnten und sie bedankte sich bei uns für diesen doch sehr lehrreichen und interessanten Ausbildungsabschnitt.
Als ich in das Lager, oder das was noch davon übrig war, zurück kam, waren die meisten LKWs fertig beladen und abfahrbereit.
Es war inzwischen 16:00 Uhr, wir wollten heim, also "Tempo", den Rest verladen, dann aber ab mit der Fuhre!
In diesem Augenblick erlebte ich etwas, das ist mir in der gesamte Dienstzeit beim Hilfszug nur einmal passiert.
Eine der Nachbarinnen, die Menschen, die unmittelbar neben unserem Lagerplatz wohnen, die wir fast fünf Wochen Tag und Nacht mit unserem Krach belästigt haben, kam mit Blumen. Blumen, die sie aus ihrem Hausgarten geschnitten hatte und vielleicht auch bei den anderen Anwohnern - jedenfalls sehr schön gebundene Sträuße, gleich mit feuchten Tüchern um den Stielen, damit sie möglichst lange richtig frisch bleiben, und sie bedankte sich bei uns für die Arbeit, die wir gemacht haben. Insbesondere dankte sie den ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden - die noch am Platz waren - für die Einsatzbereitschaft.
Es ist wohl der zweite Augenblick in diesem Einsatz gewesen, dass ich bei dieser Geste feuchte Augen bekommen habe. Diese liebenswerten Menschen kommen und sagen uns "Danke" für unsere Arbeit - nur, weil sie täglich miterlebt haben, wie wir uns um die Lagerteilnehmer, insbesondere um die behinderten Kinder, gekümmert haben !
Es war ein wundervoller Augenblick, ein besseres Ende hätte dieser Einsatz sicher nicht nehmen können.
Danke den Einwohnern der Gemeinde Euba bei Chemnitz (dem zeitweiligen Karl-Marx-Stadt), die so einfühlsam das Lager begleitet haben, an den Veranstaltungen teilgenommen und uns geholfen haben, wo immer sie helfen konnten, um das erste Ferienlager des DRK der DDR für körperbehinderte Kinder zu einem vollen Erfolg werden zu lassen.
Danke allen Helfern, allen Firmen, Gaststätten, Einrichtungen und dem Museum, die uns in jeder möglichen Form unterstützt haben, den Behinderten zu zeigen, dass man mit ein wenig Zuwendung ein Erlebnis schaffen kann, das hoffentlich lange in ihnen nachklingt.
Danke den Menschen, die entscheidend mitgewirkt haben, diese Form der Feriengestaltung zu einer Tradition des DRK der DDR werden zu lassen. Persönlich hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, in den Folgejahren noch zwei solcher Ferienlager zu organisieren, mit den technischen Mitteln des Hilfszuges des DRK der DDR und seinen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Diese Lager zu gestalten und für die Teilnehmer zu einem Erlebnis werden zu lassen, dass ist eine dankbare Aufgabe, die die Kameradinnen und Kameraden des deutschen Roten Kreuzes immer wieder mit hoher Einsatzbereitschaft übernommen haben.
Mein besonderer Dank gilt dem Kameraden Heiko Mehner, der mit der Web-Seite www.DRK-DDR.de einen Beitrag zur Wahrung und Würdigung der steten Hilfsbereitschaft der Mitglieder der Organisation geschaffen hat und ich mit Hilfe seines Sohnes Patrick, der die technische Umsetzung der Internetseite durchführt. Neben der umfangreichen Darstellung der Arbeit und Mittel des DRK der DDR, half er mir einen Querschnitt über die Arbeit des Hilfszuges des DRK der DDR darzustellen. Jetzt konnte ich auch meine Erzählung über den Beitrag unserer Organisation zum UNO-Jahr der Behinderten 1981 dem geneigten Leser vorstellen. Ich glaube, diese meist ehrenamtlichen Leistungen der Mitglieder des DRK der DDR wird unter Beachtung der gesellschaftlichen Bedingungen öffentlich zu gering beachtet.
Wir würden uns freuen, wenn Sie im "Gästebuch" der Internetseite Ihrer Meinung Ausdruck geben würden.
Raimund Schliebs
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